Wo Atheismus mit dem Tod bedroht ist

„Lubna Yaseen studierte in Bagdad, ehe Todesdrohungen sie ins Exil zwangen. Ihr Verbrechen bestand darin, das Unausdenkbare zu denken und das Unhinterfragbare zu hinterfragen. Sie erklärte öffentlich, dass sie eine Atheistin sei. (…) Als der amerikanische Fernsehmoderator Dave Rubin auf Yaseens Geschichte aufmerksam wurde und sie Anfang 2016 in seinem Rubin Report vorstellte, nahm ihr Leben eine jähe Wendung. Als die Aufnahmen Online veröffentlicht wurden, war sie mit einer Sturzflut von Todesdrohungen konfrontiert und musste sich schließlich verstecken. ‚Ich bin einfach verschwunden, habe alles zurückgelassen. Ich war immer auf der Flucht, wechselte ständig die Verstecke und Verkleidungen’, erklärte sie. ‚Mir ging nur noch durch den Kopf, dass sie mich töten würden’. Ohne die Hilfe von Secular Rescue, der Organisation, die ihr bei der Flucht nach Kalifornien half, wäre sie noch immer in Lebensgefahr. Dort wartet sie nun auf den Ausgang ihres Asylverfahrens.

Die 2016 gegründete Initiative ist ein Ableger des Center For Inquiry (CFI), einer gemeinnützigen, in den USA ansässigen Organisation, die sich mit der Unterstützung von Richard Dawkins und anderen prominenten Atheisten der Förderung säkularer Werte wie der wissenschaftlichen Rationalität und der Redefreiheit verschrieben hat. ‚Es handelt sich letztlich um eine Fluchtroute für Nichtgläubige aus Ländern, wo es bereits ein Verbrechen ist, auch nur Zweifel an der Religion zu äußern bzw. wo dies eine Gefahr an Leib und Leben darstellt’, so Robyn Blumner, der Präsident und Geschäftsführer des CFI. (…)

In vielen Ländern weltweit geht die Gefährdung Nichtgläubiger direkt vom Staat aus. Einem umfassenden Bericht zufolge, den die International Humanist and Ethical Union, eine im Vereinigten Königreich ansässige gemeinnützige Organisation, die sich für die Rechte nichtreligiöser Menschen einsetzt, vorgelegt hat, kann die Apostasie (worunter auch der Atheismus fällt) gegenwärtig in zwölf Ländern mit dem Tod bestraft werden. Es handelt sich um Afghanistan, den Iran, Malaysia, die Malediven, Mauretanien, Nigeria, Katar, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, die Vereinigten Arabischen Emirate und den Jemen. In Pakistan steht auf Blasphemie, worunter auch atheistische Äußerungen fallen, die Todesstrafe. Selbst in Staaten, die dem Anschein nach die Religionsfreiheit wahren, müssen Atheisten sich vor Bürgerwehren in Acht nehmen. Im Irak ist die Gewissensfreiheit beispielsweise in der Verfassung festgeschrieben. Dennoch war Yaseen mit endlosen Todesdrohungen von Fundamentalisten konfrontiert und erhielt von der Polizei denkbar wenig Unterstützung. ‚Es herrscht eine Mob-Mentalität, die Gewalt gegen Menschen gutheißt, die in religiöser Hinsicht irgendwie abweichen’, so Blumner. (…)

Angesichts dieser Drohungen zögern Menschen verständlicherweise, ihre religiösen Zweifel selbst ihren engsten Vertrauten gegenüber zuzugeben. Dadurch lässt sich schwer ermitteln, wie weit verbreitet der Atheismus in der Welt tatsächlich ist. Allerdings deutet einiges darauf hin, dass es eine beträchtliche Anzahl Atheisten gibt. Bei einer Win/Gallup International-Umfrage von 2012 gaben beispielsweise neunzehn Prozent der Menschen in Saudi-Arabien an, dass sie nicht religiös seien. Fünf Prozent gaben an, sie seien überzeugte Atheisten. Das ist in etwa der gleiche Prozentsatz wie in den USA. Bedenkt man, wie schwer es ist, in diesem Land nichtreligiöses Denken zu erforschen, ist das eine überraschend hohe Zahl und die Dunkelziffer könnte wesentlich höher sein. Obwohl ihre Anonymität garantiert wurde, dürften etliche Nichtgläubige noch immer gezögert haben, ihre religiösen Zweifel eindeutig zum Ausdruck zu bringen.“ (David Robson: „The ‚Underground Railroad‘ To Save Atheists“)

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