Latest News

Wissenschaftsaktivismus in der Holocaust- und Genozidforschung

Endlich wieder Israel kritisieren: Angriff auf des Holocaustgedenken und (deutsche) Schuldabwehr
Endlich wieder Israel kritisieren: Angriff auf des Holocaustgedenken und (deutsche) Schuldabwehr (© Imago Images / Olaf Schuelke)

Im Zuge des Gazakriegs versuchten Wissenschaftsaktivisten über einen Angriff auf das Holocaustgedenken verstärkt, den jüdischen Staat ins Visier zu nehmen und ihn des Genozids zu beschuldigen.

Verena Buser

Das Feld der Holocaust- und Genozidforschung blieb vom Überfall der Hamas auf Israel nicht unberührt. Eine kleine Gruppe von Holocaust- und Genozidforschern betrachtete den 7. Oktober 2023 als geeigneten Moment, Thesen, Konzepte und Aktivitäten weiter voranzutreiben, um eine politische Neuordnung der Disziplinen vorzunehmen.

Dieser »harte Kern« von Forschern nimmt sich als progressiv und solidarisch mit den Palästinensern wahr und hat seit mehr als zwei Jahren teilweise jede rote Linie legitimer Kritik an Israel überschritten. In der Konsequenz befeuern sie Israelhass, Antisemitismus und Antizionismus. Zu ihren Aktivitäten zählt es, wissenschaftlich anerkannte Definitionen von Holocaust, Völkermord und Antisemitismus anzugreifen, sie umzudeuten bzw. neue Definitionen einzuführen.

Es sind zwei miteinander verbundene Entwicklungen in der Holocaust- und Genozidforschung, die nach dem 7. Oktober 2023 vorangetrieben wurden, die besondere Aufmerksamkeit verdienen. Zum einen das Ziel des australischen Genozidforschers Dirk Moses, das von ihm dem modernen Staat unterstellte Konzept der »permanenten Sicherheit zum neuen »Verbrechen der Verbrechen« zu stilisieren. Dabei sei Genozid nur eines der Mittel, neben Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, vor allem westlicher Staaten, diese dauerhafte Sicherheit zu erreichen.

Moses zählt zu dem 2005 in Berlin gegründeten International Network of Genocide Scholars (INoGS) und ist Senior Editor dessen ideologischer Plattform Journal of Genocide Research. Das Netzwerk verfolgt trotz anderslautender »Tätigkeitsbeschreibung« eine politische Agenda. Dort heißt es, INoGS möchte »der Genozidforschung eine überparteiliche Gemeinschaft bieten, in der alle Aspekte der (individuell definierten) Genozidforschung erforscht und analysiert werden können. Seit unserer Gründung unterstützen wir forschungsgeleitete Analysen anstelle politisch motivierter Agenden.«

Rasch nach dem 7. Oktober 2023 wurde das online zugängliche Forum Israel-Palestine eröffnet hat, um den »Genozid« im Gazastreifen zu »debattieren«. In der überwältigenden Mehrheit der Beiträge mit eindeutig antiisraelischer Perspektive – und in Anwendung von Moses’ Konzept der »permanenten Sicherheit« – soll der vermeintliche Genozid nachgewiesen werden, wobei zum Teil Wissenschaftler diffamiert werden, die zu anderen Schlüssen kommen.

Kontinuitäten

Forscher wie Ingo Elbe oder Steffen Klävers arbeiteten heraus, wie »progressive Angriffe« auf die deutsche Erinnerungskultur, auch aus dem Netzwerk heraus, die Erinnerung an den Holocaust, die IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus oder die Umdeutung des Holocaust – weg von einem ideologischen hin zu einem kolonialen Genozid – strukturiert sind. Es ist der Einzug postkolonialer Theorie in die Genozidforschung und, durch das Netzwerk forciert, auch in die Holocaustforschung, der diese Entwicklung seit mehr als zwanzig Jahren fördert.

Postkolonial Argumentierende innerhalb der Holocaust- und Genozidforschung vertreten die These einer Kontinuität, der zufolge der Genozid in Deutsch-Südwestafrika »Ideengeber« für den Holocaust gewesen sei und es eine Kontinuität »Von Windhuk nach Auschwitz« gäbe. Die Kontinuitätsthese bagatellisiert den Antisemitismus und definiert ihn als Rassismus (bzw. dessen Unterform) und vernachlässigt so seine Spezifika.

Dirk Moses gehört dabei zu einer kleinen Gruppe innerhalb der Disziplin, die wiederholt die Präzedenzlosigkeit des Holocaust in ihrer totalen, ideologischen und geografischen Dimension zugunsten einer scheinbar inklusiven Erinnerungskultur oder einer »multidirektionalen Erinnerung«, die nicht durch eine »Opferkonkurrenz« geprägt sei, infrage stellen. Moses fordert, das Konzept von Genozid, das auf den polnisch-jüdischen Anwalt Raphael Lemkin zurückgeht und als entscheidendes Kriterium die »Zerstörungsabsicht« als Voraussetzung für den Tatbestand Völkermord beinhaltet, durch das Konzept der »permanenten Sicherheit« zu ersetzen.  Diese scheinbar humanistische Idee formuliert er wie folgt: »[D]och was kümmert es die zivilen Opfer, ob die Gewalt gegen sie mit genozidalen oder mit militärischen Absichten ausgeübt wird.«

»Permanente Sicherheit« sei »mehr als Genozid« und beinhalte gleichermaßen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« und »Kriegsverbrechen«, um so das Ziel einer »illegitimen permanenten Sicherheit« zu erreichen. Das eigentliche »Verbrechen der Verbrechen« solle nun also nicht mehr der Völkermord sein, sondern der »illegitime« Wunsch nach »permanenter Sicherheit«, ein Konzept also, das bei Moses’ schablonenartiger Anwendung auf den Staat Israel nicht nur den Krieg im Gazastreifen, sondern auch dessen legitime Sicherheitspolitik im Ganzen delegitimiert. Nicht umsonst findet sich Moses an vorderster Front derer, die Israel Apartheid und Genozid vorwerfen.

Reduktionistisch

An das neue »Verbrechen der Verbrechen« anschlussfähig ist das im März 2025 gegründete Genocide und Holocaust Crisis Network (GHSCN). Bereits 2014 stellte der israelische Holocaustforscher Dan Michman fest, dass sich die Genozidforschung in einem Spannungsfeld zu den Holocaust Studies bewege und gerne Letztere Ersterer unterordnen möchte. Dieser Schritt ist mit der GHSCN-Gründung unter Federführung von Michael Rothberg nun vollzogen. Bekannt ist Rothberg vor allem als Erfinder des Konzepts der »multidirektionalen Erinnerung«, das eine insinuierte »Opferkonkurrenz« unterbinde, die durch die Betonung der Präzedenzlosigkeit des Holocausts etabliert worden sei.

Im neuen Netzwerk wird Antisemitismus auf eine Form von Rassismus reduziert und die »Nakba« enthistorisiert, indem sie einseitig als israelisches »Massenverbrechen« definiert wird. Nicht nur fehlt der Kontext der »Nakba«, mit der Flucht und Vertreibung im Zuge des israelischen Unabhängigkeitskriegs bezeichnet werden, sondern auch die historische Genese dieses Begriffs unter den Palästinensern. Hierzu der Sozialwissenschaftler Ahmed Albaba: »Der Begriff Nakba taucht schon während des Kriegs von 1948 auf. Nakba im arabisch-palästinensischen Diskurs dient als ein Machtinstrument im Kampf der Narrative und im Kampf um Deutungshoheit, um Bedeutung und Auslegung des Kriegs von 1948 und seiner Konsequenzen.«

Das Genocide und Holocaust Crisis Network übernimmt hier also kritiklos palästinensische Narrative und setzt erneut ohne wissenschaftliche Debatte fest, was die »Nakba« zu bedeuten habe, um sie in den Rahmen einer »globalen Gewaltgeschichte« pressen zu können. In dieser Weltanschauung gibt es nur einen Unterdrücker: den Staat Israel.

Progressiv?

In einer Zeit, in der das Konzept einer »multidirektionalen Erinnerung« als progressiv gefeiert wird, ist die Rezeption der historischen Ursprünge des Nahostkonflikts im Allgemeinen und die des Kriegs im Gazastreifen notwendigerweise unterkomplex. Für die »Pro-Palästina«-Szene oder »israelkritische« Holocaust- und Genozidforscher ist der jüdische Staat ein Apartheidstaat, Aggressor, Unruhestifter, und dessen Premierminister Benjamin Netanjahu unzweifelhaft ein Kriegsverbrecher. In ihrer Sichtweise ist es der Staat Israel, der für Unfrieden im Nahen Osten sorgt.

Es waren die eben genannten Holocaust-, Genozid- und Antisemitismusforscher, die schnell nach dem 7. Oktober 2023 die Hamas-Massaker als Reaktion der Palästinenser auf Diskriminierung und Unterdrückung zu deuten suchten und sie als Reaktion auf die Politik »kontextualisierten«. Der Holocaustforscher Omer Bartov zum Beispiel erklärte, »der verabscheuungswürdige Angriff der Hamas muss als Versuch gewertet werden, die Aufmerksamkeit auf die Notlage der Palästinenser zu lenken«. Parallel dazu kommt wiederholt der Vorwurf, in Deutschland sei Israelkritik verboten und tabuisiert und es gäbe einen »Erlösungs-Philosemitismus« (Dirk Moses), der »Israelkritik« aus moralischen Gründen nicht erlaube; eine Behauptung, die als eine Erfindung und politische Instrumentalisierung deutscher Geschichte für politische Agenden betrachtet werden muss.

Die Blockade des Gazastreifens auch vor dem 7. Oktober 2023, die sich eindeutig gegen dschihadistisch-islamistische palästinensische Terrororganisationen richtete, ist in einer solchen Logik kein legitimes Sicherheitsanliegen ob des Terrors von palästinensischer Seite, sondern habe zu Lebensumständen im Gazastreifen geführt, die vergleichbar mit dem Warschauer Ghetto oder dem Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz seien.

Realität ignoriert

Eine solche Rezeption belegt vor allem eines: Dass die genannten Forscher sich einer realen Beschäftigung mit dem Gazastreifen verweigern und jahrelang die Realität vor Ort ignoriert haben; etwa, als Teile der Zivilbevölkerung in den Jahren 2019 und 2023 im Rahmen der »We want to live«-Proteste gegen die Hamas protestiert haben.

Auffällig ist, dass derartige Äußerungen zumeist von Akteuren stammen, die Palästinenser ausschließlich durch eine simplizistische Linse wahrnehmen, die ihren eigenen Wünschen und Befindlichkeiten entspricht. Dabei ist die Vielfalt kritisch-progressiver Akteure und Initiativen in palästinensischen Communities weltweit groß: Ein wichtiger internationaler Akteur ist etwa Ahmed Fouad Alkhatib aus Gaza, der gegenwärtig in den USA lebt und mit Realign for Palestine eine zukunftsgewandte Initiative gegründet hat, trotz oder gerade wegen seiner eigenen familiären Verluste im Gaza-Krieg.

Zu den vernehmbar progressiven palästinensischen Stimmen zählen aber auch die in Kanada lebende Aktivistin Yasmine Mohamed, die aus der Zwangsehe mit einem Al-Qaida-Aktivisten aus dem Gazastreifen entkam, oder der in den USA lebende Palästinenser Mo Ghaoui, der nicht auf seinen Status als »Flüchtling« reduziert werden möchte.

Von vielen der sich »progressiv« gebenden Akademiker werden derartige Positionen ignoriert, zeigen sie mit ihrem Engagement letztendlich doch sehr eindrücklich auf, dass es nicht ausreicht, alleine die Hamas (oberflächlich) abzulehnen und zu kritisieren, um Visionen für Frieden, Koexistenz und Demokratie entwickeln zu können. Vielmehr muss die palästinensische Gesellschaft sich einer radikalen Selbstreflexion unterziehen, denn die dort herrschenden Formen von »Antisemitismus und Antizionismus sind gefährliche Ideologien, welche die Gesellschaft von innen zerfressen«, so der Sozialwissenschaftler Albaba.

Wie muss ein »befreites Palästina« aussehen? Auch dafür geben Palästinenser wie Alkhatib Antworten, und es wird Zeit, ihnen zuzuhören: »Wenn ich von Deradikalisierung [für den Gazastreifen] spreche, meine ich damit nicht Vorträge oder Überwachung. Ich spreche von Würde. Ich spreche davon, Menschen echte Optionen zu bieten, damit sie nicht von UNRWA-Hilfsgütern leben müssen, für hundert Schekel pro Tag Tunnel für die Hamas graben müssen oder einen Abschluss machen, nur um dann in einem Leben ohne Wahlmöglichkeiten gefangen zu sein.«

Verena Buser ist Holocaustforscherin aus Berlin und Associate Researcher am Holocaust Studies Program des Western Galilee College.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren

Wir reden Tachles!

Abonnieren Sie unseren Newsletter und erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren!

Nur einmal wöchentlich. Versprochen!