Wie Israelfeindlichkeit und postkoloniale Ideologie im akademischen und wissenschaftlichen Betrieb zirkulieren, kam zuletzt während einer Konferenz an der ETH Zürich deutlich zum Ausdruck.
Anfang November dieses Jahres wandte sich das Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender (NJH) mit einem offenen Brief an die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich. Darin äußerte es deutliche Kritik und große Besorgnis über die geplante zweitägige Konferenz »Der große Kanton. The Rise and Fall of the BRD«, am 5. Dezember. Als Veranstaltungsorte waren die ETH und das Kunsthaus Zürich vorgesehen, zwei öffentlich finanzierte Institutionen mit symbolischer Bedeutung. Thema der Tagung war die angebliche Erosion der deutschen Demokratie, verursacht, so die Prämisse, durch Deutschlands Solidarität mit Israel.
Für das NJH liegt der Kern des Problems offen zutage. Die formale Kritik an der deutschen »Staatsräson« fungiere als Chiffre. Gemeint sei das Existenzrecht Israels sowie die Erinnerungskultur nach der Shoah. Die Tagungsbeschreibung sei, so der Brief, von gefährlichen Narrativen durchzogen. Sie markiere den Umgang mit der NS-Vergangenheit als Quelle von »Fremdenfeindlichkeit« und konstruiere eine Konkurrenz zwischen Antisemitismusprävention und migrantischen Erfahrungen.
Eine zusätzliche Dimension erhielt die Konferenz durch die Beteiligung des Kunsthauses Zürich, dessen Bührle-Sammlung weiterhin wegen unzureichender Provenienzaufklärung und möglicher NS-Raubkontexte in der Kritik steht.
Ein Blick auf das Ankündigungsmaterial unterstreicht diesen Befund. Dort ist von »Völkerrecht und Menschenrechten« die Rede, die in Deutschland »um der Staatsräson willen« geopfert würden. So sei der »post-faschistische Konsens« der Republik ins Wanken geraten. Auf dem Tagungsplakat erscheinen die Namen nationalsozialistischer Konzentrationslager, ergänzt um Orte rechter Gewalt wie Hanau (2020). Der antisemitische Anschlag von Halle (2019) hingegen fehlt. Dazwischen wird grafisch eine »Festung Staatsräson« konstruiert.
Die Bildsprache inszeniert Solidarität mit Israel als einen Ausdruck starrer Abwehr. Schweizer Historiker sprechen in einer kommentierten Analyse des Plakats von einer »semantischen Verwischung«, die Täter- und Opferpositionen verschiebt.
Linke Pop-Theoretiker
Bereits 2024 geriet die Abteilung Architektur der ETH Zürich in die Kritik, als sie auf ihrer Website die Initiative »Maktabat Sabil« bewarb, eine Online-Plattform zu »Palestine, Gaza and Resistance«. Initiiert wurde sie von Faiq Mari, damals Doktorand in Zürich, heute Assistenzprofessor an der Birzeit University im Westjordanland.
Die Plattform war zeitweise unter der ETH-URL gehostet (arch.ethz.ch), wurde aber nach einer Petition im Februar 2024 entfernt, unter anderen wegen Inhalten wie Materialien der Volksfront für die Befreiung Palästina (PFLP) – zu nennen wäre hier das Journal Al-Hadaf –, die als terroristisch gelten. In seiner Dissertation dankte Mari dem Palestine Committee Zurich, das unmittelbar nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 Israel des Genozids beschuldigt hatte.
Die Konferenz speiste sich aus diesem Milieu. Auf der Einladungsliste fanden sich linke Pop-Theoretiker wie Diedrich Diederichsen ebenso wie postkoloniale Forscherinnen und Forscher wie Schirin Amir-Moazami oder Nahed Samour. Mehrere von ihnen unterzeichneten heuer einen offenen Brief, in dem sie erklärten, »aus Gewissensgründen jede Kooperation mit israelischen Institutionen« zu verweigern.
Verschmelzung der Diskurse
Eine zweite Achse dieses Diskurses verläuft quer durch politische Lager und Milieus. Und zwischen Pandemie-Skepsis, antimedialem Affekt und Anti-Israel-Rhetorik. Im Programm der ETH-Konferenz 2025 fand sich ein Panel, welches das Misstrauen gegenüber den Medien seit der angeblich »irrationalen Corona-Politik« mit der »laufenden Berichterstattung über Gaza« kurzschloss. Dass über achtzig Prozent der Deutschen die Covid-Maßnahmen unterstützten, blieb ebenso unerwähnt wie die Differenz zwischen staatlichem Handeln, medialer Vermittlung und politischer Kritik. Die Formel »Corona & Gaza« fungiert hier als populistische Chiffre. Sie bedient vertraute Topoi von »Staatsideologie« und »Eliten«, gegen die sich ein ressentimentgeladenes »Wir« in Stellung bringt.
Exemplarisch für die kursierenden Narrative in der Akademia lassen sich am Fall eines Professors der Technischen Universität Wien verdeutlichen. Seit 2022 fällt dieser durch prorussische Positionierungen auf. Dazu zählen unter anderem Nord-Stream-Verschwörungsnarrative im Stil von Jeffrey Sachs, einem US-Ökonomen, der ohne belastbare Beweise westliche Staaten des Sabotageakts beschuldigt, und Solidaritätsbekundungen mit Figuren wie Clare Daly, einer irischen Politikerin der radikalen Linken, die Russlands Angriff auf die Ukraine relativiert, EU-Sanktionen gegen Moskau ablehnt und damit autoritäre Regime verharmlost.
TU Nach dem 7. Oktober 2023 folgte eine deutliche Radikalisierung der Anti-Israel-Rhetorik des Wiener Professors. So wird EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von ihm als »genocide-happy« diffamiert, NS-Vergleiche kursieren ungebrochen, Retweets einschlägig israelfeindlicher Akteure wie Jeremy Corbyn, Sevim Dağdelen, Max Blumenthal oder Mehdi Hassan häufen sich.
Der Fokus soll dabei weniger auf den einzelnen Äußerungen liegen als auf dem Netzwerk dahinter. Einem transnationalen Geflecht aus westlichen Akademikern, prorussischen Narrativen und antiisraelischer Mobilisierung. Im Raum steht zudem die Frage, welche Wirkung Hochschullehrende entfalten, die unter Klarnamen im Internet antiisraelische Narrative verbreiten. Und welche Inhalte, Deutungsrahmen und Setzungen tragen sie in ihre Seminare und Vorlesungen hinein?
Der Diskurs hat sich in den vergangenen Jahren an vielen europäischen Universitäten verfestigt. Israel fungiert als Symbol westlicher Macht, als vermeintlich koloniales, militaristisches Projekt. Unter dem Banner der »Dekolonialisierung« kehren alte Ressentiments in neuem Vokabular zurück. Eines lässt sich mit Sicherheit feststellen: Nach dem 7. Oktober 2023 hat sich eine postkoloniale Israel-Feindlichkeit herausgebildet, die neue Allianzen zwischen Esoterik, Antikapitalismus und Antizionismus ermöglicht.
Von Zionismus zu Antizionismus
Umso kritikwürdiger erscheint diese Entwicklung an einer Institution, deren Geschichte eng mit jüdischer Wissenschaft verbunden ist. Albert Einstein graduierte an der ETH Zürich. Die emeritierte Architekturprofessorin Ita Heinze-Greenberg erforschte in ihrem Buch Europa in Palästina die zionistischen Wurzeln moderner Architektur. Was einst als Ausdruck europäischer Aufklärung galt, die Idee, aus Jüdischkeit eine moderne, demokratische Staatsidee zu entwickeln, wird heute in Teilen der Akademia als koloniales Projekt diskreditiert.
Die ETH-Konferenz konnte trotz massiver Kritik stattfinden. Die visuelle und semantische Rhetorik mit Gleichsetzung von deutscher Israelsolidarität, NS-Tradition und Rassismus steht beispielhaft für den Zustand westlicher Hochschulen nach dem 7. Oktober. 2023 Wer die Freiheit des Denkens verteidigen will, muss die Grenze zwischen Kritik und Agitation benennen. Wissenschaftliche Unabhängigkeit bedeutet nicht, jedes Ressentiment unter dem Etikett »Diskurs« zu legitimieren. Es braucht Stimmen, die verhindern, dass sich Antisemitismus und Israelfeindlichkeit weiterhin unter dem Deckmantel akademischer Reflexion normalisieren.






