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Wird Saudi-Arabien den Iran angreifen?

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman mit dem iranischen Präsidenten Masoud Peseschkian
Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman mit dem iranischen Präsidenten Masoud Peseschkian (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Der Iran hat die rote Linie Saudi-Arabiens überschritten, indem er nach dem amerikanisch-israelischen Angriff zivile Infrastruktur in dem benachbarten Golfkönigreich attackiert hat.

Es war die rote Linie Saudi-Arabiens – und nun scheint sie überschritten worden zu sein. Nach den iranischen Raketen- und Drohnenangriffen auf saudische Öllager und Entsalzungsanlagen diskutiert das Königreich nun die Option eines Militärschlags gegen die Islamische Republik. Während Riad lange Zeit versucht hat, eine direkte Konfrontation zu vermeiden, scheint die Art der iranischen Angriffe nun die kritische Marke überschritten zu haben, sodass eine militärische Reaktion Saudi-Arabiens nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich ist.

Bernard Haykel, Professor für Nahoststudien an der Princeton University und Senior Fellow am Hudson Institute, erklärte gegenüber dem Autor, dass sich die saudische Kalkulation grundlegend geändert habe, weil der Iran wichtige zivile Infrastruktur ins Visier genommen hat: »Riad hatte zuvor eine konkrete Warnung an Teheran gerichtet: Wenn Saudi-Arabien während eines Konflikts zwischen den USA und Israel mit dem Iran neutral bleibt, muss seine Infrastruktur tabu bleiben. Die Iraner wiederum haben den Saudis mitgeteilt, Saudi-Arabien anzugreifen, würden sie sich einem existenziellen Angriff durch Israel und/oder Amerika ausgesetzt sehen.«

Die Tatsache, dass das Teheraner Regime den Energie- und Wassersektor angegriffen hat, zeigt, dass es seine Drohung wahrgemacht hat, womit nun eine weitere Bedingung erfüllt ist. »Die rote Linie Saudi-Arabiens war, dass die Saudis den Iran angreifen würden, sollten zivile Einrichtungen – Ölförderanlagen, Meerwasserentsalzungsanlagen, Stromerzeugungsanlagen oder Kommunikationsinfrastruktur – angegriffen werden. Und genau das passiert jetzt. Nun überlegen die Saudis, was sie tun sollen und ob sie einen Gegenangriff starten sollen«, erklärte Haykel.

Zusammenhalt trotz Spannungen

Die Beziehungen zwischen Saudi-Arabien und dem Iran haben seit der Machtübernahme durch Ruhollah Khomeini im Iran im Jahr 1979 Höhen und Tiefen durchlaufen. Die führende schiitische und die führende sunnitische Macht in der Region konkurrieren seit Langem um die regionale Vorherrschaft. In den Jahren vor dem israelisch-amerikanischen Angriff vom vergangenen Samstag versuchten beide Länder, die Spannungen abzubauen, insbesondere nachdem der Iran 2019 Ölförderanlagen von Saudi Aramco angegriffen hatte.

Obwohl der aktuelle Angriff die Wahrscheinlichkeit eines saudischen Angriffs auf Teheran deutlich erhöht, wägt die saudische Führung ihren Zorn über die Verletzung ihrer Souveränität gegen die Erkenntnis ab, dass sie möglicherweise in einen Konflikt ohne klare Ausstiegsstrategie hineingezogen wird. Einige führende Persönlichkeiten in Saudi-Arabien glauben sogar, dass die Angriffe eine vorsätzliche Provokation gewesen sein könnten, die speziell darauf abzielt, das Königreich in den Konflikt hineinzuziehen.

Der Angriff empört die Saudis zutiefst, denn es sei »viel schlimmer, als wir gedacht haben«, sagte Michael Ratney, ehemaliger US-Botschafter in Riad, der jedoch andeutete, dass die Reaktion des Königreichs durch die Furcht vor unkontrollierbarem Chaos gemildert werden könnte. »Ich denke, sie werden mit ihrer Vergeltung vorsichtig sein, weil sie wissen, dass dies eine Eskalation unbekannten Ausmaßes bedeutet, mit der sie dann umgehen müssten.«

Die Zurückhaltung vor einem umfassenden Gegenschlag rührt auch von den Plänen Saudi-Arabiens zur wirtschaftlichen Transformation her, die stark auf Stabilität angewiesen sind, um Tourismus und ausländische Investitionen anzuziehen – Pläne, die nun in Gefahr sind. Der größte Albtraum für das Königreich wäre, einen Failed State mit 92 Millionen Einwohnern und ohne Plan für die Zukunft direkt nebenan zu wissen.

Zugleich deutet die strategische Realität am Golf darauf hin, dass das Königreich nicht alleine gegen den Iran bestehen kann. Trotz der Spannungen der letzten Wochen zwischen Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten scheint es, als ob die aktuelle Krise die Staaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) zu einer einheitlichen Verteidigungshaltung zwingen könnte. »Sie werden natürlich zusammenhalten, weil sie einen gemeinsamen Feind haben«, schätzt Haykel die Lage ein, denn »sie werden von denselben Leuten angegriffen«.

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