Wird die Wirtschaftskrise Erdogan zu Fall bringen?

„Wann genau das Erfolgsmodell der Marke Erdoğan ins Wanken geriet, ist nicht an einem einzigen Zeitpunkt auszumachen. Mehrere Entwicklungen verschlechterten die Wirtschaftslage im Land. Anfangs war dafür das Ausland verantwortlich. Erst bremste die Euro-Krise die Nachfrage aus Europa und die Investitionsfreude ausländischer Unternehmen. Dann sorgte die amerikanische Notenbank Fed für Unruhe. Sie kündigte 2013 das Ende ihrer ultralockeren Geldpolitik an. Die Renditen von Staatsanleihen in Amerika stiegen, Geld floss aus Schwellenländern nach Übersee zurück – vor allem aus solchen Ländern, die wegen ihrer Leistungsbilanzdefizite anfällig sind, das heißt, die mehr importieren, als sie sich leisten können. Sorgen um die Zahlungsfähigkeit in solchen Ländern machten die Runde.

Dazu gehörte auch die Türkei, in der die Bürger eifrig westliche Produkte kaufen, sich in ausländischer Währung verschulden, die aber auch Gas und Öl gegen harte Devisen einführen muss. Die Folge: Die Landeswährung Lira wertete immer mehr ab, die Inflation stieg wieder leicht, die Notenbank fand keine klare Linie in der Zinspolitik und sorgte für zusätzliche Verunsicherung. Das Pro-Kopf-Einkommen sinkt seitdem wieder. (…)

Den wirtschaftlichen Abschwung hat Erdoğan mit staatlich finanzierten Konjunkturprogrammen und großen Infrastrukturprojekten wie dem neuen Istanbuler Großflughafen zu bremsen versucht, der im Herbst eröffnet wird. Die Türkei konnte sich solche Investitionen wegen der niedrigen Staatsverschuldung leisten, und die Wirkung blieb nicht aus. Das Land weist immer noch positive Wachstumsraten auf, dabei hilft der Tourismus. Schwere Terroranschläge hat es in letzter Zeit nicht gegeben, deshalb kommen auch wieder mehr Urlauber ins Land. Aber der Verfall der Währung geht weiter, was die Inflation immer weiter in die Höhe treibt. Die Notenbank hielt eine Weile mit Leitzinserhöhungen dagegen, doch nun hat sich auch hier Erdoğan eingemischt und weitere Zinsschritte verhindert. Der Eingriff in die Unabhängigkeit der Notenbank hat den Lira-Verfall nur noch beschleunigt.

Die Wirtschaftskrise in der Türkei hat also einen langen Vorlauf, bevor sie jetzt eskaliert ist. Auslöser waren Strafzölle des amerikanischen Präsidenten Donald Trump gegen die Türkei als Reaktion auf die Inhaftierung eines amerikanischen Pfarrers. Erdoğan wirkt mittlerweile fast schon verzweifelt, wenn er die Bürger aufruft, Dollar und Euro in Lira zu tauschen, um den Währungseinbruch aufzuhalten. Doch das funktioniert nicht: Am Freitag hoben die Bürger offenbar verstärkt ihre Dollar von den Konten ab, um sie zu horten, aus Angst vor nahenden Kapitalverkehrskontrollen. In Lira getauscht haben sie die Dollar nicht – ein Misstrauensvotum gegen den Präsidenten, diesmal nicht von den Finanzmärkten, sondern von den eigenen Bürgern. (…)

Erdoğan kann noch eine Weile auf böse ausländische Mächte schimpfen, sie für die Krise verantwortlich machen. Donald Trump bietet genügend Angriffsfläche dafür. Aber irgendwann, wenn der Wohlstand der Türken nicht mehr wächst, werden sie Erdoğan dafür verantwortlich machen.“ (Dyrk Scherff: „Der tiefe Fall eines Reformers“)

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