Wieso wird die Gesellschaft wieder in Religionsgemeinschaften augefteilt?

„Ich glaube, das ganze Dilemma begann, als es irgendwann üblich wurde, alle Menschen, die aus islamischen Ländern kamen, als Muslime zu bezeichnen, ob sie wollten oder nicht. Eines Tages waren sie nicht mehr Iraner, Türken, Syrer, Iraker, sondern Muslime. Damit folgte unser Sprachgebrauch genau dem islamischen Gesetz, nachdem jeder, der durch Abstammung als Muslim geboren wurde, ein Leben lang Muslim bleibt, ob er will oder nicht. Apostaten droht der Tod. Dabei würden die Türken und Syrer, die ich kenne, befragte man sie nach ihrem Selbstverständnis, alles Mögliche antworten: Deutsche, Deutschtürken, Deutschsyrer, Schauspieler, Jurist, Soziologin, Schriftsteller. Auf keinen Fall würden sie behaupten, vor allem anderen Muslime zu sein, zumal einige von ihnen Christen sind, andere die Religion eher als Geschichte verstehen, ohne zu glauben. Aber in der deutschen Diskussion sind sie alle zu Muslimen geworden, in deren Namen nun Ayman Mazyek, Herr Alboga und Frau Özoguz ihre Ansprüche an alle anderen stellen. (…)

Ich frage mich, warum wir vierhundert Jahre nach Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges, der als Religionskrieg in die Geschichte eingegangen ist, die Gesellschaft wieder in Religionsgemeinschaften aufteilen und das auch noch als Beweis für unsere aufgeklärte und tolerante Gesinnung ausgeben; warum wir akzeptieren, dass sich unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit die absonderlichsten Sitten ausbreiten. Und als eine, die gern Deutsche ist, wenn auch Nachfahrin polnisch-jüdischer Einwanderer, kann ich nicht verstehen, warum wir selbst die muslimische Geschlossenheit so leidenschaftlich vorantreiben, indem wir sie immer wieder benennen und betonen, statt die Syrer, Iraner, Palästinenser, Türken so wahrzunehmen wie uns selbst, als Einzelne mit einer anderen kulturellen Herkunft, die glauben dürfen, was sie wollen, allerdings ohne Auswirkungen auf alle anderen. Denn gegen die muslimische Geschlossenheit, fürchte ich, haben wir auf Dauer keine Chance, wenn die Religion von uns selbst als das Trennende anerkannt wird, wenn wir selbst von Muslimen und Nichtmuslimen sprechen, was Gläubige und Ungläubige bedeutet. Ich jedenfalls will nie wieder Nichtmuslimin genannt werden.“ (Monika Maron „Ich möchte nie wieder Nichtmuslimin genannt werden“)

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