Wie wird die Zukunft des syrischen Palästinenser aussehen?

„Während Gebäude zerschossen wurden und die Palästinenser in dem Lager und seiner Umgebung um ihr Überleben kämpften, könnte die Präsenz verschiedener regierungstreuer palästinensischer Streitkräfte in der Schlacht auf die Zukunft eines Lagers hindeuten, dessen Wiederaufbau nach dem Konflikt das einst vorhandene gesellschaftliche und politische Gefüge Yarmuks einebnen könnte. (…)

Die regierungstreuen Streitkräfte rüsteten sich seit dem Abschluss der Kampagne in Ostghouta für die Schlacht um Süddamaskus. In den ersten Reihen fand sich der Hochadel der regierungstreuen Milizen ein. Die in Aleppo ansässige palästinensische Miliz Liwa al-Quds entsandte im April Streitkräfte unter der Leitung eines ihrer führenden Kommandeure direkt von der Front in Ostghouta nach Yarmuk. ‚Nach der Befreiung Ghoutas, werden wir … Yarmuk befreien‘, hieß es. Es folgten syrische Militäreinheiten und dann Mitte April die von den Russen unterstützte ‚Tiger‘-Miliz Suheil al-Hassans. Dort schlossen sie sich einer mehrsprachigen syrischen und palästinensischen Streitmacht von mehreren tausend Männern an. Ihr gehörten unter anderem Kämpfer der Nationalen Verteidigungskräfte – einer privat finanzierten palästinensischen Miliz – und der alteingesessenen palästinensischen Fraktionen – der Fatah al-Intifada und der Volksfront zur Befreiung Palästinas–Generalkommando (PFLP-GC) etc. – an. Der nördliche Zugang zu Yarmuk wurde in ein Aufmarschgebiet verwandelt. Dort standen Panzer und Panzerfahrzeuge Seite an Seite während die Truppen zur Musik regierungstreuer Dabkelieder aufmarschierten.

Ein von den alternden palästinensischen Widerstandskämpfern ausgerichtetes sogenanntes ‚Lager der Rückkehr‘ wurde eingerichtet, um Neuankömmlinge in Empfang zu nehmen und über die Zukunft eines Orts zu beraten, der einst als die ‚Hauptstadt der palästinensischen Diaspora‘ galt. Seitdem haben ehemalige Bewohner und Beobachter Mada Masr berichtet, Yarmuk laufe Gefahr, ausgelöscht zu werden. Sollte dies der einst größten palästinensischen Bevölkerung in Syrien geschehen, würde dies die Zukunft der syrischen Palästinenser überhaupt infrage stellen. Andere meinen, das Lager in seiner bisherigen Form sei verloren, werde aber in irgendeiner Form wiederaufgebaut. Schätzungsweise ein Fünftel der vor dem Krieg 560.000 syrischen Palästinenser sind aus Syrien geflohen. Von den 438.000 verbliebenen Palästinensern sind fast alle auf Unterstützung angewiesen. Nach Damaskus vertriebene Palästinenser klagen oft über die unablässig steigenden, unbezahlbaren Mieten und Preise. Palästinenser, die nach dem Krieg in ihre Heimat zurückkehren wollen, werden vermutlich mit den gleichen Problemen konfrontiert sein wie andere syrische Bürger in der gleichen Lage.

Das Gesetz 10/2018, das eine entscheidende Blaupause für den Wiederaufbau Syriens darstellt, würde jene enteignen, die nicht nachweisen können, dass sie ihre Wohnungen und Häuser besitzen. Hiervon einmal abgesehen sind weite Teile Yarmuks und andere Lager in dem Land stark zerstört. All dem zum Trotz, was die Zivilisten im Lager Yarmuk mitgemacht haben – Militäroffensiven, Belagerung, Hunger, Internierung und Vertreibung – glauben viele noch immer, dass sie eines Tages in das Lager zurückkehren werden. (…) Doch angesichts der Zerstörung und möglichen Auslöschung Yarmuks könnte die Möglichkeit, die politische und gesellschaftlichen Geschichte des Lagers wiederaufzubauen, schon längst auf Dauer zerstört worden sein.“ (Osama Moussa / Tom Rollins: „Last days of Yarmouk“)

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