Während im Iran Millionen Menschen ihr Leben riskieren, um sich von einer terroristischen Theokratie zu befreien, reagieren Teile der westlichen Linken mit dröhnendem Schweigen.
Ein Video brennt sich ins Gedächtnis: Eine junge, iranischstämmige Frau hält mit ausgestrecktem Arm das Porträt von Ayatollah Ali Khamenei hoch. Vor den Augen der Welt setzt sie das Bild des Tyrannen in Brand und zündet sich an derselben Flamme seelenruhig eine Zigarette an.
Es ist ein Akt größtmöglicher Blasphemie. Wer in der Islamischen Republik das Bild des Herrschers schändet, unterschreibt das eigene Todesurteil. Die Aktivistin lebt zwar nicht etwa in Teheran, sondern in Toronto, aber ihre Aktion verliert dadurch nicht an Sprengkraft. Von kanadischem Boden aus bricht sie obendrein auch noch das im Iran – besonders für Frauen – geltende Scharia-Tabu des öffentlichen Rauchens.
Mit dieser frechen, friedlichen Geste spricht die unter dem Decknamen Morticia Addams Agierende der iranischen Theokratie eine unmissverständliche Kriegserklärung aus. Die im Internet verbreiteten Aufnahmen werden millionenfach gesehen, kommentiert und diskutiert – und genau darin liegt ihr großer Wert: Sie dienen als Mobilisierungsaufruf, der Exil-Iraner rund um den Globus inspiriert, Mut gibt, zur Solidarität aufruft und daran erinnert, dass der Widerstand gegen Unterdrückung keine geografischen Grenzen kennt. Diese Energie, diese globale Resonanz, ist ein heller, unmissverständlicher Ausdruck der Kraft der Revolution.
Verweigerung der Solidarität
Bei den Demonstrationen im Iran selbst, in den großen Städten Teheran, Isfahan, Shiraz und anderen riskieren Frauen, Jugendliche, Arbeiter und ethnische Minderheiten ihr Leben in einem System, das ökonomische Not, autoritäre Kontrolle und politische Entrechtung miteinander verbindet.
Im Westen offenbart sich hingegen eine tiefe politische Kluft: Teile der Linken reagieren nicht nur mit Schweigen oder Relativierung, sondern übernehmen faktisch eine Schutzfunktion für das Mullah-Regime. Blind wird vor einem möglichen Regimewechsel gewarnt, während im Iran systematisch auf die Augen der Demonstranten geschossen, Gefangene gefoltert und Hinrichtungen vorbereitet werden – dokumentiert von Human Rights Watch. Solidarität mit den Demonstranten wird so delegitimiert, die Proteste ideologisch unterminiert – und dafür das Regime indirekt legitimiert.
Generell verharren hiesige Medien häufig in binären Mustern: prowestlich vs. antiwestlich, Demokratie vs. Dschihad. Diese Aufteilung ist nicht gänzlich aus der Luft gegriffen. Das Mullah-Regime selbst definiert seine Existenz über die Feindschaft zum Westen und instrumentalisiert den religiösen Fanatismus als staatliches Fundament. In einer Welt der harten geopolitischen Blöcke ist die Versuchung groß, jeden Konflikt durch diese Linse zu betrachten.
Doch genau hier liegt die Gefahr eines analytischen Kurzschlusses. Bleibt die Betrachtung bei strategischen Interessen und regionalen Gleichgewichten stehen, werden die radikale Systemkritik und die Sehnsucht nach Befreiung unsichtbar. Die binäre Vereinfachung erlaubt es zwar, den Aufstand in vertraute Narrative einzuordnen, verstellt jedoch den Blick auf seine tatsächliche Dynamik. Reflexartig wird der Totschlagvorwurf instrumentalisiert, die Erhebung im Iran sei lediglich ein Regimewechsel-Projekt des Westens. Das linke US-Magazin Jacobin etwa reduziert den Freiheitskampf von Millionen Menschen de facto auf eine bloße Nebenwirkung konservativer US-Lobbygruppen und delegitimiert damit die Forderungen der todesmutigen Menschen auf den iranischen Straßen.
Ein Paradebeispiel für diesen Verrat an der iranischen Zivilgesellschaft liefert der britische Parlamentarier und BDS-Anhänger Jeremy Corbyn. Obwohl Corbyn sich entsetzt über die Tötung demonstrierender Zivilisten gibt, hebt er in demselben Atemzug hervor, dass die iranische Bevölkerung eigenständig agieren solle ohne äußere Einmischung durch die Vereinigten Staaten – also, ob Teile der Protestbewegung nicht selbst die USA um Einmischung gebeten hätten, weil sie wissen, dass sie das Regime im Alleingang wohl nicht stürzen werden können.
Nun kann man zwar unterschiedlicher Meinung über das Ob und Wie der US-Beteiligung sein, aber die Art und Weise, auf die sich Corbyn zum Schicksal der Iraner positioniert, fällt diesen einmal mehr in den Rücken. Sanktionen gegen das Mullah-Regime lehnt er ab, und die Terrorlistung der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) wird in seinen aktuellen Stellungnahmen nicht thematisiert. Solche Versäumnisse dürften nicht überraschen, wurde doch bereits 2016 öffentlich bekannt, dass Corbyn, der die Hamas und die Hisbollah als »Freunde« bezeichnete, zwanzigtausend Pfund für seine Auftritte im staatlichen Auslandssender des Irans, Press TV, erhalten hatte.
Lippenbekenntnisse
Gemeinsame Feinde verbinden eben: Wie die Daily Mail berichtete, hat der bekennende Antizionist Corbyn eine führende Persönlichkeit jener pro-palästinensischen Gruppe, die während einer Gaza-Demonstration die genozidale Botschaft »From the River to the Sea« auf das Parlament projizierte, für eine Rolle in der Leitung seiner neuen Partei vorgesehen. Die Vorsitzende der Palestine Solidarity Campaign (PSC) Louise Regan wurde unlängst als Teil des von Corbyn unterstützten Kandidatenteams vorgestellt, das für die Leitung seiner Partei Your Party kandidieren soll.
Um neben Jacobin und Jeremy Corbyn noch ein drittes Beispiel zu geben: Jüngst auf den Straßen von Leipzig-Connewitz skandierte Pro-Hamas-Sprechchöre lassen die immer radikaler werdende Ausrichtung weiter Teile der Free-Palestine-Bewegung erahnen. Man verweigert den Schulterschluss mit der iranischen Freiheitssuche, solange das Regime in Teheran die milliardenschweren Milizführer im Gazastreifen militärisch und monetär unterstützt.
Diese strategische Komplizenschaft entlarvt das Lippenbekenntnis zur universellen Befreiung als reine Farce: Wo die Solidarität mit unterdrückten Menschen im Iran den geopolitischen Interessen der eigenen Ideologie widerspricht, endet die vielbeschworene Brüderlichkeit abrupt.






