Wie reagiert der Iran auf den Krieg der Türkei in Kurden-Enklave Afrin?

„Man kann wohl sagen, dass der Iran mit Blick auf das türkische Vorgehen eine eher zurückhaltende Haltung eingenommen hat. Einerseits hat er es vermieden, die türkische Offensive direkt zu verurteilen, andererseits unterstützt er sie aber auch nicht. Dahinter steckt zunächst die Tatsache, dass die Islamische Republik nach der Niederlage des Islamischen Staats eine ihrer Hauptherausforderungen in Washingtons Absicht sieht, seinen Einfluss in Syrien zu wahren und auszubauen, insbesondere mit Hilfe von Stellvertretern wie den Demokratischen Kräften Syriens (SDF). Während die vorherigen Versuche der Vereinigten Staaten, eine effektive bewaffnete Opposition zu bilden und zu unterstützen, scheiterten, haben sich die SDF als ein erfolgreicheres Unterfangen eingeführt. Die Befreiung Raqqas war im wesentlichen ihr Verdienst. Da die kurdischen Kämpfer einen wesentlichen Teil der SDF ausmachen, stellt die Operation Ankaras natürlich einen Schlag für die SDF und damit auch für die Vereinigten Staaten dar.

Durch seine explizite Verurteilung Washingtons wegen dessen Unterstützung der syrischen Kurden und durch seine Drohungen gegen die Vereinigten Staaten wegen ihrer militärischen Pläne im Norden Syriens entfernt sich Ankara immer weiter von seinem langjährigen NATO-Partner. Es ist kein Geheimnis, dass die seit dem gescheiterten Putsch in der Türkei vom Juli 2016 zunehmenden Spannungen zwischen Ankara und Washington von Teheran gerne gesehen werden. Für den Iran bedeutet diese Entwicklung, dass es den Vereinigten Staaten schwerer fallen wird, seinen Einfluss in der Region einzudämmen. Hinzu kommen die Sorgen des Iran über separatistische Tendenzen unter den Kurden in der Region. Sollte es den syrischen Kurden gelingen, ihre Kontrolle über den Norden Syriens zu wahren, könnte der nächste Schritt die Forderung nach ernstzunehmender Autonomie, oder gar nach Unabhängigkeit von der Zentralregierung in Damaskus sein. Ähnlich wie die Unabhängigkeitsbestrebungen der irakischen Kurden könnte dies die Kurdenfrage in der ganzen Region wieder auf die Tagesordnung setzen und so zu einer ernsthaften Herausforderung nicht nur für Damaskus, sondern auch für Teheran, Ankara und Bagdad werden.

Keineswegs von geringerer Bedeutung ist die Tatsache, dass der Iran zumindest vorerst mit dem ‚Idlib gegen Afrin’-Abkommen zwischen der Türkei und Russland zufrieden zu sein scheint. Teheran scheint sich also mit Moskau einig zu sein, dass ein Erfolg Ankaras bei der Umsetzung seiner Ziele in Afrin die syrische Regierung entlasten und ihr dadurch helfen würde, die Gebiete in der Provinz Idlib zurückzuerobern, die von den von der Türkei unterstützten Aufständischen kontrolliert werden. Mit der Türkei als einem staatlichen Akteur mit legitimen nationalen Sicherheitsinteressen wird man später leichter über eine Reintegration Nordsyriens in einen syrischen Einheitsstaat verhandeln können als mit den Kurden oder anderen bewaffneten Gruppen und nichtstaatlichen Akteuren mit einer noch immer unklaren Agenda.“ (Hamidreza Azizi: „How Iran sees Turkey’s military operation in northern Syria“)

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