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Digitaler Hass: Wie der Online-Antisemitismus den Alltag vergiftet

Daten zeigen eine massive Steigerung des Antisemitismus im Internet
Daten zeigen eine massive Steigerung des Antisemitismus im Internet (© Imago Images / Steinach)

Judenhass entfaltet sich heute nicht nur auf der Straße, sondern immer aggressiver im Netz. Der neue RIAS-Jahresbericht zeigt eine dramatische Eskalation des digitalen Antisemitismus mit verheerenden Auswirkungen auf den Alltag jüdischer Jugendlicher.

Am Mittwoch vor einer Woche stellte der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) seinen Jahresbericht »Antisemitische Vorfälle in Deutschland 2025« vor. Auf der Bundespressekonferenz kommentierte Laura Cazés, Leiterin für Kommunikation und Digitalisierung bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), die drastischen Ergebnisse. Die ZWST ist eine zentrale Akteurin bei der Bekämpfung von Judenhass. Sie bietet bundesweite Beratungsstellen, Schulungsprogramme und Projekte an, die sich der Aufklärung, der Forschung und der direkten Unterstützung von Betroffenen widmen.

Besonders der Bereich »Mabat« innerhalb der ZWST widmet sich Fragen der digitalen Transformation. Er setzt sich dafür ein, unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen – insbesondere jungen Menschen, Senioren sowie gesellschaftlich benachteiligten Personen – den Zugang zu digitalen Partizipationsmöglichkeiten zu erleichtern. Die nun präsentierten Daten zeichnen jedoch ein Bild, das die demokratische Öffentlichkeit zutiefst alarmieren muss. Das Internet hat sich längst von einem Kommunikationsmedium in einen primären Multiplikator von Antisemitismus verwandelt.

Virtueller Hass

Mit einem Positionspapier zum Umgang mit Hass und Gewalt in digitalen Kommunikationsräumen, das von einer breiten Allianz zivilgesellschaftlicher Akteure getragen wird, wurden unlängst konkrete politische Handlungsempfehlungen an die Bundesregierung formuliert. Besonderes Augenmerk legte die Initiative dabei auf die Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum. Da sich ein erheblicher Teil ihres sozialen und kommunikativen Alltags inzwischen online abspielt, gewinnen Fragen nach Sicherheit, Schutz und Teilhabe dort zunehmend an Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund führte die ZWST im vergangenen Sommer erstmals eine Befragung auf ihren Jugendfreizeiten durch. Ziel war es, Erkenntnislücken in der bisherigen Forschung zu schließen und die Perspektive jüdischer Jugendlicher stärker sichtbar zu machen. Die Erhebung zum Thema Online-Antisemitismus liefert erste empirische Hinweise auf das Ausmaß antisemitischer Erfahrungen in digitalen Räumen und verdeutlicht zugleich den Bedarf an weiterführender wissenschaftlicher Untersuchung.

Besonders auffällig und rücksichtslos ist das alltägliche Ausmaß des Terrors im Netz. Erschreckende 86,5 Prozent der befragten Jugendlichen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren gaben an, in den vorangegangenen zwölf Monaten antisemitische Inhalte online gesehen zu haben. Fast die Hälfte von ihnen stieß sogar sehr häufig auf derartige Hetze. Dieser permanente Beschuss bleibt nicht ohne tiefe Spuren in der Psyche. 42 Prozent der Jugendlichen berichten infolgedessen von Angst und psychischer Belastung. Zudem nehmen 44 Prozent die online gemachten Erlebnisse direkt mit in ihren Offline-Alltag. Die Grenze zwischen digitaler Welt und analoger Realität existiert für die Betroffenen nicht mehr.

Die Bedrohung ist so greifbar, dass 13,5 Prozent der Befragten unter daraus resultierenden direkten körperlichen oder psychischen Folgen leiden. Ein beträchtliches Viertel, nämlich 28 Prozent, fühlt sich durch den Hass im Netz im täglichen analogen Leben stark beeinträchtigt. Besonders besorgniserregend ist die Hilflosigkeit angesichts dieser Flut. 41 Prozent der Jugendlichen wissen oft nicht, wie sie auf diese Vorfälle reagieren sollen.

Diese Zahlen unterstreichen, was die ZWST betont: Digital kommunizierte Hetze wird von Politik und Plattformen noch immer zu oft als bloßes »subjektives Empfinden« abgetan, obwohl der Bundesverband RIAS das Netz als stetigen Brandherd registriert. Ein konsequentes Durchgreifen ist zwingend notwendig. Dafür muss man jedoch die gesamte Bandbreite des israelbezogenen Judenhasses erkennen und jene ideologischen Scheuklappen ablegen, die das Blickfeld verengen. Es reicht nicht aus, Antisemitismus nur zu verurteilen, wenn er aus dem politisch entgegengesetzten Lager kommt.

Jeder, der sich publizistisch im Bereich der Nahost-Thematik bewegt, kann bestätigen, dass diese Befunde keine Hirngespinste sind. In einer unheiligen Allianz der Extreme stößt man online tagtäglich auf eine zunehmende Anzahl antisemitischer Inhalte, die ungefiltert aus rechten, linken und islamistischen Kreisen hervorquellen.

Kapitulation vor Hetze

Dabei ist es ein extrem zäher Kampf, die Anbieter zum Löschen zu bewegen. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) verpflichtet die Betreiber sozialer Netzwerke, gemeldete, offensichtlich rechtswidrige Inhalte binnen 24 Stunden zu löschen oder zu sperren. Die Plattformen entziehen sich jedoch ihrer Verantwortung – und selbst die Social-Media-Profile des öffentlich-rechtlichen Rundfunks verkommen viel zu oft zu einer unregulierten Kloake des ungefilterten Judenhasses. Anstatt diesen Echokammern entgegenzutreten, wird weggeschaut.

So kursieren alte Ritualmordlegenden und personenbezogene Drohungen – trotz wiederholter Meldungen an die Plattformen und Profile – stundenlang oder gar über Tage hinweg völlig ungestraft. Während dieser Zeit zieht jeder Hasskommentar unweigerlich weitere Hetzende. Der toxische Algorithmus belohnt die Empörung, und die digitale Hemmschwelle sinkt ins Bodenlose. Kinderleicht gelingt es »israelkritischen« Trollen und Bots, das eigentliche Thema eines Beitrags zu hijacken und ernsthafte Diskussionsteilnehmer, oft Direktbetroffenen der Hetze im Alltag, einzuschüchtern.

Jüngst postete etwa das Instagram-Profil von Team Recherche einen lesenswerten Beitrag über Antisemitismus an Schulen. Es handelte sich dabei um eine investigative Doku-Reihe und ein Social-Media-Format der ÖRR-Sender, die federführend vom Südwestrundfunk (SWR) und dem Bayerischen Rundfunk (BR) für Unter-Vierzigjährige produziert werden. In dem Beitrag berichtete eine jüdische Schülerin, ihre Sitznachbarin habe ihr zugeflüstert: »Hat das Gas dich nicht erreicht?«

Die explizite Wiedergabe der hetzenden Aussage diente dazu, die Grausamkeit zu vermitteln, mit der die Schülerin konfrontiert war. Dass die Schilderung dieser Erfahrung schonungslos aufgegriffen wird, ist begrüßenswert. Aber dann erfolgte eine Flut zustimmender Hasskommentare. An dem Punkt versagte Team Recherche dann kläglich, weil es für den Ansturm offensichtlich nicht gewappnet war.

Daraufhin kommentierte ich: »Entsetzt muss ich feststellen, dass in Eurer Kommentarspalte bedenkliche, menschenverachtende Parolen oft unerwidert stehen bleiben, welche die dokumentierte Barbarität des Hamas-Terrorangriffs vom 7. Oktober leugnen.« Man muss sich die Frage stellen: Was bringen redaktionelle Beiträge über Hass im Netz und was nützen feierliche Aufrufe zu Respekt und Toleranz, wenn in der Praxis jegliche Konsequenz beim Eingreifen fehlt? Diese Passivität hinterlässt einen verheerenden Eindruck und trägt zur Diskursverschiebung bei.

Die Antwort von Team Recherche ließ auf sich warten, und die Hoffnung, dass das Moderationsteam die Dringlichkeit begreift, wurde weitgehend enttäuscht: »Bei einem hohen Kommentaraufkommen kann es jedoch vorkommen, dass Kommentare, die gegen unsere Netiquette verstoßen, nicht sofort entfernt werden.« Diese bürokratische Schutzbehauptung offenbart das ganze Dilemma. Wenn sogar gebührenfinanzierte Redaktionen die systematische Relativierung von Terror und das Äußern von Vernichtungsfantasien mit Verweis auf »hohes Kommentaraufkommen« bloß achselzuckend verwalten – wie weit ist die Kapitulation vor der digitalen Hetze dann schon vorangeschritten?

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