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Wie mit Impfneid der Antisemitismus geschürt wird

Mitarbeiter des israelischen "Roten Davidstern" impft einen Palästinenser am Qalandiya-Grenzübergang
Mitarbeiter des israelischen „Roten Davidstern“ impft einen Palästinenser am Qalandiya-Grenzübergang (© Imago Images / UPI Photo)

Der Erfolg der israelischen Impfkampagne wird immer öfter mit Fake News in den Dreck gezogen, die Israel dämonisieren. Zuletzt in einem Radiosender des ORF.

Radio Wien, ein Sender des öffentlich-rechtlichen ORF, ist mit 17% Marktanteil das mit großem Abstand reichweitenstärkste Lokalradio der Millionenstadt. Jeden Tag hören mehr als 300.000 Personen ab zehn Jahren Radio Wien. Der Nachrichtenblock wird beworben mit dem Slogan „Die beste Information der Stadt“.

In den 10-Uhr-Nachrichten am 1. März 2021 hat der Moderator einen Beitrag zur israelischen Impfkampagne mit diesen Worten anmoderiert:

„Der egoistische Impfweltmeister: Bis jetzt hat Israel fast nur Juden geimpft, erst jetzt kommen Palästinenser an die Reihe.“

Das ist falsch, hetzerisch und bedient antisemitische Vorurteile. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG), Oskar Deutsch, und die Israelisch-Österreichische Gesellschaft (ÖIG) haben den Sender umgehend darauf hingewiesen.

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Atemberaubender Unsinn

Auch der langjährige ORF-Korrespondent in Tel-Aviv, Ben Segenreich, jetzt Israel-Korrespondent für Mena-Watch, hat sich in einer Mail an die Redaktion von Radio Wien gewandt, mit Kopie an den ORF-Generaldirektor und die Direktorin des Wiener Landesstudios:

Betreff: Atemberaubender Unsinn im Radio Wien

Sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

ich halte mich mit Kritik an Kolleginnen und Kollegen gewöhnlich zurück, aber diesmal kann ich mich nicht zurückhalten und erlaube mir als früherer ORF-Mitarbeiter, der Israel ziemlich gut kennt, folgende Bemerkungen.

In einer Anmoderation auf Radio Wien am 1.3. sagte der Moderator: „Der egoistische Impfweltmeister: Israel hat bis jetzt fast nur Juden geimpft, erst jetzt kommen Palästinenser an die Reihe.“ Das ist als Aussage falsch, zeugt von einer peinlichen Unkenntnis der Sachlage und transportiert eine ungesunde, verleumderische Tendenz. So ein atemberaubender Unsinn darf im ORF einfach nicht vorkommen, und der ORF sollte sich dafür entschuldigen.

Nur so viel zu den Fakten: in Israel wurden von Anfang an alle Bürgerinnen und Bürger, die das wollten, geimpft – selbstverständlich auch die Angehörigen der arabischen, drusischen, tscherkessischen, samaritanischen, karäischen, schwarzhebräischen und sonstigen Minderheiten, und darüber hinaus auch Ausländer und Ausländerinnen, die sich in Israel aufhalten. Wenn sich jemand für Einzelheiten interessiert, kann ich gerne Auskunft geben.

Mit freundlichen Grüßen,
Ben Segenreich

Nicht nur Ben Segenreich hätte Auskunft geben können, sondern auch sein Nachfolger beim ORF, Tim Cupal, dessen Beitrag – der nicht zu beanstanden ist – mit dieser hetzerischen Anmoderation angekündigt worden war. Cupal erhielt seine erste Teilimpfung in Israel übrigens einen Tag nach der Ausstrahlung.

Der Beitrag wurde am 2. März mit korrekter Anmoderation erneut gesendet, die von der Direktorin versprochene Entschuldigung blieb an diesem Tag allerdings aus. Sie folgte erst nach neuerlicher Erinnerung am 3. März im Anschluss an das 17-Uhr Journal. Der ursprüngliche Beitrag kann an dieser Stelle nicht mehr verlinkt werden, er wurde aus der Mediathek gelöscht.

Also am Ende alles gut, Fehler passieren schließlich jedem? Ganz und gar nicht.

Einzelfälle?

Jede Frucht gedeiht nur auf dem richtigen Boden. Man erntet, was man irgendwann gesät und hochgezogen hat. Das gilt für die sprichwörtlichen „Einzelfälle“ der FPÖ genauso wie für die tendenziöse Israel-Berichterstattung in vielen deutschsprachigen Medien, den ORF eingeschlossen. So wie sich die „rechten Ausrutscher“, die die Tageszeitung Der Standard hier dokumentiert hat, nur in einem bestimmten Milieu entfalten können, so fallen auch die verleumderischen und verzerrenden Nachrichten über Israel nicht vom Himmel. Allein zum Schlagwort „ORF“ findet man auf Mena-Watch 198 Beiträge.

Doch im Unterschied zu „rechtsradikalen Entgleisungen“ (Der Standard) treffen Entgleisungen, die Israel verleumden und dämonisieren und so wie hier antisemitische Vorurteile bedienen, so gut wie nie auf Widerspruch der meinungsbildenden Medienelite. Im Gegenteil, oft ist es gerade das links-liberale Milieu, das solche Ausfälle produziert und verbreitet.

Und während man von der politischen Rechten völlig zu Recht fordert, endlich selbst pro-aktiv tätig zu werden und die angeblichen Einzelfälle – die natürlich keine sind, sondern Ausdruck des geistigen Umfelds, das sie hervorbringt – zu beseitigen, vermisst man bei der irreführenden Israel-Berichterstattung schmerzlich jegliche Selbstreinigungskraft.

Auch im gegenständlichen Fall. Zwar reagierte die Leiterin des Landesstudios auf die Proteste und versprach Richtigstellung und Entschuldigung. Auf letztere musste man allerdings zweieinhalb Tage lang warten. Und fällt es wirklich niemandem in der Redaktion selbst auf, dass hier hetzerische Fake News verbreitet wurden? Braucht es für Richtigstellung und Entschuldigung wirklich den wiederholten Anstoß von außen?

Wer sich aus den Fingern saugt, dass Israel fast nur Juden geimpft hätte, verfolgt entweder eine Agenda oder hat keine Ahnung, wer in Israel lebt (sonst könnte man nicht Juden mit Israelis „verwechseln“) und geht den eigenen Vorurteilen auf den Leim.

Beides ist nicht gerade vertrauensfördernd. Das eigentlich Erschreckende daran ist jedoch, dass das in einem öffentlich-rechtlichen Sender, finanziert mit Gebühren und ausgestattet mit einem gesetzlichen Bildungsauftrag, ohne Intervention von außen offenbar keinem verantwortlichen Redakteur auffällt. Oder keinen zu stören scheint.

Angriffe auf Israels Impfkampagne

Immer öfter wird die Bewunderung für die erfolgreiche Impfkampagne Israels von demagogischen Angriffen auf den Impfweltmeister abgelöst. In einem Spiegel-Artikel über eine Israelin, die nach Syrien gewandert ist (er erschien einen Tag, nachdem Alexandra Margalith die Geschichte auf Mena-Watch erzählt hatte), hieß es zum Beispiel:

„Das nun rief die Palästinenser auf den Plan, denen Israel Impfungen bislang weitgehend vorenthalten hat, während es bei der Impfung der eigenen Bevölkerung weltweit vorn liegt.“

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Vorenthalten? Ebenso gut könnte der Spiegel schreiben, Deutschland würde den Palästinensern die Impfungen vorenthalten, die zu hunderttausenden in Kühlschränken liegen und aufgrund einer dysfunktionalen Bürokratie bislang nicht verimpft werden konnten. Denn Israel ist für Impfungen in den Autonomiegebieten nicht mehr oder weniger verantwortlich als jedes andere Land der Welt.

In den palästinensischen Gebieten im Westjordanland und im Gazastreifen ist gemäß den Osloer Abkommen ausschließlich die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) für die Gesundheitsversorgung zuständig, was sämtliche Impfkampagnen einschließt. Angebote Israels zur Zusammenarbeit wurden von der PA die längste Zeit zurückgewiesen.

Aber wen interessieren schon die Fakten, wenn es gilt, Israel zu dämonisieren und dem Land mehr oder weniger verhohlen Rassismus und Apartheid zu unterstellen. 

Wer in Israel geimpft wird

Zu Beginn der Kampagne wurden nur Mitglieder einer der gesetzlichen Krankenkassen geimpft. Unterschiede zwischen den verschiedenen Volksgruppen oder Religionen wurden dabei nie gemacht. Inzwischen können sich alle impfen lassen, die sich im Land aufhalten. Dem Umstand, dass gerade in den von besonders hohen Infektionszahlen betroffenen Communities der streng religiösen und der arabischen Bevölkerung die Impfbereitschaft gering ist, begegnet die Regierung unter anderem mit mehrsprachigen Kampagnen auf Arabisch und Hebräisch.

Selbstverständlich können sich also nicht nur die mehr als 20% arabisch-stämmigen Israelis und die Bewohner Ost-Jerusalems impfen lassen, sondern beispielsweise auch Asylwerber, Angehörige ausländischer diplomatischer Vertretungen und Journalisten.

Und während in Österreich und Deutschland noch nicht einmal alle Über-80-Jährigen geimpft sind, errichtet Israel jetzt Impfstationen für palästinensische Pendler aus den Autonomiegebieten – was das eigentliche Thema des Beitrags in Radio Wien war. Bis Österreich Impfstationen im Burgenland für ungarische Pendler errichtet, dürfte es hingegen noch etwas dauern.

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