Den Iran daran zu hindern, jemals wieder mit der Urananreicherung zu beginnen, hat für den amerikanischen Experten David Albright oberste Priorität.
David Isaac
Der amerikanische Physiker David Albright, einer der führenden Experten für das iranische Atomprogramm, gibt nur eine zögerliche Schätzung ab, in welchem Ausmaß bzw. für welchen Zeitrahmen die atomare Entwicklung durch die israelischen und amerikanischen Angriffe zurückgeworfen wurde. Seiner Meinung nach wird es jedoch »viele Jahre« dauern, bis die Islamische Republik einen Atomsprengkopf einsetzen kann.
Die aktuelle Situation ist also weit entfernt von der Lage vor den israelischen Luftangriffen im Juni, als der Iran innerhalb von fünf Monaten genügend angereichertes Uran für zweiundzwanzig Waffen hätte produzieren können. Im Vergleich dazu habe man es »nun mit einigen Überresten zu tun, gefährlichen Überresten, aber dennoch nur Überresten«, erklärte der Wissenschaftler gegenüber Jewish News Syndicate.
Albright ist seit Jahrzehnten im Bereich der Nichtverbreitung von Kernwaffen tätig: Von 1992 bis 1997 arbeitete er mit dem nach dem Golfkrieg eingerichteten Aktionsteam der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO) zusammen; im Juni 1996 war er der erste nichtstaatliche Inspektor des irakischen Atomprogramms. Der Physiker ist Gründer und Präsident des in Washington ansässigen Institute for Science and International Security, einer Gruppe, die sich dafür einsetzt, die Verbreitung von Atomwaffen an Terroristen und weitere Staaten zu verhindern.
David Isaac (DI): Um wie lange hat sich Ihrer Meinung nach der Ausbruch des Irans zur Atommmacht verzögert?
David Albright (DA): Das ist schwierig zu quantifizieren, aber wir sprechen hier wirklich von einer langen Zeit. Die Iraner versuchen gerade herauszufinden, was ihnen passiert ist. Orte wie Natanz und Isfahan gleichen Geisterstädten. Man sieht keine Menschen in den zerstörten Gebäuden. Hingegen sieht man Menschen in der Nähe von Fordo. Dieser Ort scheint das Interesse der Iraner besonders geweckt zu haben, was darauf hindeutet, dass dort wertvolle Dinge gelagert wurden.
DI: Wie würden Sie die Operation Israels beschreiben?
DA: Ich denke, sie haben das Zentrifugenprogramm effektiv zerstört. Es war sehr wichtig, die Zentrifugen anzugreifen. Wir gehen davon aus, dass bis zu 20.000 davon zerstört oder unbrauchbar gemacht wurden. Natanz wird mit natürlichem Uranhexafluorid betrieben – das ist das Arbeitspferd des gesamten Anreicherungsprogramms. Die Anlage, die das Uranhexafluorid liefern konnte, ist zerstört oder schwer beschädigt.
Die Israelis haben die drei bekannten Standorte für die Herstellung von Zentrifugen angegriffen und die IAEO schätzt, dass der Iran wahrscheinlich keine weiteren von nennenswerter Zahl hat. Damit haben sie ihnen die Möglichkeit genommen, weitere Zentrifugen herzustellen. Das betrifft die Seite der Urananreicherung. Es gibt zwei Teile des Atomprogramms: die Beschaffung von angereichertem Uran und dann den Bau der Bombe selbst.
Ich denke, dass relativ gesehen auf der Seite der Waffenproduktion mehr Schaden angerichtet wurde als auf der Seite der Anreicherung. Die Waffenproduktion umfasst alles, was man braucht, um die Bombe zum Funktionieren zu bringen, also eine ganze Reihe von Dingen: die Auslösung der starken Explosion, das sogenannte Mehrpunktzündsystem, die Umwandlung des waffenfähigen Urans in Metall, das Schmelzen und Formen zu Bauteilen, den Neutronenzünder und die letzten Arbeitsschritte.
Die Fähigkeit des Irans, Zentrifugen herzustellen, Hexafluorid zu produzieren, alle Rohrleitungen und die gesamte Elektronik zusammenzubauen und zum Laufen zu bringen, wurde erheblich beeinträchtigt. Aber die Iraner nahmen die Idee der Waffenproduktion ernst und das Wissen steckt in ihren Köpfen. Daher beschlossen die Israelis, dass es entscheidend sei, das Personal zu töten. Israel verschickte alle möglichen Textnachrichten, in denen es einer ganzen Reihe von Wissenschaftlern mit dem Tod drohte. Es gab eine Warnung, dass jeder, der an Atomwaffen arbeite, getötet werde. Und dann machten sie ein landesweites Angebot: Wenn Sie uns etwas Wichtiges oder Geheimnisvolles zu sagen haben, melden Sie sich. Es ist also sehr riskant, weiter bei diesem Programm zu arbeiten.
Man kann es auch anders ausdrücken: Wie groß ist das Risiko, dass der Iran eine ballistische Rakete mit einem Atomsprengkopf auf Israel oder Europa abschießen könnte? Ich würde sagen, dies ist durch die israelischen Aktionen noch Jahre entfernt.
Alleingang oder Kooperation?
DI: Sie haben gemeint, Amerika hätte an dem Angriff nicht beteiligt sein sollen. Warum?
DA: Es wäre besser gewesen, hätte Israel den Angriff alleine durchgeführt. Die Vereinigten Staaten müssen ein Waffenstillstandsabkommen aushandeln, das ein Ende der [Uran-]Anreicherung beinhaltet, und zwar auf eine überprüfbare Weise. Ich denke, dies wäre politisch einfacher gewesen, hätten sich die Vereinigten Staaten nicht direkt in den militärischen Konflikt eingemischt.
DI: Hätte Israel die Atomanlage in Fordo alleine ausschalten können?
DA: Vor dem Angriff der Vereinigten Staaten war ich dieser Meinung. Wir hatten den Lüftungsschacht identifiziert und waren der Ansicht, dass Israel mit den ihm zur Verfügung stehenden Waffen über diesen Lüftungsschacht etwas erreichen könnte. Möglicherweise wäre eine Bodenoperation erforderlich gewesen.
Nach meinem Verständnis aus den israelischen Erklärungen waren sie der Meinung, dass sie Fordo selbst ausschalten könnten. Offensichtlich haben die Vereinigten Staaten dies aber viel effektiver getan, indem sie fünf Bunkerbrecher in jeden Schacht geworfen haben. Das war ziemlich dramatisch und ging über das hinaus, was Israel hätte tun können.
Aber ich würde doch die Frage stellen: Wenn Israel es nicht konnte, warum hat es dann den Krieg begonnen? Ich weiß einfach keine Antwort darauf. Ich weiß, dass Israel aus dem [iranischen] Atomarchiv ziemlich detaillierte Baupläne für Fordo hatte. Unterm Strich hätte ich Israel empfohlen, es alleine zu tun mit den Vereinigten Staaten in einer unterstützenden Rolle und dann sehr aggressiv in die Verhandlungen einzutreten, um auf ein Waffenstillstandsabkommen zu drängen, das die Anreicherung beendet.
Wo ist das Uran?
DI: Was halten Sie von den Aktivitäten in Fordo nach dem US-Bombenangriff?
DA: Was wir gesehen haben, war, dass sie sicher um die Löcher herum arbeiten wollten, die durch die Bunkerbrecher entstanden waren. Sie haben im Grunde genommen alles so eingerichtet, dass sie Zugang zu den Lüftungsschächten hatten und Platten auf die Löcher legen konnten. Eine dieser Stellen ist ziemlich instabil. Wahrscheinlich haben sie Strahlungsmessungen durchgeführt. Worüber man besorgt war, ist die Flusssäure, die sich verflüchtigen und theoretisch durch den Schacht aufsteigen kann. Daher arbeiten sie möglicherweise daran, die Konzentration über den Schächten und an den Tunneleingängen zu messen.
Wir befürchteten, dass sie sich wieder Zugang verschaffen würden. Diese Sorge ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Vereinigten Staaten oder Israel einen erneuten Bombenangriff in Betracht ziehen könnten.
DI: Glauben Sie, dass der Iran vor dem Angriff einen Teil seiner Uranvorräte abtransportiert hat, wie er behauptet?
DA: Es gibt sicherlich Bedenken, dass Dinge aus dem Gebäude [in Fordo] entfernt wurden, obwohl die Lastwagen davor größtenteils wie Muldenkipper aussahen, so, als würden sie Dinge anliefern, um die Tunneleingänge zu versiegeln. In der US-Regierung herrscht die Ansicht, dass der Iran Fordo für uneinnehmbar hielt und deshalb ein sicherer Lagerungsort war. Deshalb wurden tatsächlich bestimmte Ausrüstungs- und Produktionsgegenstände dorthin gebracht. Das Gleiche gilt für einen Berg in Isfahan, der als Lagerstätte für angereichertes Uran oder für Zentrifugen oder andere wertvolle Güter diente.
Ein hochrangiger iranischer Funktionär teilte [IAEO-Chef Rafael] Grossi mit, bei einer Bedrohung angereichertes Uran zu verlegen. Wir sind keine Politiker, sondern Analysten. Wir müssen den Iranern glauben, dass sie die Verlegung geplant hatten. Wir wissen nicht, was zurückgelassen wurde. Es gibt natürliches Uran, es gibt Bestände mit einem Anreicherungsniveau von weniger als zwei Prozent, Bestände von weniger als fünf Prozent, Bestände von zwanzig Prozent und Bestände von sechzig Prozent. Ich bezweifle, dass sie alles weggebracht haben.
Der Iran hat möglicherweise der Verbringung seiner sechzig- und zwanzigprozentigen Bestände den Vorrang eingeräumt. Vor einigen Jahren berichtete die IAEO, dass 85 Prozent beider Bestände in der sogenannten Teheraner Brennstoffplattenfabrik lagen, die sich in Isfahan befindet. Bei Israels erstem Angriff wurde sie bombardiert und einige Tage später noch einmal. Ein Teil davon könnte also dort beschädigt worden sein.
Der Iran hat die Eingänge zu den Tunneln in Isfahan blockiert, um das Eindringen zu erschweren. Aber Israel hat sie bombardiert; so, wie die Vereinigten Staaten die Tunneleingänge bombardiert haben. An jedem Eingang sind enorme Schäden zu sehen. Technisch betrachtet sind sie also versiegelt, bis der Iran versucht, sie wieder freizulegen.
US-Präsident Donald Trump deutete an, die Iraner hätten alles nach Fordo verlegt: die sechzigprozentigen und vielleicht auch die zwanzigprozentigen Bestände. Andere sind der Ansicht, dass alles in diesem Bergkomplex in Isfahan untergebracht wurde. Sie hatten wahrscheinlich etwa 435 [Kilogramm angereichertes Uran]. Es kursiert eine Zahl von 400 Kilogramm, aber das ist die Menge, die sie bis Mitte Mai produziert hatten. Danach wurde mit einer Rate von etwa 35 Kilogramm pro Monat weiterproduziert.
Wie weiter?
DI: Welche offenen Fragen sind für Sie die wichtigsten?
A: Wann können wir ein Verbot der Anreicherung erreichen? Trump kann zwar sagen, es ist vernichtet, aber auf technischer Ebene ist man in einer schwierigeren Lage, weil die Leute wissen wollen, wie lange es dauern würde, bis der Iran waffenfähiges Uran hat. Wie lange würde es dauern, die Bombe zu bauen? Wie lange würde beides zusammen dauern und wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Versuch entdeckt wird? Was bleibt noch übrig?
Wenn sie wirklich hart daran arbeiten und entschlossen sind, könnten sie vielleicht in ein oder zwei Jahren anfangen, über den Bau einer Bombe nachzudenken. Am Ende kommt man also zu einer Art Worst-Case-Szenario. Nach der Bombardierung von Osirak im Irak im Jahr 1981 baute der Irak ein massives geheimes Atomwaffenprogramm auf, das größtenteils von Israel und den Vereinigten Staaten unentdeckt blieb. Man kann also nicht einfach aufhören und weggehen.
Meine größte Sorge gilt der Frage, wie man ein verifizierbares Verbot der Urananreicherung durchsetzen kann. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt dafür. Der Iran wurde gerade besiegt, ungeachtet seiner Erklärungen, und der Krieg kann jederzeit wieder ausbrechen.
DI: Glauben Sie, dass der Iran versteht, dass er den Krieg verloren hat?
DA: Nein, und das macht mir Sorgen. Deshalb möchte ich, dass Trump sehr aggressiv und entschlossen auftritt. Es wird wahrscheinlich weitere Militärschläge brauchen, um dem Iran diese Botschaft zu vermitteln. Im Jahr 1991 war es mit Saddam Hussein nicht einfach, er musste einen Waffenstillstand und sehr drakonische Bedingungen akzeptieren, und er versuchte zu betrügen und alles Mögliche zu tun. Es war wirklich ein harter Kampf. Und es gab Bombardierungen und Cruise-missile-Angriffe zu verschiedenen Zeitpunkten über mehrere Jahre hinweg.
DI: Welches ist das gefährlichste Szenario?
DA: Dass die Machthaber in Israel und den Vereinigten Staaten einfach sagen: »Okay, Mission erfüllt.« Dann sehen wir zu, wie der Iran darum kämpft, das Zerstörte wieder aufzubauen, und schließlich gelingt ihm das auch. Langfristig befürchte ich daher, dass der Iran den Bau von Atomwaffen vorantreiben wird, die schwierig zu entdecken und zu bekämpfen sein werden. Dieses Problem erfordert unsere ständige Aufmerksamkeit.
DI: Ist ein Regimewechsel der beste Weg, um sicherzustellen, dass der Iran keine Atomwaffen anstrebt?
A: Ich glaube nicht. Aber wenn man mit einem NS-ähnlichen Regime konfrontiert ist, dessen Führung sich nicht um das Leid seiner Bevölkerung schert; es entschlossen ist, an der Macht festzuhalten und weiterhin den Staat Israel vernichten will, hat man meiner Meinung nach keine andere Wahl. Es geht nicht um einen Regimewechsel, es geht darum, das Regime zu zerstören. Was danach kommt, kann niemand sagen, denn ich glaube nicht, dass man einen Regimewechsel von den Vereinigten Staaten und Israel aus bewerkstelligen kann. Man kann nur auf eine bessere Zukunft für das Land hoffen.
Der Text erschien auf Englisch zuerst beim Jewish News Syndicate. (Übersetzung von Alexander Gruber.)






