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Wer zündelt auf dem Tempelberg?

Der Tempelberg mit der Klagemauer in Jerusalem
Der Tempelberg mit der Klagemauer in Jerusalem (© Imago Images / Christian Offenberg)

Auf die kürzliche Visite des neuen israelischen Ministers für nationale Sicherheit auf dem Tempelberg reagierten ausländische Politiker und Journalisten mit altbekannten Vorurteilen und einer verzerrten Darstellung der Historie.

Tim Stosberg

Kaum zwei Wochen im Amt, sorgte der israelische Politiker Itamar Ben-Gvir erneut für internationale Aufregung: Bereits seine Ernennung zum Minister für Nationale Sicherheit durch Premierminister Benjamin Netanjahu hatte scharfe Kritik hervorgerufen, da Ben-Gvir als rechtsextrem gilt und 2007 wegen rassistischer Aufhetzung verurteilt wurde. 

Am 3. Januar besuchte er nun den Jerusalemer Tempelberg. Tom Nides, US-Botschafter in Israel, bezeichnete den Besuch als »inakzeptabel«, Mahmoud Abbas sah darin »einen provokativen Schritt gegen das palästinensische Volk« und das Außenministerium der Vereinigten Arabischen Emirate nannte ihn gar eine »Erstürmung«. 

Auch in der deutschen Presse waren derart markige Worte zu vernehmen: Unter dem Titel »Zündholz und Zepter« bezeichnete Peter Münch, Israel-Korrespondent der Süddeutschen Zeitung, Ben-Gvir als »politischen Pyromanen«, der mit seinem Handeln bewusst die Palästinenser provoziere. »Schlimmstenfalls«, so Münch, treibe Ben-Gvir dadurch »das ganze Land und die Region in Richtung Abgrund«. 

Der erfahrene Brandursachenermittler Münch weiß als schon ganz genau, wer da am Tempelberg zündelt: Wieder einmal sind es die Juden. Die Palästinenser dagegen werden nur provoziert, von den Israelis förmlich dazu gezwungen, zunächst mit scharfen Worten und schließlich mit ebenso scharfen Waffen auf die »Provokation« zu antworten. Diese von deutschen Journalisten bekannte Logik bedarf keiner weiteren Erklärung – sie versucht schlichtweg, den Antisemitismus der arabischen Seite zu rationalisieren und behauptet, die Juden seien selbst schuld an ihrer Misere. 

Viel interessanter ist es, sich eine Leerstelle der deutschen Berichterstattung anzusehen: die historischen und ideologischen Hintergründe des Konflikts um den Tempelberg, zu denen Münch & Co schweigen. Dann nämlich zeigt sich ein Kerngedanke des islamischen Antisemitismus: der Glaube an einen jüdisch-westlichen Krieg gegen den Islam.

Konfrontation vorprogrammiert

Die religiöse Bedeutung des Tempelbergs für Juden und Muslime ist enorm: An diesem Ort stand um 950 v. Chr. der Tempel Salomos, der bis zu seiner Zerstörung durch die Neubabylonier im Jahr 587 v. Chr. das zentrale Heiligtum des antiken Judentums bildete. Nach der Rückkehr der Juden aus dem Exil errichteten sie an der selben Stelle den Tempel Herodes des Großen, den schließlich die Römer im Jahr 70 n. Chr. zerstörten. Seitdem bildete die als »Klagemauer« bekannte Westmauer als letzter erhaltener Überrest des zweiten Tempels den wichtigsten Gebetsort für Juden. 

Nach der islamischen Expansion wurde auf den Grundmauern des jüdischen Tempels gegen Ende des 7. Jahrhunderts der als Felsendom bekannte Schrein erbaut, der als ältester monumentaler Sakralbau des Islam gilt. Denn auch für Muslime ist der »Haram asch-Scharif« genannte Tempelberg ein Heiligtum. Von ihm aus soll der Prophet Mohammed laut der Überlieferung in den Himmel geritten sein. In Nachbarschaft zum Felsendom wurde auf dem Plateau anschließend die Al-Aqsa-Moschee errichtet, die als drittwichtigste Moschee des Islam gilt.

Durch die unmittelbare Nähe von Felsendom, Al-Aqsa-Moschee und Klagemauer waren Konfrontationen zwischen Juden und Muslimen quasi vorprogrammiert: Status quo ist, dass der Zutritt zum Tempelberg für Juden beschränkt und das Beten dort nur Muslimen gestattet ist. Über die Einhaltung dieses Kompromisses wachen seit dem Sieg Israels im Sechstagekrieg 1967 – zuvor kontrollierte Jordanien Jerusalem – die israelischen Sicherheitsbehörden in Kooperation mit der islamisch-jordanischen Waqf-Stiftung. 

Allenfalls temporär wurde der Zugang auch für Muslime beschränkt, etwa im Juli 2017, als die israelischen Behörden in Reaktion auf einen Terroranschlag kurzzeitig Metalldetektoren im Eingangsbereich des Tempelbergs installierten. Zuvor war es drei arabischen Israelis gelungen, Waffen auf den Tempelberg zu schmuggeln und dort drei israelische Polizisten zu erschießen. 

Die verschärften Sicherheitsmaßnahmen wurden in der islamischen Welt prompt derart interpretiert, dass die Juden planten, die Al-Aqsa-Moschee zu zerstören – eine altbekannte islamische Verschwörungstheorie. Als Reaktion ließ etwa der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan die Parole zur »Befreiung der Al-Aqsa« über sämtliche Kanäle verbreiten.

Altbekannte Verschwörungstheorie

Den Ursprung des Al-Aqsa-Mythos arbeitete der Historiker Daniel Rickenbacher in seinem Artikel »Der ›jüdisch-westliche Krieg gegen den Islam‹« heraus: Zunächst war es der Pan-Islamist Rashid Rida, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts die islamische Welt davor warnte, die Juden würden zur Vertreibung der Muslime und Christen aus dem Heiligen Land schreiten, gelänge es ihnen, die Al-Aqsa-Moschee zu übernehmen.

Rida war einerseits von antisemitischen Verschwörungstheorien aus Europa inspiriert, die sich spätestens Ende des 19. Jahrhunderts in der islamischen Welt ausbreiteten, anderseits von antijüdischen Erzählungen aus den islamischen Schriften. Denn auch im Islam werden die Juden seit jeher verdächtigt, sich gegen die gläubigen Muslime verschworen zu haben. 

In den 1920er Jahren behauptete Amin al-Husseini, damals geistiger Führer des Obersten Muslimischen Rats (OMH) im britischen Mandatsgebiet Palästina, die Al-Aqsa-Moschee sei in Gefahr. Er agitierte damit gegen die jüdische Einwanderung in das Land und warb für den palästinensischen Nationalismus. 

Rickenbacher zeigt, wie das damalige Bestreben der Juden, das Grundstück vor der Klagemauer zu erwerben, vom OMH als Versuch dargestellt wurde, den kompletten Tempelberg zu übernehmen, samt der Heiligen Stätten des Islam. Als angeblicher Beweis dafür diente ein Bild, auf dem der Tempelberg mit einem Davidstern darüber zu sehen war. Es fand rasch Verbreitung und wurde auf internationalen Konferenzen herumgereicht, wie zum Beispiel auf der ersten panarabischen Konferenz 1937 im syrischen Bludan

Al-Husseini spielte bewusst die religiöse Karte aus, um die islamische Welt für seinen palästinensischen Nationalismus zu gewinnen: Nicht nur die Al-Aqsa-Moschee sei in Gefahr, sondern die islamische Präsenz im Nahen Osten. Deshalb habe man sich mit allen Mitteln gegen die Gründung eines jüdischen Staates einzusetzen.

Es ist das Vermächtnis al-Husseinis, dass er den Konflikt zwischen Arabern und Juden konfessionalisiert und dadurch drastisch verschärft hat. Seine Verschwörungstheorie blieb einflussreich: In den 1950er Jahren bezog sich der Muslimbruder und Vordenker des modernen Islamismus Sayyid Qutb auf den Al-Aqsa-Mythos: Er schrieb in seiner 1950 entstandenen Propagandaschrift »Unser Kampf mit den Juden«, die »Kinder Israels« würden zukünftig mit den Muslimen um die Al-Aqsa-Moschee kämpfen und bat Allah, »über die Juden Leute [zu bringen], die ihnen die schlimmste Strafe auferlegen«. 

Qutb mobilisierte mit dem Al-Aqsa-Mythos zum erbitterten Kampf gegen die Juden. Dessen sind sich auch heutige Islamisten bewusst, die zwischen Berlin und Bagdad regelmäßig zum Judenmord anstacheln. Ohne den Al-Aqsa-Mythos hätten die 2017 auf dem Tempelberg aufgestellten Metalldetektoren nicht zu schweren Ausschreitungen in Ostjerusalem geführt, an deren Ende ein grausames Attentat stand, bei dem ein 19-jähriger Palästinenser in das Haus einer jüdischen Familie eindrang und drei Menschen umbrachte. 

Von all dem wollen Leute wie der SZ-Korrespondent Peter Münch jedoch nichts wissen: Sie wissen immer schon vorher, wer da am Tempelberg zündelt.

Tim Stosberg ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Frankfurter Forschungszentrum Globaler Islam (FFGI) und lehrt am Institut für Ethnologie der Goethe-Universität Frankfurt. Er setzt sich schwerpunktmäßig mit einer Kritik des Antisemitismus, Islamismus sowie der postkolonialen Theorie auseinander.

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