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Wenn wir gegen die Türkei kämpfen, kämpfen wir gegen die NATO (Teil 1)

Demonstration in Jerusalem (Foto: Amit Barak)

Amit Barak spricht mit Metin Rhawi von der European Syriac Union – einem Dachverband syrisch-aramäischsprachiger politischer Organisationen und Kulturvereine – über die Situation der Kurden und Christen in Nordostsyrien.

Am vorvergangenen Samstagabend beteiligte sich eine in Jerusalem ansässige christliche Organisation namens „Jerusalemer Initiative“ an der Organisation einer Demonstration zur Unterstützung der Kurden und Christen in Nordostsyrien.

Um die aktuelle Situation zu verstehen, nahm ich mit Hilfe der „Jerusalemer Initiative“ telefonisch Kontakt mit Metin Rhawi auf, dem Leiter der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten der „European Syriac Union“, einem Dachverband verschiedener syrisch-aramäischsprachiger politischer Organisationen und Kulturvereine in Europa. Das Gespräch kam mit der Hilfe eines ranghohen Christen in den Reihen der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) zustande.

Mena-Watch: Wie sieht die Kooperation zwischen Christen und Kurden in Nordsyrien aus?

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Metin Rhawi: Ich will Ihre Frage mit Blick auf das beantworten, was sich seit dem Kriegsbeginn in Syrien 2011 verändert hat. Die verschiedenen ethnischen Gruppen mit unterschiedlichem religiösem Hintergrund haben nicht nur in Syrien, sondern im gesamten Nahen Osten Seite an Seite gelebt. Natürlich gab es immer Spannungen aufgrund von historischen Ereignissen und vergangenen Ungerechtigkeiten.

Seit der Krieg 2011 begonnen hat, haben Völker, Gruppen und politische Parteien versucht, Partner zu finden, um ihre jeweiligen Leute und deren Rechte zu schützen. Wir, die Aramäer, Assyrer, Chaldäer (die Christen), die Kurden, Araber und andere Ethnien haben in gemeinsamen politischen und militärischen Vereinbarungen zueinandergefunden. Wir haben den Syrischen Demokratischen Rat (Syrian Democratic Council/SDC) und die Syrischen Demokratischen Kräfte (Syrian Democratic Forces/SDF) gebildet, die seit mehreren Jahren rund 30% des syrischen Territoriums und ca. 5 Millionen Syrer verteidigt haben. Unsere Zusammenarbeit basiert auf einem Gesellschaftsvertrag, der allen Ethnien, Religionen und Kulturen gleiche politische Rechte garantiert, gestützt auf die militärische Macht der SDF, die unser Territorium im Nordosten Syriens verteidigt haben.

Natürlich befinden wir uns im Krieg mit ISIS und anderen dschihadistischen Gruppen sowie mit regionalen Streitkräften, nämlich denen der Türkei. Abgesehen davon hatten wir ein sehr gutes Verhältnis zueinander, trotz des Krieges und allem, was damit einher ging. Kurden, Araber und wir haben sowohl die politische als auch die militärische Macht aufgeteilt. Während des gesamten Prozesses haben wir es unseren Völkern gegenseitig ermöglicht, die jeweils eigenen Angelegenheiten auf unsere eigene Art und Weise zu regeln. Wir Aramäer waren uns immer Klaren, dass wir in dieser Zusammenarbeit unsere Selbstständigkeit behalten sollten, so wie wir glauben, dass es auch für die anderen sein sollte.

Mena-Watch: Gibt es abgesehen von der politischen Zusammenarbeit auch darüberhinausgehende Beziehungen zwischen Christen und Kurden?

Rhawi: Unsere Beziehungen zu Kurden und Arabern sowie zu anderen Ethnien sind sowohl politisch als auch militärisch. Ich habe bereits erwähnt, dass wir Mitbegründer des SDC und der SDF sind. Wir haben auch mehrere soziale Projekte und Kooperationen im alltäglichen Leben laufen, die sicher und geschützt waren, bevor Erdogan und die von ihm bezahlten Dschihadisten begannen, uns anzugreifen. Erdogan selbst hat seine Dschihadisten die „Armee Mohammeds“ genannt, die Krieger Allahs, die die Ungläubigen töten werden (also uns und diejenigen, die nicht dasselbe glauben wie er).

Mena-Watch: Wie viele Zivilisten leben heute in Nordsyrien und wie ist die Bevölkerung zusammengesetzt?

Rhawi: Es sind knapp unter 5 Millionen Menschen, darunter Christen verschiedener Konfessionen, Muslime verschiedener Richtungen, aber auch andere wie Jesiden und Drusen. Die Menschen in Nordsyrien sind hauptsächlich Araber, Kurden, Aramäer und andere kleinere Völker.

Mena-Watch: Wie viele Christen leben in Nordsyrien?

100.000–120.000. In ganz Syrien gab es rund 1,2 Millionen Christen.

Mena-Watch: Sind all die verschiedenen christlichen Konfessionen in der politischen Führung vertreten?

Rhawi: Die in führenden Positionen waren meist Angehörige der syrisch-orthodoxen Kirche, aber es gab auch einige Mitglieder der syrisch-katholischen Kirche, der Assyrischen Kirche des Ostens und einige Armenier, die der armenischen Kirche angehören.

Mena-Watch: Wo leben die christlichen Gemeinden in Nordsyrien?

Rhawi: Die meisten Christen leben in den Regionen um al-Hasaka, Qamischli, al-Malikiya und ein paar in der Gegend von Raʾs al-ʿAin. Die große Mehrheit der Christen lebt im Landesinneren im „Tal der Christen“, wo die meisten der melkitischen/römisch-orthodoxen Kirche angehören.

Wenn wir gegen die Türkei kämpfen, kämpfen wir gegen die NATO (Teil 1)
Demonstration in Jerusalem (Foto: Amit Barak)

Mena-Watch: Welche Gemeinden wurden bisher angegriffen?

Rhawi: Qamischli, Ain Issa Tal Abyad, Deir ez-Zor, al-Malikiya und einige andere Städte. Erdogan hat Flugzeuge, Hubschrauber, Panzer und andere schwere Waffen eingesetzt. Aber selbstverständlich sind es die Dschihadisten, die den Kampf in den Straßen führen. Auf die sind wir vorbereitet, aber wir können nichts gegen den Beschuss aus der Luft machen.

Mena-Watch: Wie groß sind die Schäden bisher?

Rhawi: Noch halten sie sich einigermaßen in Grenzen, weil bis zu einem gewissen Grad die Augen der Welt auf das gerichtet sind, was Erdogan tut. Er hat versprochen, dasselbe zu tun wie in Afrin, hat aber noch nicht die Gelegenheit dazu gehabt.

Wie gesagt, noch ist der materielle Schaden recht begrenzt, aber am meisten hat die demokratische Entwicklung gelitten, die wir in unserer Region verwirklicht haben. In der sich die verschiedenen Ethnien und Religionen (samt deren Untergruppten) gegenseitig anerkannt und respektiert haben. Wir hatten Ruhe und Sicherheit im alltäglichen Leben, im Waren- und Dienstleistungsverkehr, in den Geschäften und auf den Straßen. Diejenigen, die es benötigten, erhielten Sozialleistungen.

Mena-Watch: Wie viele Christen wurden bis jetzt verletzt?

Rhawi: Ich habe nur unbestätigte Informationen, wir sind ja im Krieg, die sprechen von rund einem Dutzend Verletzten (Stand: Montag, 14. Oktober). Ich muss sagen, dass viel mehr Kurden getötet wurden. Die meisten der Verletzten sind Kämpfer, die es mit türkischen Dschihadisten zu tun hatten, aber es gibt auch Opfer unter den Zivilisten.

Mena-Watch: Von welchen Verletzungen sprechen wir?

Rhawi: Kriegsverletzungen, wie sie durch das Feuer von Panzern und Flugzeugen hervorgerufen werden, durch Granaten und Kugel.

Mena-Watch: Wie ist momentan die Lage der Kirchen und Schulen?

Rhawi: Unsere Kirchen haben natürlich Schäden abbekommen, die aber momentan nicht schlimmer sind als die an anderen Gotteshäusern und Gebäuden. Obwohl in einem Fall, in al-Malikiya/Derek eine Kirche gezielt beschossen wurde. Erdogans Truppen feuern auf alles, was sich bewegt, meist Zivilisten in den Städten. Meist werden Zivilhäuser beschädigt und Zivilisten verletzt. Einige Schulen haben etwas abbekommen, aber wir können nicht behaupten, dass sie im Vergleich zu anderen Zielen gezielt und absichtlich anvisiert werden. Die Schulen sind selbstverständlich geschlossen.

Mena-Watch: Und die Krankenhäuser?

Rhawi: Einige Krankenhäuser wurden beschossen, um das Leben der Zivilbevölkerung zu beeinträchtigen.

Mena-Watch: Wie steht es um die Geistlichen?

Rhawi: Wir erwarten selbstverständlich, dass die Geistlichen uns segnen und für unser Volk beten, für die Zivilisten wie für die Soldaten. Wir verlangen von den Kirchen nicht, sich am Kampf zu beteiligen oder unser Volk politisch anzuführen, das ist unsere Aufgabe. Für sie wäre das riskant, und wir wollen sie nicht in Gefahr bringen. Die Priester leiden genauso wie alle anderen, aber bis jetzt wurde keiner von ihnen gezielt angegriffen oder bedroht. Wir hoffen, dass unsere Kirchen die türkische Aggression und die Invasionsversuche in Nordostsyrien verurteilen.

Wenn wir gegen die Türkei kämpfen, kämpfen wir gegen die NATO (Teil 1)
Demonstration in Jerusalem (Foto: Amit Barak)

Mena-Watch: Christen beteiligen sich an den Kampftruppen gegen die türkischen Milizen und den Islamischen Staat?

Rhawi: Es gibt unabhängige christliche Einheiten unter dem Assyrischen Militärrat, und wir haben Seite an Seite mit den kurdischen Einheiten der YPG [Volksverteidigungseinheiten] und YPJ [Frauenverteidigungseinheiten] gegen den IS gekämpft. Wir erinnern uns an die schlechten Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit mit den Kurden gemacht haben, die sich 1915 am Völkermord gegen uns beteiligt haben. Aber wir müssen vorwärts, in die Zukunft schauen. Jetzt stehen wir zusammen. Wir vergessen nicht, was sie getan haben, aber wir vergeben ihnen. Alle Truppen kämpfen unter dem Kommando der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), die von Arabern, Christen (Aramäer, Assyrer, Armenier und Chaldäer) und Kurden gegründet wurden.

Der Assyrische Militärrat ist einer der Mitgründer der SDF, unser politischer Arm ist einer der Mitgründer des Syrischen Demokratischen Rats (SDC), wir haben also auf allen Ebenen zum Kampf gegen den IS und gegen alle anderen beigetragen, die unsere Gebiete bedrohen. Der Assyrische Militärrat (MFS) ist der militärische Arm, die Sutoro ist unser Polizei- und Sicherheitseinheit, die für die Checkpoints in unseren Gebieten verantwortlich ist. Ich will darüber hinaus noch unsere Frauenföderation erwähnen, deren militärische Abteilung, die Beth Nahrin Frauenverteidigungseinheiten (HSNB), sich auch am Kampf gegen den IS und an den Kontrollstellen beteiligt hat.

Wir haben schon früher gekämpft, und wir kämpfen jetzt. Wir kämpfen, um unsere Gemeinden zu schützen. Wir haben 2015-2016 in den Operationen im Chaburtal am Kampf gegen den IS teilgenommen, als christliche Dörfer vom IS attackiert wurden. Wir haben damals Unterstützung von Koalitionstruppen und natürlich von den USA erhalten, Hilfe kam auch von den Kurden. Aber wir waren es, die den Kampf geführt und gewonnen haben. Wir haben Verantwortung für unsere eigene Sicherheit übernommen. Und wir haben unsere Truppen an alle Frontlinien geschickt, um anderen Einheiten zu helfen. Und jetzt sind wir natürlich in den Kampf gegen die türkischen Milizen involviert. Wir müssen unsere Gemeinden verteidigen.
Wir sind unabhängig und treffen unsere eigenen Entscheidungen, aber da wir auch Teil der SDF sind, tragen wir auch Anteil an gemeinsamen Entscheidungen.

Wenn wir die Frontlinien verteidigen, organisieren wir uns gemäß den Umständen und unseren Bedürfnissen. Wir haben unsere eigenen Kommandeure und entscheiden selbstständig innerhalb des Rahmens unserer Kooperation mit unseren arabischen und kurdischen Partnern.

Teil 2 des Interviews finden Sie hier.

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