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Wenn ›News‹ einen jüdischen Vampir entdeckt

Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine (© Imago Images / ZUMA Press)

Das Wiener Magazin erklärt uns, wie missverstanden Putin ist, und warum in Kiew eine Art blutsaugender Hysteriker regiert.

Dem Magazin News – doch, das gibt es wirklich noch – verdankt die Welt einen bisher einmaligen und ohne Übertreibung spektakulär zu nennenden Einblick in die Persönlichkeiten und Seelenleben von Vladimir Putin, dem Kriegsherren im Kreml, und Volodymyr Selenskyj, dem ukrainischen Präsidenten. 

Während in diesen Tagen viele Journalisten und Experten ihre Texte über Putin ja mit der Phrase »natürlich kann niemand in seinen Kopf schauen« versehen, um ihre mangelnde inhaltliche Trittfestigkeit zu camouflieren, gelang News genau das auf gerade bravouröse Art und Weise. Weltexklusiv und mit geradezu erschütternden Ergebnissen analysierte dort die Grazer »Philosophin und Psychotherapeutin« Monika Wogrolly, wie die beiden Männer wirklich ticken. Kleiner Spoiler: vermutlich muss jetzt dank News die Geschichte neu geschrieben werden. 

Denn völlig unbekannt war bisher, was die »Philosophin und Psychotherapeutin« über Putin zutage förderte. »Er fühlt sich höchstwahrscheinlich medial und zwischenmenschlich unverstanden, abgewertet und ungeliebt, weil er schon jahrelang für die westliche Welt in der Rolle des Bösewichts manifestiert ist,« erfahren wir da. 

Und lernen: Irgendwie völlig verständlich, dass der arme, unverstandene Mann im Kreml zehntausende Frauen, Männer und Kinder in der Ukraine abschlachten lässt, es ist ihm ja praktisch nichts anderes übriggeblieben. Wir kennen das doch alle aus unserem eigenen Leben: wenn wir uns »zwischenmenschlich unverstanden, abgewertet und ungeliebt« fühlen, sprengen wir halt eine Geburtsklinik in die Luft oder pulverisieren einen Kindergarten, was soll man denn in einer derartig belastenden Situation schon bitte anderes machen?

Wie überhaupt, wenn wir News folgen, die ganze »Spezialoperation« in der Ukraine irgendwie stark überbewertet ist; die Medien bauschen halt leider alles auf, um Auflage zu machen. »Krieg gibt es nicht erst seit Putins Einfall in die Ukraine«, lesen wir dagegen angenehm entspannt und urcool bei Frau Wogrolly, »Krieg (…)  gibt es Tag für Tag in unseren Straßen, Wohnungen, Betrieben, wann immer Menschen sich, wenn schon nicht körperliche, so psychische Gewalt antun. ›Mobbing, Bossing, Silencing und Ghosting‹ sind nur einige der grassierenden Wortneuschöpfungen der letzten Jahre…«

Vielleicht wäre zu erwägen, diesen News-Text ins Ukrainische zu übersetzen und gratis in einer der von Putins Schergen verwüsteten Städte zu verteilen. Den Überlebenden der Folter-Soldateska wird gewiss stark geholfen, wenn sie von fachkundiger Seite erfahren, dass sie ihr Schicksal mit den Opfern von »Mobbing, Bossing, Silencing und Ghosting« teilen. Ist ja im Grund wirklich kein Unterschied zwischen einer Rudel-Vergewaltigung mit Todesfolge und einem Mobbing-Vorfall im Büro.

Aber nicht nur über Putin, das unverstandene Opfer, weiß News weltexklusiv Erschütterndes zu berichten. Auch Ukraines Präsident Selenskyj, der Putin ja bekanntlich dauernd blöd mobbt, indem er seine Kriegsschiffe (wir wissen ja, wofür die 186 Meter Länge in Wahrheit stehen) kaputt macht, wird von der Grazer »Philosophin und Psychotherapeutin« gnadenlos seziert.

Da erfahren wir zuerst staunend, dass der von Putins Killertruppen in Kiew gejagte Selenskyj ein »Histrioniker« sei, also so etwas wie eine männliche Hysterikerin; was wohl auch seinen Verfolgungswahn vor Putins Killern erklären dürfte.

Doch Selenskyj stellt eine noch viel größere Bedrohung für die Menschheit dar, als es seine hysterische Neigung zum Schiffeversenken vermuten lässt, weiß News. Und jetzt müssen Sie bitte sehr tapfer sein, geschätzte Leser und Leserinnen: 

»Das Motiv des Histrionikers ist, seine innere Leere aufzufüllen; was er wie ein Vampir unablässig tun muss und das, indem er lügt und blendet, um sich selbst zu beweisen, wie großartig er ist.«
(Die »Philosophin und Psychotherapeutin«)

Warum sind wir auf diese Vampir-Sache um Gottes willen nicht schon viel früher draufgekommen? Dann gäbe es vielleicht heute schon längst keine Ukraine mehr, die dazu führt, dass der arme Putin sich »medial und zwischenmenschlich unverstanden, abgewertet und ungeliebt« fühlt.

Doch gnadenlos deckt News jetzt auf, was es mit dem Vampirismus des ukrainischen Präsidenten, der ja bekanntlich Jude ist – weswegen die Ukraine ja auch von den regierenden Nazis befreit werden muss – auf sich hat: »Triebfeder kann hier, wie gesagt, das psychologische Trauma der jüdischen Vorfahren (…) sein.«

Jetzt sehen wir plötzlich das ganze Bild, weltexklusiv dank der Grazer »Philosophin und Psychotherapeutin«: weil Selenskyjs Vorfahren von den Nazis im Holocaust ermordet worden sind, wurde der zum hysterischen Vampir, der den missverstandenen Putin dazu zwingt, die Ukraine von den dortigen Hitler-Groupies zu befreien.

Man kann in diesem Zusammenhang den Mut und die Unerschrockenheit von News und dessen Eigentümer Dr. Horst Pirker nicht genug bewundern und loben. Denn einen jüdischen Politiker mit einem »Vampir« zu vergleichen, der das Blut braver Christenmenschen saugt, wagten in der Geschichte des deutschsprachigen Presswesens zuletzt etwa der Stürmer, der Völkische Beobachter und ähnliche Publikationen, seit 1945 ist diese schöne Tradition ja leider umständehalber etwas aus der Mode gekommen.  

Schön, dass News sie nun wieder belebt. Darüber, was hier die »Triebfeder« sein könnte, derartiges zu publizieren, können wir leider nur spekulieren, da sich die »Philosophin und Psychoanalytikerin« aus Graz hierüber genauso ausgeschwiegen hat wie der Herausgeber von News

Aber zu vermuten ist: vielleicht, weil sie sich »medial und zwischenmenschlich unverstanden, abgewertet und ungeliebt« fühlen, vielleicht auch wegen des »psychologischen Traumas« eines Magazins, das sich über die Jahre in jeder Hinsicht mit großem Erfolg selbstmarginalisiert hat – oder aber auch wegen einer Geistesverfassung, die man höflich mit »brunzdumm« umschreiben könnte. 

Herr Doktor Pirker hat übrigens, nachdem in den sozialen Medien der von News verbreitete Antisemitismus als Antisemitismus bezeichnet wurde, angekündigt, dieses »experimentelle Format«, wie er das zu benennen müssen glaubt, nun, nachdem es erschienen ist, untersuchen zu lassen:

»Den Vorwurf des Antisemitismus lasse ich umgehend von berufener Seite prüfen.« 
(Dr. Horst Pirker)

Das ist eine ganz hervorragende Idee. Denn um herauszufinden, ob es antisemitisch ist, einen jüdischen Politiker mit einem blutsaugenden Vampir zu vergleichen braucht man ja wirklich Spezialisten und geballtes Know-how, das kann man als Herausgeber eines österreichischen Magazins nicht selbst entscheiden. Nur weil etwas quakt wie eine Ente, aussieht wie eine Ente und watschelt wie eine Ente, deutet ja bekanntlich nichts darauf hin, dass es eine Ente ist. 

Und wenn Pirkers Fachleute prüfen, abwägen und die Köpfe rauchen lassen, ob Antisemitismus etwas mit Antisemitismus zu tun hat, werden sicher ein paar gute Ideen für künftige »News«-Cover entstehen: etwa »War Hitler Antisemit?«, oder »Was bedeutete Auschwitz für den Klimawandel?«.

News druckt sowas sicher gerne. 

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