Das israelische Restaurant »Eclipse« in München wurde zum Ziel eines Brandanschlages. Ermittler gehen von einem judenfeindlichen Motiv aus.
Es ist ein wortwörtlich brandaktuelles Ereignis. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde die Heßstraße in der bayerischen Landeshauptstadt aus ihrem trügerischen Schlummer gerissen. Gegen 0:45 Uhr gab es unmittelbar nacheinander drei Detonationen im dritten Münchner Stadtbezirk. Das betroffene Gebiet liegt im Universitätsviertel, im Herzen der Münchner Maxvorstadt, in der ein hochverdichtetes Gefüge aus inhabergeführten Läden den Rhythmus bestimmt: Buchhandlungen, Boutiquen und Bodegas.
Dort hat sich insbesondere eine schillernde Gastronomieszene etabliert, deren Spektrum von katalanischen Tapas bis zu kantonesischen Teigtaschen reicht. Eine kulinarische Weltläufigkeit, von der seit nahezu zwanzig Jahren auch das »Eclipse« einen Teil bildet: eine Grillbar, die auch organische und vegane Speisen anbietet. Dort in der Trendszene hat sie ihren Platz gefunden – muss diesen aber leider immer wieder verteidigen. Denn das »Eclipse« ist ein offensichtlich israelisches Lokal.
Auf der Webseite des Etablissements prangt das Credo des jüdischen, ursprünglich aus Weißrussland stammenden Besitzers: ein Text, der von Stolz und einer tiefen, kosmopolitischen Lebensfreude zeugt. Er beschreibt darin die Philosophie seines Hauses und die DNA der israelischen Bevölkerung: »Eines gleich vorweg: Die eine ›israelische Küche‹ gibt es so nicht. Denn Israel ist ein sehr junges und auch ein sehr kleines Land. Nichtsdestotrotz leben hier Menschen aus über 60 verschiedenen Nationen, die alle mitsamt die kulinarische Landschaft der lokalen Küche stets prägten. Dies führt auch noch heutzutage zu einer kontinuierlichen kulinarischen Fusion aus Ost und West und Nord und Süd.«
Hässliche Risse in der Großstadtidylle
Anfangs habe man sich in München »immer sehr sicher gefühlt«, erklärte Grigori Dratva, Mitarbeiter des Restaurants und Schwager des Betreibers, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings gerieten der Betreiber, die Belegschaft und auch die Gäste Anfang 2019 ins Visier eines anonymen Hetzers, der sie in einer schriftlichen Botschaft mit abstoßenden Schmähungen überzog. Beleidigende Begriffe wie »Dreckschweine« prägen die handschriftliche Nachricht, die beim »Eclipse« einging und online bei Facebook gepostet wurde.
Insbesondere in den letzten zweieinhalb Jahren hat sich die Bedrohungslage verschärft. Die Eskalation in der Heßstraße kam also gewissermaßen nicht aus dem Nichts. Schon kurz nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 war das »Eclipse« verstärkt ins Visier geraten, als Unbekannte die Fassade mit »Free Palestine«-Slogans markierten. Die Ermittlungen verliefen damals im Sand, die Hintergründe blieben offiziell ungeklärt. Die Tat stellte eine jener Grenzüberschreitungen dar, die von der Gesellschaft oft erst im Rückblick als Teil einer konsequenten Radikalisierung wahrgenommen werden, wenn überhaupt.
Angesichts der Schwere des jüngsten Angriffs liegen die Ermittlungen nun in den Händen des Münchner Staatsschutzes, wobei die Tragweite des Falls die Einbindung der höchsten Justizebene erzwingt: Die Untersuchung wird von der Generalstaatsanwaltschaft München geleitet. Federführend ist hierbei Andreas Franck, der als zentraler Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz die politische Dimension des Anschlags in den Fokus rückt. So wurde auch das Kommissariat für extremistische Straftaten eingeschaltet. »Das Besondere bei diesem Einsatz ist die politische Brisanz, die dahintersteckt«, betonte ein Polizeisprecher. »Die Betreiber dieses Restaurants sind jüdischen Glaubens.«
Erste Ermittlungsergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild der Gewalt: Pyrotechnische Gegenstände wurden in den Gastraum geworfen. Drei Explosionen rissen zwei Löcher von jeweils etwa einem Quadratmeter in die Verglasung des Lokals; eine dritte Stelle hielt dem Druck stand und blieb als einzige intakte Fläche in der zerstörten Glasfront zurück. Die Detonationen hinterließen einen Sachschaden im mittleren vierstelligen Bereich. Die Täter konnten die Gunst der nächtlichen Finsternis nutzen und unerkannt untertauchen.
Es hätte sogar noch schlimmer kommen können. Der typischerweise gut besetzte Innenbereich hat Platz für rund siebzig Gäste. Um viertel vor ein Uhr nachts jedoch war das Restaurant zum Glück schon geschlossen. Der Anschlag forderte also keine Verletzten.
Gegen Weltläufigkeit
Neben der polizeilichen Bestandsaufnahme gibt es schließlich auch eine gesellschaftliche Bilanz, die dringend gezogen werden sollte. Ein israelisches Restaurant wird wiederholt zum Ziel von antisemitischen Anschlägen. Aber die Gesellschaft schaut reflexhaft weg. In den Echokammern und Eskalationsräumen der Intifada, die das Internet durchziehen, frohlockt man sogar über den Anschlag. Neben der Pyrotechnik und den Psychoterror fungiert der Entzug der Empathie als Waffe.
Das Entsetzen in der jüdischen Gemeinschaft Münchens schlug jedoch in aktiven Widerstand um. Für Freitag wurde zur Solidaritätskundgebung in der Heßstraße aufgerufen. Zahlreiche Initiativen, vom Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) bis zu Beersheva Munich queer, versammelten sich vor dem »Eclipse«. Der Initiator Guy Katz betont die Symbolik des Anschlags: Getroffen wurde ein Ort der Begegnung, der Menschen bei Hummus und Falafel vereint. Der Angriff sei ein Akt gegen die Werte der Weltläufigkeit gewesen, für die das Haus stellvertretend stehe.






