Am Gedenktag Jom HaZikaron wird der gefallenen Soldaten gedacht. Fast jeden Tag kommen neue Namen hinzu.
Wenn in Israel am Abend des Jom HaZikaron die Sirenen ertönen, erstarrt das Land. Autos halten auf den Autobahnen, Menschen steigen aus, Gespräche verstummen. Für einen Moment wird der Alltag vollständig unterbrochen – ein kollektiver Akt des Innehaltens, der zu den eindrücklichsten Ritualen der israelischen Gesellschaft gehört.
Am nächsten Morgen wiederholt sich dieser Moment für zwei Minuten. Die Sirenen markieren den Beginn der zentralen Gedenkzeremonien auf Militärfriedhöfen im ganzen Land. Familien besuchen die Gräber ihrer Angehörigen, legen Flaggen und Blumen nieder und stehen schweigend neben den Grabsteinen. Bilder aus Jerusalem zeigen, wie sich Tausende am Herzlberg versammeln, um der Gefallenen zu gedenken.
Der Gedenktag ist allgegenwärtig – nicht nur in den Zeremonien, sondern auch in den Zahlen. Nach Angaben des israelischen Verteidigungsministeriums sind seit 1860 insgesamt 25.644 Soldaten gefallen. Allein im vergangenen Jahr kamen 170 weitere hinzu, dazu Dutzende Veteranen, die an den Folgen ihrer Verletzungen starben. Dies ist ein Hinweis darauf, dass der Gedenktag nicht nur der Vergangenheit gilt, sondern einer Gegenwart, in der ständig neue Namen hinzukommen.
Zwischen staatlichem Gedenken und gemeinsamer Trauer
Neben den offiziellen staatlichen Zeremonien entstehen zunehmend alternative Formen des Erinnerns. Besonders symbolisch ist eine gemeinsame israelisch-palästinensische Gedenkveranstaltung, die auch in diesem Jahr stattfand – trotz massiver Drohungen aus dem rechtsextremen Spektrum und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Die Veranstaltung musste teilweise geheim organisiert werden.
Solche Initiativen versuchen, das Leid beider Seiten sichtbar zu machen und einen Raum für gemeinsame Trauer zu schaffen – ein Ansatz, der in der israelischen Gesellschaft zugleich Unterstützung und scharfe Ablehnung erfährt. Auch in gemischten Städten wie Jaffa fanden lokale Gedenkveranstaltungen statt, bei denen jüdische und arabische Teilnehmer gemeinsam der Toten gedachten.
Geschichten hinter den Zahlen
Die eigentliche Bedeutung von Jom HaZikaron liegt nicht in den Zahlen, sondern in den individuellen Schicksalen. Besonders seit dem 7. Oktober 2023 haben sich die Reihen der Gefallenen erneut gefüllt. Viele der getöteten Soldaten waren kaum älter als zwanzig Jahre, standen am Beginn ihres Lebens, planten Studium, Reisen oder Karrieren.
Israels Medien berichten regelmäßig über diese Biografien: junge Rekruten, die erst wenige Monate im Dienst waren, sowie erfahrene Soldaten, die in den Kämpfen im Gazastreifen fielen. Ihre Geschichten zeichnen ein Bild einer Generation, die zwischen Alltag und Krieg aufgewachsen ist.
Eine besondere Rolle spielen auch Reservisten. Männer und Frauen, die längst im zivilen Leben standen, wurden nach den Angriffen erneut einberufen. Viele hinterließen Partner und Kinder. Ihr Tod macht deutlich, wie durchlässig in Israel die Grenze zwischen zivilem Leben und militärischer Verantwortung ist.
Ein Land zwischen Trauer und Weiterleben
Jom HaZikaron endet abrupt. Am Abend gehen die Sirenen in Musik über, Feuerwerke beginnen, Israel tritt in den Unabhängigkeitstag ein. Doch dieser Übergang ist kein Widerspruch. Er ist Teil der israelischen Realität: Erinnerung und Leben, Verlust und Fortbestehen existieren nebeneinander.
Gerade im Schatten des aktuellen Krieges wird der Gedenktag zu mehr als einem Ritual. Er ist ein Moment, in dem sich das Land selbst betrachtet – und erkennt, dass die Liste der Gefallenen nicht nur Vergangenheit ist, sondern Gegenwart.






