Generic selectors
Exact matches only
Search in title
Search in content
Post Type Selectors

Wenn einen »Antirassisten« der Kampf gegen Antisemitismus stört

Rede des britischen Faschistenführers Edwald Mosley in Ridley Road am 7. Juli 1962
Rede des britischen Faschistenführers Edwald Mosley in Ridley Road am 7. Juli 1962 (© Imago Images / ZUMA/Keystone)

David Miller, Autor der antiisraelischen Website Electronic Intifada, sieht in einem britischen TV-Drama eine zionistische Verschwörung, die »Pro-Israel-Rassisten« weiß wasche.

»Das swingende London der 1960er, wie Sie es noch nie gesehen haben. Eine junge Jüdin wird in eine Welt der Täuschung hineingezogen und befindet sich in einem Kampf mit hohem Einsatz gegen die extreme Rechte. Basierend auf einer wahren Geschichte.«

So bewirbt die britische BBC das vierteilige Fernsehdrama Ridley Road, das am 3. Oktober 2021 auf dem Fernsehsender BBC One Premiere hatte. Es thematisiert den jüdischen Widerstand gegen die britische faschistische Bewegung der 1960er Jahre.

Die Protagonisten gehören zu der militanten 62 Group, die gewaltsam gegen Personen vorging, die sie beschuldigte, Organisatoren rassistischer oder antisemitischer Gewalt zu sein. Das Drehbuch basiert auf Jo Blooms gleichnamigem Roman von 2014.

Ich muss offenlegen, dass ich weder die Serie gesehen noch das Buch gelesen habe. Doch vielleicht sollte ich das nachholen – denn David Miller, Stammautor der reichweitenstarken antiisraelischen Website Electronic Intifada, ist ziemlich wütend darüber, wittert eine zionistische Verschwörung, die erst das Buch und dann auch noch die Serie hervorgebracht habe.

»BBC-Drama wäscht Pro-Israel-Rassisten weiß«, lautet der Titel des Beitrags, in dem er u. a. die These aufstellt, dass das Ausmaß des Antisemitismus in der Gesellschaft völlig übertrieben werde – allgemein und auch in der Serie. Weitere Thesen: Das Reden über Antisemitismus sei ein jüdisches Ablenkungsmanöver. Israel als ein normales Land darzustellen – womöglich gar als Ausweg für Juden, die vor Antisemitismus fliehen –, sei rassistisch und islamophob.

Über den Bezug der Serie zu Israel schreibt Miller: Die Serie sei »weithin gelobt« worden, «nicht zuletzt von der Israel-Lobby«. Wer diese Lobby ist, sagt er nicht – wahrscheinlich jeder, der den jüdischen Staat nicht vernichten will.

Die »Schwäche im Herzen der antirassistischen Bewegung«, die »von der Fernsehserie und tatsächlich von allen historischen Berichten dieser Zeit übersehen« worden sei, so Miller weiter, sei ihre »Durchdringung mit Zionismus«. Es sei darum ein »falscher Antirassismus« gewesen, »einer, der uns noch heute begleitet, ein Antirassismus, der nicht bereit ist, sich dem Rassismus zu stellen, der dem Zionismus, Israels Staatsideologie, innewohnt«.

Wer also Juden zubilligt, eine nationale Heimstätte zu haben wie andere Völker auch, der sei Rassist. Es wird hier nicht etwa nur der Staat Israel in seiner gegenwärtigen Form als rassistisch verunglimpft, sondern der Rassismus fängt in den Augen Millers bereits damit an, dass Juden überhaupt auf die Idee gekommen sind, einen eigenen Staat zu errichten – während natürlich nichts rassistisch daran sein soll, dass es arabische und islamische Staaten gibt und die PLO-Charta erklärt, dass das gesamte ehemalige Mandatsgebiet Palästina »das Heimatland des arabischen, palästinensischen Volkes« sei und dieses »ein untrennbarer Teil des gesamtarabischen Vaterlandes«.

Kein Antisemitismus, nirgends

Miller hat weitere Beschwerden. Die Serie, in der es um die faschistische, rassistische, antisemitische Bewegung im Großbritannien der 1960er Jahre geht, mache zu viel Aufhebens um Antisemitismus. Er spricht von einer »Überbetonung des Antisemitismus in der Gesellschaft« und kann keinen Antisemitismus entdecken, weder in der damaligen Gesellschaft noch in der heutigen.

Dass in London schon mal ein Convoy durch die Straßen fährt, deren Insassen »Fickt die Juden, vergewaltigt ihre Töchter« brüllen, hat sicherlich ebenso wenig etwas mit Antisemitismus zu tun wie der Fall des Mannes, der kürzlich in einem Londoner Kaufhaus auf einen anderen Mann einschlug, ihn mit einem gezückten Messer verfolgte und rief »Ich will meinen ersten Juden töten!«

Die Zahl der antijüdischen Hassverbrechen habe 2021 einen Rekordstand erreicht, titelte die britische Tageszeitung The Guardian im Februar. Der Community Security Trust (CST), eine gemeinnützige Organisation, die Fälle von Antisemitismus registriert, verzeichnete laut dem Bericht im vergangenen Jahr 2.255 solcher Vorfälle, »darunter immer mehr Menschen, die aus vorbeifahrenden Autos Beleidigungen riefen, sowie 173 gewalttätige Übergriffe«.

Es sei der »höchste Jahresstand an antisemitischem Hass, den CST jemals verzeichnet hat, und stellt einen Anstieg von 34 Prozent gegenüber den 1.684 Vorfällen dar, die im Jahr 2020 registriert wurden«.

Diesen gewalttätigen Antisemitismus muss der Electronic-Intifada-Autor leugnen, weil viele der Täter aus dem BDS-Mob kommen, mit dem er sympathisiert.

2016 griffen BDS-Schläger die Veranstaltung einer proisraelischen Gruppe am Londoner King’s College an, prügelten auf Besucher ein, warfen Stühle, zerstörten Fensterscheiben und betätigten den Feueralarm. In Deutschland sieht es nicht besser aus: Bei Demonstrationen in Berlin und Dortmund, die von der BDS-Gruppe Palästina spricht organisiert wurden, wurden kürzlich Journalisten als »Drecksjuden« beschimpft und mit Tritten und Schlägen verletzt.

Dafür braucht sich BDS aber nie zu rechtfertigen, seine Aktivisten kennen nur den Angriffsmodus. Die »Überhöhung« des Antisemitismus, heißt es in Millers Beitrag weiter, habe sich auch »in den Angriffen auf die Labourpartei gezeigt, als sie unter dem Vorsitz von Jeremy Corbyn war«.

Zur Erinnerung: Es ging bei jenen »Angriffen« um Labour-Politiker, die in etwa geäußert hatten, Juden wählten nicht Labour, »weil sie reich sind«. Oder Labour-Politiker, die auf Twitter geschrieben hatten: »Der Tod von Arbeitern im Ausland wird durch erschreckende Arbeitsbedingungen in jüdischen Unternehmen verursacht.« Miller folgert:

»Die offensichtlichste Funktion von Ridley Road besteht darin, die Vorstellung zu fördern, dass Antisemitismus im Vereinigten Königreich auch heute noch eine Bedrohung darstellt.«

Aufruf zur Dingfestmachung zionistischer Infiltration

Besonders übel sei ihm aufgestoßen, dass in der Fernsehfassung von Ridley Road, anders als in der Romanvorlage, auch ein Holocaustüberlebender vorkomme, der am Ende der Serie nach Israel auswandere:

»Beide Hinzufügungen normalisieren auf subtile Weise den Zionismus als Antwort auf den Antisemitismus.«

Es sei »nicht überraschend«, so Miller, dass sowohl die Fernsehproduzentin Nicola Shindler als auch Drehbuchautorin Sarah Solemani »zionistische Verbindungen« hätten. Worin bestehen diese? Miller schreibt:

»Shindler war Mitglied der zionistischen Gruppe B’nai-B’rith-Jugendorganisation oder BBYO. Sie gab auch bekannt, dass sie wegen des angeblichen Problems des Antisemitismus (vorübergehend) aus der Labour Party ausgetreten sei.

Solemani heiratete bei einer großen Hochzeit in Petah Tikva, das weithin als die erste jüdische Siedlung in Palästina angesehen wird. Es wurde 1878 gegründet und mithilfe von Baron Edmond de Rothschild entwickelt, einem wichtigen Geldgeber der zionistischen Kolonialisierung.«

Der Beitrag auf der Website Electronic Intifada macht also klar: Jene Juden, die vor mehr als 140 Jahren mit Genehmigung des türkischen Sultans auf gekauftem, malariaverseuchtem Sumpfland eine landwirtschaftliche Siedlung gründeten, seien genauso verächtlich und hassenswert gewesen wie jene, die heute dort heiraten, oder solche, die einen Film drehen, in dem es um Antisemitismus in der faschistischen Bewegung im Großbritannien der 1960er Jahre geht.

Während Miller seine rassistische Ansicht ausbreitet, dass Juden überall und zu allen Zeiten ein Problem seien, versucht er den Eindruck zu erwecken, es gebe eine mächtige zionistische Verschwörung, die TV-Serien produziere, die »rassistisch und islamophob« seien – wobei dieser Rassismus und diese Islamophobie nur darin bestehen, dass in dem Drehbuch ein Holocaustüberlebender nach Israel auswandert. Millers Forderung:

»Die Rolle der zionistischen Bewegung beim Eindringen in britische antirassistische Gruppen wirft ein neues Licht auf die Nachkriegszeit und erfordert sicherlich mehr Forschung darüber, wie weit der Einfluss des Zionismus seitdem gegangen ist.«

Erste Forschungsergebnisse werden sicherlich schon bald vorliegen.

Bleiben Sie informiert!
Mit unserem wöchentlichen Newsletter erhalten Sie alle aktuellen Analysen und Kommentare unserer Experten und Autoren sowie ein Editorial des Herausgebers.

Zeigen Sie bitte Ihre Wertschätzung. Spenden Sie jetzt mit Bank oder Kreditkarte oder direkt über Ihren PayPal Account. 

Mehr zu den Themen

Das könnte Sie auch interessieren