Eine italienische Zeitung führt vor Augen, wie mit – nicht gefälschten – Bildern Propaganda gemacht werden kann.
Das italienische Wochenmagazin L’Espresso gehört zu den bekanntesten Zeitschriften Italiens, doch nur selten geht sein Titelblatt im Internet viral wie am 11. April. Es zeigt eine Frau mit Hidschab und einen Mann in einer grünen Uniform mit einer Waffe. Unter dem Bild steht als Erklärung: »Die zionistische Rechte formt Groß-Israel«.
Der Mann hat Schläfenlocken, wie sie ultraorthodoxe jüdische Männer tragen, und auf dem Kopf eine auffällig große Kippa. Er guckt auf sein Handy und hat den Mund weit offen, als würde er die Zähne fletschen. Die Frau guckt scheinbar passiv zur Seite. Die beiden sehen einander nicht an. Dass es zwischen ihnen eine Interaktion gibt, ist nur daran abzulesen, dass der Körper des Mannes in die Richtung der Frau gewandt ist. Vielleicht filmt er sie mit dem Handy, aber auch das ist Spekulation.
Dadurch, dass der Mann als ultraorthodoxer Jude zu identifizieren ist, wird ein Bezug zu Israel hergestellt. Es handelt sich nicht um einen Soldaten im Dienst, denn es ist keine Uniform der israelischen Armee. Das werden die meisten Leser aber nicht wissen – sie werden ihn für einen Soldaten halten.
Bedeutung bekommt das Foto durch die Überschrift »Il Abuso« – zu Deutsch: »Der Missbrauch« oder »Der Übergriff«. Die Schlagzeile setzt eine zufällige Begegnung zweier Menschen in einen Rahmen: Der Jude muss wohl der Täter sein. Die Frau wird dann wohl Palästinenserin sein, kann der Betrachter folgern, und irgendwie Opfer.
Der Täter ist Jude
Jetzt wird auch klar, warum ein Foto von einem Mann gewählt wurde, der jüdisch aussieht: Anderenfalls hätte sich die Szene in einem x-beliebigen arabischen Land abspielen können, wenn nicht sogar in Europa oder Amerika. So aber schreit die Überschrift den Leser förmlich an: »Der Täter ist ein Jude!«
Noch unheimlicher wird es, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Redaktion von L’Espresso nach genauso einem Bild gesucht haben muss. Man wollte offenbar ein Foto von einem »bedrohlich« aussehenden Juden.
Infam ist ferner, dass die Redaktion so tut, als wäre die Szene vom Betrachter mühelos zu verstehen. Ein Jude, eine Frau mit Hidschab und die Schlagzeile, die Gewalt anzudeuten scheint, damit ist alles gesagt. Ebenso gut hätten sie schreiben können: »Teuflische Juden«.
So wird es dann auch aufgefasst. Die linksradikale Website Counterpunch titelte: »Das Grinsen des Siedlers: Wie ein italienisches Titelbild die Monstrosität von Großisrael aufdeckte.«
Das Bild, heißt es im Artikel, zeige einen »bewaffneten israelischen Siedler – in Militärkleidung, mit Kippa auf dem Kopf und herabhängenden Schläfenlocken –, der sadistisch grinst, während er mit seinem Handy eine sichtlich verzweifelte palästinensische Frau filmt«.
»Dieses eine Foto« sei somit »zum Symbol des zionistischen Großisrael-Projekts in seiner unverblümtesten Form geworden«. »Bewaffnete Zivilisten, unterstützt vom Staat und seinem Militär, terrorisieren systematisch die einheimischen Palästinenser, um ihnen ihr Land zu rauben, ihre Lebensgrundlagen zu zerstören und sie zu vertreiben.«
Der israelische Gesandte Jonathan Peled kritisierte, das Bild verzerrte »die komplexe Realität, mit der Israel koexistieren muss«, und fördere »Stereotypen und Hass«. Aber das beeindruckt niemanden.
»Als wären sie seine Tiere«
Der Fotograf Pietro Masturzo erklärte, dass es sich um einen realen Vorfall handele. Er teilte ein Video, das am 12. Oktober 2025 in Idhna entstanden sei, etwa einen Kilometer östlich der Waffenstillstandslinie von 1949.
»Ich habe es am 12. Oktober, dem ersten Tag der Olivenernte, im palästinensischen Dorf Idhna (westlich von Hebron) aufgenommen. Es sollte ein Feiertag sein. Neben den Landbesitzern und einigen palästinensischen Familien, die zur Erntehilfe gekommen waren, waren auch lokale palästinensische Behörden, eine Gruppe internationaler Aktivisten sowie mehrere palästinensische und internationale Journalisten, darunter auch Vertreter der New York Times, anwesend.
Gerade als die Ernte begann, traf eine Gruppe bewaffneter israelischer Siedler (einige trugen Armeeuniformen, wie der abgebildete Siedler) in Begleitung von Soldaten (deren Gesichter verhüllt waren) ein und hinderte die Palästinenser an der Olivenernte. Der Gesichtsausdruck des Siedlers und die Folgen seiner wiederholten Geste – er ahmte das Geräusch eines Hirten nach, der seine Herde zusammentreibt – sprachen Bände und er sprach die Palästinenser an, als wären sie seine eigenen Tiere.«
Zur Bestätigung seiner Aussage veröffentlichte er ein Video, das die Szene zeigen soll.
Sowohl Masturzos Erklärung auf Facebook als auch das Video zeigen, dass an dem Tag ein großes Medienereignis stattfand. Eine Gruppe von palästinensischen Aktivisten traf auf eine Gruppe jüdischer Aktivisten. Es gab Wortwechsel und es wurde mit den Händen gestikuliert. Die Frau macht in Richtung des Uniformierten immer wieder eine Bewegung mit der Hand, als würde sie Fliegen verscheuchen. Niemand aber berührt den anderen. Umringt waren die Akteure von einem Aufgebot internationaler Presse, Fotografen und Kameraleute.
All das ist nicht im Bild zu sehen. Wenn das Foto nicht manipuliert wurde, dann muss Masturzo sich große Mühe gegeben haben, einen Moment zu erwischen, wo die beiden Personen nicht dicht bei einer Menschentraube stehen, so dass der Eindruck erweckt wird, sie seien an einem menschenleeren Ort. Das ist bedeutsam, weil die Idee hinter dem Foto ja ist, der Mann werde der Frau im nächsten Moment etwas antun. Das Video aber zeigt sie nicht als Opfer, sondern als aktive Teilnehmerin einer politischen Demonstration.
Redaktion rechtfertigt sich
Im Zuge der Debatte um das Titelbild nahm die Redaktion Stellung. Es handele sich bei der Frau um Meead Abu al-Rub, 35, »eine Anwältin der Kommission für den Widerstand gegen die Kolonisierung und die Mauer«. »Sie befand sich im Gebiet von Suba, nahe Idhna, südwestlich von Hebron im besetzten Westjordanland.« Sie sei gemeinsam mit anderen Aktivisten vor Ort gewesen.
Die Redaktion beharrt darauf, das Bild dokumentiere »den Angriff eines bewaffneten israelischen Siedlers«, ohne zu sagen, worin dieser Angriff bestand. »Einige der Siedler trugen Militäruniformen und waren bewaffnet«, berichtet Meead. »Sie haben uns bedroht, beleidigt und gefilmt. Der Siedler, der mich mit dem Handy filmte, sagte, er würde uns alle verhaften lassen, obwohl wir nichts falsch gemacht hatten und sie es waren, die uns angegriffen haben.«
Dem nur als »Siedler« vorgestellten Mann wurde offenbar von der Redaktion keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben; sie weiß noch nicht einmal seinen Namen – veröffentlicht aber ein Foto von ihm auf der Titelseite in klar kompromittierender Absicht.
Meead spricht von »mehr als zwanzig Siedlern«, die »geschützt von über dreißig israelischen Soldaten« die Demonstranten »bedroht und beleidigt und sie gefilmt« hätten. »Sie haben versucht, uns einzuschüchtern, und uns mit Verhaftung gedroht. Wenn wir die Veranstaltung nicht abgesagt und uns zurückgezogen hätten, hätten die Siedler nicht gezögert, direkt auf uns zu schießen und uns zu töten, denn ihre Waffen waren schussbereit«, behauptet sie und fügt hinzu: »Wir sind bei solchen Veranstaltungen ständig Provokationen und Angriffen durch Siedler ausgesetzt. Ich hatte keine Angst vor ihren Provokationen, ihren Aufnahmen oder nicht einmal vor ihren Waffen.« Die »palästinensische Botschafterin« in Italien habe sie angerufen, um ihr zu gratulieren, erzählt sie.
Es handelt sich bei dem Titelbild um Propaganda. Das »sadistische Grinsen« eines Juden sollte den Lesern gezeigt werden, und die Reaktionen zeigen, dass es genauso aufgenommen wurde. Ein anderes der vielen Hundert Fotos, die an jenem Tag von Pressefotografen gemacht wurden, hätte vielleicht eine aggressive Geste der Frau gezeigt – doch das sollte nicht gezeigt werden.
Auch der Kontext musste abgeschnitten werden, damit die Szene die gewünschte Bedeutung bekam. Cropping nennt man das Zuschneiden von Fotos. Es ist nicht per se manipulativ. Wer einen Politiker am Rednerpult, einen Sänger auf der Bühne oder einen Stürmer beim Torjubel zeigt, muss nicht alle Personen mit abbilden, die in der Nähe sind. Aber hier wurde ein Foto passend gemacht, um eine Botschaft zu transportieren und dem Publikum ein buchstäblich falsches Bild der Lage zu präsentieren.
Von der Realität abgeschnitten
Fotografie gilt oft als Beweis für Realität – als eingefrorener Moment, der zeigt, »wie es wirklich war«. Doch dieser Eindruck ist trügerisch. Schon die Entscheidung, was ins Bild kommt, ist eine Form der Auswahl. Noch stärker wird dieser Effekt, wenn ein vorhandenes Foto nachträglich beschnitten wird. Durch Cropping lässt sich die Bedeutung einer Szene verschieben, manchmal subtil, manchmal drastisch.
Ein Bild zeigt nie die ganze Situation, sondern nur einen Ausschnitt. Wird dieser Ausschnitt weiter reduziert, verschwindet Kontext. Personen, Gegenstände oder Handlungen am Rand, die das Geschehen einordnen könnten, werden unsichtbar. Zwei Menschen, die im Originalbild Teil einer größeren Gruppe sind, können plötzlich wie ein isoliertes Paar wirken. Ein kurzer Blick kann wie ein intensives Gespräch erscheinen. Eine zufällige Nähe wird zur scheinbaren Vertrautheit – oder zu einem »Angriff«.
Besonders wirkungsvoll ist Cropping, wenn es Beziehungen zwischen Personen verändert. Abstand kann verschwinden, Nähe konstruiert werden. Eine Geste, die im Gesamtbild harmlos ist, kann isoliert eine ganz andere Bedeutung bekommen. Ein Mann blickt auf sein Handy, gedeutet wird ein »sadistisches Grinsen«. Die erfahrene Anwältin und Aktivistin – nach eigener Erklärung völlig furchtlos – wird zur »verzweifelten Palästinenserin«.
Diese Form der Bildbearbeitung ist nicht per se problematisch. In Kunst und Gestaltung gehört das Zuschneiden zu den grundlegenden Mitteln, um Komposition, Fokus und Aussage zu schärfen. Problematisch wird es dort, wo Bilder als dokumentarisch oder objektiv verstanden werden – etwa im Journalismus oder in politischen Kontexten. Hier kann ein veränderter Bildausschnitt gezielt einen irreführenden Eindruck erzeugen, ohne dass das Bild selbst »gefälscht« ist.
Gefälscht, wie bei einem Foto, das die Nachrichtenagentur Reuters 2010 von dem türkischen Schiff Mavi Marmara veröffentlichte, welches im Frühjahr 2010 im Auftrag der islamistischen türkischen Organisation IHH nach Gaza fahren sollte, um die legale israelische Seeblockade zu durchbrechen.
Die IHH händigte der Presse damals Fotos aus, die zeigen sollten, wie sie mit israelischen Soldaten, die das Schiff gestoppt hatten, kurzen Prozess gemacht habe.
Eines zeigte etwa einen am Boden liegenden, blutverschmierten israelischen Soldaten, im Vordergrund die Hand eines Mannes mit einem Messer. So wurde es von der türkischen Zeitung Hürriyet gedruckt. Doch bei Reuters wurde das Foto so zugeschnitten, dass das Messer verschwand. Oft geht es beim medialen Krieg gegen Israel darum: was man sieht und was man nicht sieht.






