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Wenn Antisemiten Juden verklagen

Shireen Ab Akleh: Al Jazeera will Israel vor dem Internationalen Strafgerichtshof verklagen
Shireen Abu Akleh: Al Jazeera will Israel vor dem IStGH verklagen (© Imago Images / agefotostock)

Die Klage, die Al Jazeera vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen der versehentlichen Tötung seiner Journalistin Abu Akleh gegen Israel eingereicht hat, könnte den TV-Sender selbst in ein peinliches Licht rücken.

Rafael Medoff

Das Mediennetzwerk Al Jazeera hat wegen der versehentlichen Erschießung seiner Reporterin Shireen Abu Akleh Klage gegen den Staat Israel eingereicht. Die Geschichte von Extremisten, die (prominente) Juden verklagen, legt nahe, dass Al Jazeera dies noch bedauern könnte, werden die Fakten, die im Lauf der Klage öffentlich werden könnten, doch möglicherweise ein peinliches Schlaglicht auf den Sender selbst werfen. Denn laut der Anti-Defamation League (ADL) ist Al Jazeera »ein bedeutender Exporteur von hasserfüllten Inhalten gegen das jüdische Volk, Israel und die Vereinigten Staaten«.

Die ADL weist darauf hin, Al Jazeera habe versucht, »den Völkermord der Nazis am jüdischen Volk in Zweifel zu ziehen« und ihn als »angeblichen Holocaust« bezeichnet. Weiter hat der Sender »routinemäßig Gewalt gegen israelische Juden verherrlicht« und gegen das gewettert, was der TV-Sender als »die Kontrolle der Juden über die Pornografieindustrie« bezeichnet. Die ADL stellt fest, dass Al Jazeera in seinen Kommentarsektionen »allen Arten von bösartigen antiisraelischen und sogar antisemitischen Extremisten eine Plattform bietet«.

Eine weitere Frage ist, ob Al Jazeera gezwungen werden sollte, sich beim US-Justizministerium als ausländischer Agent zu registrieren, wie es der russische Fernsehsender RT in Bezug tun musste. Al Jazeera wurde von Katar gegründet, finanziert und unterhält laut ADL »weitreichende Verbindungen zum katarischen Regime«. Sowohl Al Jazeera als auch die katarische Gesellschaft für den öffentlichen Rundfunk werden von ein und demselben Regierungsbeamten beaufsichtigt. Der US-Botschafter in Doha stellte »vor einigen Jahren fest, dass die katarische Regierung Al Jazeera als Instrument der katarischen Staatstätigkeiten einsetzt«, berichtet die ADL.

Eine Anhörung vor dem Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag zum Fall Abu Akleh würde es der Verteidigung ermöglichen, unbequeme Fragen sowohl zum Inhalt der Berichterstattung von Al Jazeera als auch zu den Einzelheiten der Beziehungen zur katarischen Regierung zu stellen.

Alles schon einmal dagewesen

Die Klage von Al Jazeera gegen Israel erinnert ein wenig an jene, die der antisemitische Agitator Benjamin Freedman in den 1940er Jahren gegen amerikanisch-jüdische Organisationen angestrengt hat. Freedman, ein New Yorker Geschäftsmann, der als Jude geboren wurde, aber zum Katholizismus übergetreten war, schaltete 1946 große Anzeigen in der amerikanischen Presse, in denen er die Juden des Versuchs beschuldigte, »die USA in einen Krieg hineinzuziehen, um einen nationalistischen, souveränen Judenstaat in Palästina zu schaffen«. 

Die Anzeigen waren von der »Liga für Frieden mit Gerechtigkeit in Palästina« unterzeichnet, ebenso wie vom als »Vertreter von Personen jüdischen Glaubens« auftretenden Freedman, von der sich als »Vertreterin von Personen christlichen Glaubens« gebenden R. M. Schoendorf und von Habib I. Katibah, der im Namen von »Personen arabischer Abstammung« gehandelt haben wollte.

Das Amerikanisch-Jüdische Komitee (AJC) warf der angeblich interreligiösen Koalition vor, eine Täuschung zu sein, war doch »R. M. Schoendorf« in Wirklichkeit Freedmans Frau Rose, und Katibah ein altbekannter »arabischer Propagandist«, der keinerlei Personengruppe repräsentierte. Benjamin Freedman reichte umgehend Klage ein und forderte fünf Mio. Dollar Schadenersatz.

Ein Leiter des AJC begrüßte damals die Klage als »Gelegenheit, vor Gericht das Wesen und den Charakter« Freedmans und seiner angeblichen Organisation aufzuzeigen. Die Klage wurde jedoch abgewiesen, bevor der Prozess weit genug gehen konnte, um auf diese Details einzugehen. 

Doch zwei Jahre später öffnete der streitlustige Freedman die Büchse der Pandora erneut. 1948 verklagte sein Anwalt und enger Mitarbeiter Hallam Richardson die nichtkonfessionelle Anti-Nazi-League (ANL), weil in einer ihrer Broschüren behauptet worden war, die beiden Männer seien »seit Langem in den Örtlichkeiten der pro-faschistischen Propagandisten bekannt«. 

Die Anhörungen vor dem Manhattan Magistrates Court erwiesen sich als katastrophal für Benjamin Freedman. Die Verteidigung der ANL legte ein Telegramm vor, das Freedman an Haj Amin Al-Husseini, den palästinensisch-arabischen Mufti und Nazi-Kollaborateur, geschickt hatte. Darin lobte er Husseinis »Vision, Mut, Stärke und Kampf [für] die Gerechtigkeit« und versprach, den Mufti im Krieg gegen die Juden »voll und ganz zu unterstützen«. 

Die Verteidigung enthüllte auch ein Dokument, in dem Freedman einem Mitarbeiter berichtet hatte, dass er kürzlich »die sofortige Errichtung einer Maschinenpistolenfabrik« in Pakistan ausgehandelt habe. Im Zeugenstand weigerte sich Freedman zu erklären, wie die Maschinenpistolen eingesetzt werden sollten.

Schuss ins eigene Knie

Freedman war ein interessanter Zeuge, nicht zuletzt, weil er sich immer wieder selbst ins Knie schoss. In einem seiner Ausbrüche bezeichnete er die Journalisten, die über den Prozess berichteten, als »Läuse«. Immer wieder benutzte er auch den Begriff »Judenstaat« in pejorativer Weise, wofür ihn das Gericht wiederholt ermahnte.

Es war auch nicht unbedingt hilfreich, dass Freedmans Kollege und Anwalt, Hallam Richardson, mit einem der berüchtigtsten Antisemiten der damaligen Zeit, Joe McWilliams von der Bewegung der »Christian Mobilizers« zusammengearbeitet hatte. »Wenn [Richardson] davon spricht, McWilliams zu vertreten, hat er natürlich das Recht, ihn zu vertreten«, bemerkte der Richter. »Aber wenn er ein Partner von McWilliams, dem berüchtigten Hassprediger, wird, hat er wenig zu beanstanden«, wenn er, wie von der ANL,  als ein solcher Partner einer Hasspredigers bezeichnet wird.

Insofern überrascht nicht, dass der Richter die Klage abwies und feststellte, dass Freedman »ein Spinner« sei und die Kritik der Anti-Nazi League an ihm und Richardson »nachweislich wahr ist«.

Sollten die Direktoren von Al Jazeera mit dem Fall Benjamin Freedman nicht vertraut sein, wäre es jetzt vielleicht an der Zeit, sich über ihn zu informieren. Auch wenn sie augenscheinlich glauben, ihre Klage werde etwas Unvorteilhaftes über Israel enthüllen, ist es nämlich doch wahrscheinlicher, dass am Ende Fakten über Al Jazeera enthüllt werden, von denen sie vorziehen würden, dass sie nicht öffentlich werden.

Rafael Medoff ist Gründungsdirektor des David S. Wyman Institute for Holocaust Studies und Autor von mehr als zwanzig Büchern über jüdische Geschichte und den Holocaust. Seine jüngste Publikation ist das von der von der Jewish Publication Society & University of Nebraska Press veröffentlichte Buch America and the Holocaust: A Documentary History. (Der Artikel erschien auf Englisch beim Jewish News Syndicate. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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