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Wendet Jordanien sich dem Iran zu?

Jordaniens Flagge in Kerak (© imago images/Mint Images)
Jordaniens Flagge in Kerak (© imago images/Mint Images)

Jordanien galt lange als Hort der Stabilität in einer unruhigen Region. Jüngste Entwicklungen deuten darauf hin, dass diese Zeit zu Ende gehen könnte.

Edy Cohen, Tablet

König Abdullah II. von Jordanien wurde von den westlichen und israelischen Medien stets als gemäßigter Monarch gepriesen, der Frieden und sogar Demokratie für sein Land und den Nahen Osten anstrebe. Aber vielleicht sollte Abdullah mehr im Lichte seiner jüngsten Reise in das jordanische Dorf Kerak, 75 Meilen südlich von Amman, gesehen werden, um das Grab von Ja’far ibn Abi Talib zu besuchen, einem Cousin des Propheten Mohammed und dem Bruder von Ali ibn Talib, dem Gründer des schiitischen Islam. Das Königreich Jordanien hat diese Stätte nie für schiitische Besucher geöffnet.

Ja’far ibn Abi Talib ist unter Schiiten eine heilige Figur, einer der „rechtgeleiteten“ Kalifen, wie die ersten vier Nachfolger des Propheten genannt werden. Die Mehrheit der Muslime weltweit und fast alle Jordanier, von denen 95 % Sunniten sind, betrachten den Besuch von Gräbern zum Gebet als einen Akt der Vielgötterei. Doch hier war Abdullah, der seine Militäruniform und Gebete in einem schiitischen Heiligtum verrichtete – vor laufenden Kameras und im Scheinwerferlicht der jordanischen Medien.

In den vergangenen Jahrzehnten hatte Abdullah nie viel für die Schiiten übrig. Es gibt nicht eine einzige schiitische Moschee im Königreich. Der jordanische Geheimdienst überwacht die Schiiten in Jordanien ebenso wie alle einheimischen sunnitischen Muslime, die Elemente des schiitischen Glaubens und der schiitischen Praxis übernehmen. Die jordanischen Behörden verbieten beispielsweise alle religiösen Zeremonien, die mit dem Schiitentum in Verbindung stehen, insbesondere dsa Aschura-Fest, das Trauern um den Tod von Husain ibn Ali, dem Sohn von Ali ibn Abi Talib. (…)

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Einen Tag vor seinem Besuch in Kerak flog Abdullah am 27. Juni zu einem seltsamen Treffen mit dem irakischen Premierminister Mustafa al-Kadhimi und dem ägyptischen Präsidenten Abdel-Fattah as-Sisi nach Bagdad. Alle drei Männer unterzeichneten ein Abkommen über eine „Neue Levante“, das angeblich eine wirtschaftliche Zusammenarbeit der drei Länder in den Bereichen Energie und Elektrizität, Landwirtschaft und Ölhandel vorsieht, wobei Jordanien als Transitpunkt für irakisches Öl nach Ägypten und von dort über das Mittelmeer nach Europa dienen soll. Die drei Staatsoberhäupter beschlossen außerdem, ein einheitliches Visum für die Einreise in alle drei Länder einzuführen. Eine derartige Grenzregelung nach europäischem Vorbild ist unter den arabischen Ländern äußerst selten.

Viele in der Region fragen sich, warum Ägypten, das weder mit Jordanien noch mit dem Irak eine gemeinsame Grenze hat, an einem solchen Abkommen beteiligt ist. Eine Möglichkeit wäre, dass as-Sisi sich isoliert fühlt, insbesondere im Hinblick auf sein Bemühen, Äthiopien am Bau eines Megastaudamms zu hindern, der Dürre in Ägypten verursachen würde. Da die Biden-Administration kaum Hilfe leistet und die arabischen Golfstaaten auf die ägyptische Regierung kaum Einfluss haben, signalisiert as-Sisi eine Annäherung an den Iran – zwar keine vollständige Normalisierung, aber Schritte in Richtung einer besseren Beziehung.

Da das iranische Regime die irakische Regierung, das Militär und den Geheimdienst kontrolliert, die alle als Marionetten benutzt werden, um dem Iran zu helfen, die US-Sanktionen zu umgehen, wäre eine ägyptische Beteiligung am Export irakischen Öls – das ebenfalls vom Iran kontrolliert wird – unter der Trump-Regierung unvorstellbar gewesen. Unter Biden, der selbst um eine Annäherung an den Iran bemüht ist, ist sie dagegen fast schon gesunder Menschenverstand. Abdullah sieht darin eine Gelegenheit, die er sich offenbar zunutze machen möchte.

Seit dem Treffen in Bagdad Ende Juni haben die jordanischen Staatsmedien nicht nur die Beteiligung Ägyptens am irakischen Ölexportgeschäft gefeiert, sondern auch für bessere Beziehungen zum Iran geworben: Die Medienorgane der Monarchie haben eine vollständige Normalisierung der Beziehungen gefordert und sogar über die Öffnung des Landes für religiöse Touristen aus dem Iran spekuliert, einschließlich des Baus eines Flughafens in Kerak, um sie beherbergen zu können. Zaid Nabulsi, ein enger Berater Abdullahs, forderte sogar, Amman solle sich mit Teheran verbünden.

Für die Jordanier ist dies mehr oder weniger eine Kriegshandlung. Die große Mehrheit von ihnen verachtet das iranische Regime wegen der Verbrechen iranischer Milizen gegen Araber und Sunniten im Irak, in Syrien, im Jemen, im Libanon und sogar in Gaza. (…)

All dies geschieht zu einer Zeit, in der das Regime Abdullahs erheblich geschwächt ist. Im April versuchte der Bruder des Königs, der Ex-Kronprinz Hamzah bin Hussein, ihn zu stürzen (…) Versucht Abdullah, seinen Thron zu retten, indem er einige der Hoffnungen derjenigen erfüllt, die seinen Sturz unterstützt haben, unter anderem, indem er as-Sisi folgt und sich dem Iran zuwendet?

(Aus dem Artikel „Iran’s New Suitors“, der von Tablet veröffentlicht wurde. Übersetzung von Florian Markl.)

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