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Welchen Druck der Iran auf seine Sportlerinnen ausübt

Demonstranten in Australien zeigen Solidarität mit der iranischen Frauenfußball-Mannschaft
Demonstranten in Australien zeigen Solidarität mit der iranischen Frauenfußball-Mannschaft (© Imago Images / AAP)

Nachdem sechs Spielerinnen der iranischen Frauenfußballnationalmannschaft in Australien Asyl erhalten haben, bleiben viele Fragen offen.

Niemand weiß, was jenen Frauen widerfahren wird, die in den Iran zurückgekehrt sind. Auch die Umstände, unter denen sie nach Malaysia geflogen wurden, von wo aus sie weiter in den Iran reisen sollten, sind nicht restlos geklärt. Shahrzad Shirkhanzadeh, eine 25-jährige, im Iran geborene australische Apothekerin, die den Spielerinnen half, rechtlichen Rat einzuholen, berichtete im Interview mit Sky News Australia von dem Druck, unter dem die Spielerinnen standen. Unmittelbar nachdem sie während der Nationalhymne im ersten Gruppenspiel stummgeblieben waren, seien die Spielerinnen eingeschüchtert worden. Ihre Familienangehörigen seien verhaftet, ihre Handys konfisziert worden.

Auf die Frage des Moderators, ob jene Spielerin, der Asyl gewährt wurde, die dann aber ihre Meinung änderte und in den Iran zurückflog, eine freie Entscheidung getroffen habe oder aus der Entfernung eingeschüchtert worden sei, antwortete sie: »Keines dieser Mädchen trifft jemals in seinem Leben eine freie Entscheidung. Freier Wille war es, während der Nationalhymne stumm zu bleiben. Wir wissen, dass sie Angst hat. Wir wissen, dass ihre Familie nicht sicher ist. Und wir wissen, dass sie wegen ihrer Familie zurückkehrt.«

Das Regime sei »so mächtig«, dass es Zwang auf die Frauen ausüben könne, sogar in Australien. Sie hoffe zwar, dass den Spielerinnen nichts passieren werde, aber die Wahrheit sei leider, dass »Vertragsbruch« im Iran mit dem Tod bestraft werden könne. Es erwarte sie »nichts Gutes«, sagte Shirkhanzadeh. Leider gebe es auch in Australien »sogenannte progressive Gruppen«, die die Lage herunterspielten und die Propaganda des Regimes verbreiteten, statt auf Iranerinnen zu hören, die Erfahrungen aus erster Hand hätten.

Der Moderator fragte nach, ob denn wenigstens die Spielerinnen, die Asyl erhalten haben, sicher seien oder ob das Regime auch in Australien »seine Tentakel ausstrecken« werde. Das sei eine Frage, die an die australische Regierung zu richten sei, antwortete die Irano-Australierin. Die Islamische Revolutionsgarde (IRGC) sei erst »vor wenigen Wochen« – im November 2025 – in Australien auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt worden. Das sei ein bedeutender Schritt, der früher hätte getan werden sollen.

»Warum haben wir so lange gewartet? Wenn wir hier nicht sicher sind, warum denken wir, dass es die Mädchen wären? Was die Mädchen getan haben, dass sie im ersten Spiel während der Nationalhymne stumm blieben: Das war der erste Akt der Verweigerung, der Zurückweisung des Regimes durch Menschen, die das Regime selbst repräsentieren, nur 48 Stunden nach Khameneis Tod.«

Schweigen gegen das Regime

Die Mannschaft hatte einen engen Zusammenhalt, berichtet das Wall Street Journal. Viele Spielerinnen hatten zuvor bereits gemeinsam in Russland, der Türkei und Tadschikistan gespielt. Schon früher waren einige von ihnen mit den Vorschriften des Mullah-Regimes in Konflikt geraten. Kapitänin Zahra Ghanbari, eine herausragende Torschützin, wurde 2024 für mehrere Spiele gesperrt, nachdem während eines Matches ihr Kopftuch abgefallen war. Sie und ihr damaliger Verein Bam Khatoon entschuldigten sich anschließend.

Vor dem Spiel am 2. März diskutierten die Spielerinnen die Möglichkeit, gegen das Regime zu protestieren. Ob sie dies umsetzen würden, war jedoch unklar, berichtete die in Sydney lebende Lokalpolitikerin Tina Kordrostami, die den Frauen später riet, Zuflucht in Australien zu suchen. Ihr Schweigen während der Nationalhymne wertete Kordrostami als stillen Protest: »Sie wurden in einem System groß, das sie ständig zum Schweigen zwang. Und genau dieses Schweigen setzten sie gegen das Regime ein.«

Begleitende Aufpasser des Regimes verhinderten während des Aufenthalts in Australien, dass die Spielerinnen das Hotel verließen. Selbst bei einem Strandbesuch durften sie die Fahrzeuge nicht verlassen.

Nach einer 0:2-Niederlage gegen die Philippinen am 8. März war das Team aus dem Turnier ausgeschieden und hätte in den Iran zurückkehren müssen. Nach dem Spiel warteten Fans im Regen vor dem Stadion, blockierten teilweise den Mannschaftsbus und hielten Schilder hoch, auf denen sie die Spielerinnen aufforderten, sich an die Behörden zu wenden. Ein Mann hielt ein Plakat hoch, auf dem auf Farsi eine persönliche Nachricht an eine Flügelspielerin stand: »Golnoosh Chosravi, Mahanat hat gesagt: Komm nicht zurück.«

Hinter den Kulissen standen die Spielerinnen bereits in Kontakt mit Mitgliedern der iranischen Diaspora in Australien, die ihnen erklärten, dass sie humanitären Schutz beantragen und dauerhaft im Land bleiben könnten. Laut Menschenrechtsorganisationen verlangt die iranische Regierung von Sportlern, die ins Ausland reisen, oft hohe Sicherheiten, teilweise mit Immobilien als Pfand. Eine Nicht-Rückkehr hätte Schulden oder schlimmere Konsequenzen für die Familien bedeuten können.

Die Fußballerinnen sorgten sich, dass ihre Familien verfolgt werden könnten, und fragten sich zugleich, wie ihr Leben in Australien aussehen würde – viele von ihnen sprechen kein Englisch – und ob das Regime sie auch dort verfolgen könnte. Kommunikationsversuche mit Eltern und Geschwistern scheiterten häufig an den wiederkehrenden Internetabschaltungen im Iran.

Die Flucht

Am Abend vor der geplanten Abreise flohen fünf Spielerinnen – darunter Kapitänin Ghanbari – aus dem Teamhotel. Sie schlichen über den Parkplatz, um den iranischen Sicherheitskräften zu entgehen, berichtete Masoud Zoohori, Leiter des persischsprachigen Radiosenders Radio Neshat. »Ihr seid jetzt in Australien«, rief ein Aktivist, »rennt!« Ein wartendes Fahrzeug brachte sie zu einem Treffen mit australischen Behörden. Als die Sicherheitskräfte bemerkten, dass fünf Spielerinnen verschwunden waren, rannten sie hinterher, berichtete Kordrostami.

In den frühen Morgenstunden des 10. März telefonierte US-Präsident Donald Trump mit dem australischen Premierminister Anthony Albanese über mögliche humanitäre Hilfe. Albanese werde »einen sehr guten Job machen«, schrieb Trump später in den sozialen Medien. Die fünf Frauen trafen anschließend Tony Burke, Australiens Innenminister. Sein Ministerium erteilte ihnen humanitäre Visa. Fotos zeigen sie ohne Kopftücher und mit offenen Haaren. Spontan riefen sie den australischen Schlachtruf: »Aussie, Aussie, Aussie! Oi, oi, oi!«

Bis Dienstag entschieden sich zwei weitere Frauen – eine Spielerin und ein Betreuungsmitglied –, ebenfalls in Australien zu bleiben. Der Rest der Mannschaft reiste nach Sydney weiter. An der Grenze wurden die Spielerinnen einzeln befragt, diesmal ohne Begleitung iranischer Aufpasser, ob sie bleiben wollten.

In den sozialen Medien wurde verbreitet, dass jene Spielerinnen, die im Bus zum Flughafen fuhren, mit den Lichtern ihrer Mobiltelefone SOS-Signale gemacht hätten. Das ist aber von keiner Regierungsstelle oder einem Augenzeugen bestätigt worden. Eine Erklärung für diesen Eindruck: Das Video, das diese Signale zeigen soll, ist aus der Entfernung von der linken Seite des Reisebusses aufgenommen. In anderen Videos und auf Fotos ist zu sehen, dass auf der rechten Seite des Busses Unterstützer mit ihren Handys in den Bus hineinleuchteten. Es ist anzunehmen, dass die vermeintlichen SOS-Signale Reflexionen der Handys der Unterstützer auf den regennassen Scheiben des Busses waren.

Die Kritik an der australischen Regierung ist also – nach dem jetzigen Kenntnisstand des Autors – unberechtigt. Sie hat allen Spielerinnen Asyl gewährt, die das wollten. Es gibt keine Beweise dafür, dass sie nicht bereit gewesen wäre, alle aufzunehmen, wenn sie das gewünscht hätten. Einige Spielerinnen erkundigten sich, ob ihre Familien aus dem Iran nachkommen könnten. Die Behörden erklärten ihnen, dass das wohl nicht möglich sein werde. »Wir sorgten dafür, dass niemand unter Druck stand«, erklärte Burke. »Der einzige Druck, den wir nicht nehmen konnten, war der Kontext – was ihnen möglicherweise zuvor gesagt worden war – und die Sorgen, die sie um ihre Familien hatten.«

Einen Tag nach dem Abflug des restlichen Teams änderte eine der in Australien gebliebenen Spielerinnen ihre Entscheidung und bat die iranische Botschaft, sie abzuholen. Eine iranische Nachrichtenagentur behauptete, Australien habe Druck ausgeübt. Burke betonte, dass Menschen in Australien frei seien, ihre Meinung zu ändern, und dies respektiert werde.

Da die Schergen des Regimes nun den Aufenthaltsort der Spielerinnen wussten, mussten die verbleibenden sechs Frauen aus Sicherheitsgründen eiligst in ein neues sicheres Haus gebracht werden. Dass sie in Australien offenbar nicht sicher sind, sobald das Regime weiß, wo sie sich aufhalten, wirft die Frage auf, wie groß das Vertrauen der Regierung in die australische Polizei ist. Warum konnte man sie nicht einfach abschirmen, wie man das bei ausländischen Staatsgästen oder Popstars tut? Psychologisch mag es für die Frauen jedoch besser gewesen sein, zu wissen, dass sie an einem geheimen Ort sind.

Keine Rückkehr, solange Regime existiert

Ihr Martyrium ist nicht zu Ende. Von nun an können sie – bis zum Ende des Mullah-Regimes – nicht zu ihren Familien in den Iran zurück. Die Futsal-Spielerin Shiva Amini, die heute in Italien lebt, postete während eines Urlaubs in der Schweiz im Jahr 2017 in den sozialen Medien Fotos von sich, die sie ohne Kopftuch zeigten. Die Reaktionen des Regimes waren so massiv, dass sie sich nicht traute, in ihre Heimat zurückzukehren. Kürzlich berichtete sie in einem Interview im Studio des Nachrichtensenders Fox News, was das für sie bedeutete. Als ihr Vater starb, sei sie nicht bei ihm und ihrer Mutter gewesen und fühle sich deshalb schuldig. Sie sprach mit zitternder Stimme und kämpfte mit den Tränen.

Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang an Elnaz Rekabi. Sie wurde 2022 weltweit bekannt, weil sie bei den Asienmeisterschaften im Sportklettern in Seoul ohne das für iranische Athletinnen vom Regime vorgeschriebene Kopftuch antrat. Viele sahen das als stillen Protest während der Demonstrationen nach dem Tod der iranischen Kurdin Jina Mahsa Amini, die in Polizeigewahrsam starb, nachdem sie festgenommen worden war, weil sie das Kopftuch nicht ordnungsgemäß getragen haben soll.

Kurz nach dem Wettkampf verschwand sie zunächst aus der Öffentlichkeit, nachdem sie das Hotel in Seoul verlassen hatte. Sie kehrte in den Iran zurück, wo sie vor Kameras erklärte, das Kopftuch sei »versehentlich« verrutscht – viele Beobachter vermuteten, dass diese Erklärung unter Druck zustande kam. Berichten zufolge stand sie danach unter starker Repression der iranischen Behörden, zeitweise mit Reisebeschränkungen und anderen Maßnahmen. Ihre Familie war ebenfalls betroffen; unter anderem wurde ein Haus der Familie abgerissen, offiziell wegen fehlender Genehmigung. Bei Wettbewerben tritt Rekabi seither immer mit Kopftuch an.

Der Fußballverein Brisbane Roar hat den iranischen Fußballerinnen Trainingsmöglichkeiten angeboten, und eine Online-Spendenaktion sammelte bislang mehr als umgerechnet 40.000 Euro. Mitglieder der iranischen Diaspora boten zudem Unterkunft an. Sie erhalten umfassende staatliche Integrationshilfen, heißt es: Unterstützung beim Englischlernen, Hilfe bei der Jobsuche sowie Zugang zu Bildung und Ausbildung. »Sie mussten diese Entscheidung in wenigen Tagen treffen«, sagte Shirkhanzadeh. »Ihr Leben, das sie aufgebaut hatten, müssen sie jetzt in einem neuen Land neu gestalten.«

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