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Das »weiße Internet« offenbart eine tiefe Kluft im Iran

Die iranische Bevölkerung muss mit einem gedrosselten und zensurierten Internet vorliebnehmen
Die iranische Bevölkerung muss mit einem gedrosselten und zensurierten Internet vorliebnehmen (© Imago Images / NurPhoto)

Während Regimeangehörigen im Iran ein uneingeschränkter, offener Internetzugang zur Verfügung gestellt wird, muss sich die Bevölkerung mit einem vom Staat zensurierten begnügen.

Die Enthüllung eines Netzwerks im Iran, das als »weißes Internet« bekannt ist und Funktionären, Regimeangehörigen und bestimmten Regierungsstellen uneingeschränkten, ungefilterten Zugang zum World Wide Web gewährt, hat eine beispiellose Welle öffentlicher Reaktionen ausgelöst. Bei dem Thema handelt es sich nicht nur um eine technische Angelegenheit oder eine Meinungsverschiedenheit über die Internetpolitik, sondern es offenbart eine duale Struktur, in der die Regierung der Öffentlichkeit weitreichende Beschränkungen wie umfassende Filter auferlegt, sich selbst jedoch von eben diesen Beschränkungen ausnimmt und einen uneingeschränkten, offenen Internetzugang genießt.

Der Skandal um das Weiße Internet ist nun zu einem neuen Symbol für strukturelle Diskriminierung, mangelnde Transparenz und eine tiefe Krise des öffentlichen Vertrauens geworden.

Rhetorische Frage

Im heutigen Iran können normale Bürger nur durch den Kauf teurer, instabiler und oft unsicherer VPN auf ein offenes Internet zugreifen. Globale Plattformen wie Instagram, WhatsApp, Telegram, X und andere wichtige Dienste sind gesperrt bzw. werden gefiltert. Die Regierung rechtfertigt diese Beschränkungen mit Begriffen wie der »Bewahrung von Werten«, der »nationalen Sicherheit« und dem »Schutz des Cyberspace«.

Dasselbe Regime stellt jedoch eine Version ohne solche Einschränkungen für hochrangige Funktionäre, Sicherheitsinstitutionen, Regierungsbehörden und ausgewählte Medienvertreter bereit. Mit anderen Worten: Was für die Öffentlichkeit als »Bedrohung« bezeichnet wird, ist für die Machthaber quasi »natürliches Recht«. Die rhetorische Frage, die sich viele Iraner stellen, lautet daher: Wenn ein offenes Internet gefährlich ist, warum nutzen es die Funktionäre? Und wenn es sicher ist, warum wird es der Bevölkerung vorenthalten?

Die Antwort ist einfach: Der Zugang zu globalen Informationen, Kommunikationsplattformen und modernen Tools ist für die Führung und Kontrolle des Landes unerlässlich, weswegen er den Vertretern dieser Führung auch gewährt wird. Erhält jedoch die Öffentlichkeit denselben Zugang, wird er zu einem Instrument für Kritik, Forderungen nach Rechenschaftspflicht und soziale Organisation. Dementsprechend versuchen die Regierenden, den Internetzugang zu klassifizieren: Er ist frei für das Regime und eingeschränkt für die Bevölkerung – eine Politik, die das Internet von einem öffentlichen Dienst zu einem politischen Privileg gemacht hat.

Die öffentliche Reaktion auf die Enthüllung des sogenannten weißen Internets bezog sich nicht nur auf die Internetbeschränkungen im Besonderen, sondern resultierte ganz allgemein aus der jahrzehntelang praktizierten Ungleichheit, Diskriminierung und der sich vergrößernden Kluft zwischen der Gesellschaft und der herrschenden Macht. Für viele Iraner ist dieses Thema ein weiteres Symbol für die Doppelmoral der Regimefunktionäre – dasselbe Muster, das auch in anderen Bereichen wie Wohnen, Medien oder der Wirtschaft zu beobachten ist.

Die weit verbreitete Wut und der Spott der Nutzer sozialer Medien zeigen, dass sich die Gesellschaft mehr denn je der tiefen Kluft zum politischen System bewusst ist: »Jahrelang haben sie uns gesagt, das Internet sei gefährlich; jetzt verstehen wir, dass es nur für die Bevölkerung gefährlich ist, nicht aber für die Machthaber«, ist zu lesen.

Diese Distanz hat Konsequenzen, die weit über das Thema Internet hinausgehen. Das Vertrauen der Öffentlichkeit, das in den letzten Jahren bereits stark beschädigt war, hat durch diese Enthüllung einen weiteren Schlag erlitten.

Politische Dimension

In der heutigen Welt ist das Internet eine der wichtigsten Infrastrukturen für die wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung. Länder, die Fortschritt anstreben, stärken ihre Kommunikationsnetze, erhöhen die Internetgeschwindigkeit und betrachten den offenen Zugang zu globalen Ressourcen als ein natürliches Recht ihrer Bürger.

Im Iran jedoch ist das Internet zu einem Instrument der Informationssteuerung und Meinungsbildung gemacht worden. Umfangreiche Filterung, Bandbreitenbeschränkungen, häufige Abschaltungen während des Abhaltens von Protesten sowie die systematische Kontrolle von Plattformen sind Beispiele für diese Politik. Unter solchen Umständen zeigt die Existenz des »weißen Internets«, dass diese Einschränkungen nicht nur Sicherheitsstrategien sind, sondern auch Instrumente der sozialen Kontrolle.

Aus Sicht der herrschenden Elite darf die Öffentlichkeit nicht so gut über globale Entwicklungen und Möglichkeiten informiert sein wie Regimefunktionäre. Diese Politik steht in völligem Widerspruch zum Konzept einer modernen Regierungsführung, die auf Transparenz, gegenseitigem Vertrauen und gleichem Zugang basiert.

Die Enthüllung des »weißen Internets« ist nicht nur ein technologischer Skandal, sondern hat auch erhebliche politische Konsequenzen, da sie die Kluft zwischen der Regierung und der Bevölkerung weiter vergrößert. Die Existenz eines organisierten, privilegierten Internets innerhalb des Systems für die herrschende Klasse offenbart, dass diese nicht nur von der Öffentlichkeit getrennt ist, sondern praktisch in einer anderen (digitalen) Sphäre lebt.

Dieses Problem untergräbt auch die offizielle Darstellung über die Notwendigkeit der Filterung von Inhalten, mit der die Behörden seit Langem behaupten, globale Plattformen seien gefährlich. Der Widerspruch ist eklatant, da genau diese Beamten dieselben Plattformen frei nutzen, Inhalte darauf veröffentlichen und sogar die Politikgestaltung über sie betreiben.

Während dieser Skandal das Vertrauen der Öffentlichkeit schwer erschüttert hat, hat er den Machthabern der Islamischen Republik auch gezeigt, dass in einer Welt, in der sich Informationen mit beispielloser Geschwindigkeit verbreiten, Geheimhaltung nicht ewig Bestand haben kann. Die iranische Zivilgesellschaft, digitale Aktivisten und Technologieexperten fordern nun mehr denn je Transparenz, ein Ende der Diskriminierung und die Aufhebung restriktiver Maßnahmen. Letztendlich hat der Skandal um das »weiße Internet« deutlich gemacht, dass Technologie kein absolutes Kontrollinstrument mehr ist. Die Technologie, die einst zur Einschränkung der Bürger eingesetzt wurde, ist heute die größte Kraft, um die Wahrheit aufzudecken.

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