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»Dem Wind ausgesetzt«: Wegen Motorradfahrens kriminalisiert

Frauen im Iran setzen sich über das Verbot, Motorrad zu fahren, hinweg
Frauen im Iran setzen sich über das Verbot, Motorrad zu fahren, hinweg (© Imago Images / Anadolu Agency)

Im Iran dürfen Frauen keinen Motorradführerschein erwerben und werden nach dem Klerikalrecht als potenzielle Kriminelle behandelt, sollten sie sich widersetzen.

Im 21. Jahrhundert, in dem Frauen in den Weltraum fliegen, Flugzeuge steuern und neben Männern an praktisch allen Aspekten des Lebens teilhaben können, wird im Iran immer noch ernsthaft darüber diskutiert, ob sie ein 125-ccm-Motorrad starten dürfen oder nicht. Ja, im Iran beschäftigen sich die Menschen immer noch mit diesem Thema, das von den Geistlichen bewusst so inszeniert wurde, dass man es für eine Komödie halten könnte, würde die Welt davon erfahren.

Kürzlich verkündete ein Mitglied des iranischen Parlaments mit größter Ernsthaftigkeit, Frauen sollten nicht Motorrad fahren, weil sie dabei »dem Wind ausgesetzt« seien und aufgrund ihrer Kleidung stürzen könnten, was dazu führen würde, dass »ihre Leichen von der Straße gesammelt werden müssten«. Es ist, als ob Frauen, die Motorrad fahren, dazu bestimmt wären, in einem apokalyptischen Horrorfilm aufzutreten.

Instrument der Unterdrückung

Dieses Argument ist nicht nur lächerlich, sondern auch eine offensichtliche Beleidigung der Intelligenz der iranischen Bevölkerung. Wäre »der Wind« ein so gefährlicher Feind, sollten sofort Gefahrenhinweise für Ventilatoren, Klimaanlagen und sogar für die Frühlingsbrise ausgestellt werden, um die Sicherheit der Frauen zu gewährleisten.

Hinter diesem bitteren Witz verbirgt sich jedoch eine sehr ernste Realität: Frauen im Iran haben nicht einmal das gesetzliche Recht, einen Motorradführerschein zu erwerben und werden als »potenzielle Kriminelle« nach dem Klerikalrecht behandelt, sollten sie Motorrad fahren.

Die Verkehrspolizei erklärt mit ernstem Gesicht, dass das Fahren ohne Führerschein eine Straftat ist, und das Gesetz im Falle eines Unfalls ohne Führerschein keinen Schutz vorsieht, weil nur das Erwerben eines Führerscheins die nötige Sicherheit für die Fahrerin verschaffen kann. Die Situation ist paradox: Wenn es für Frauen keine Möglichkeit gibt, einen Führerschein zu erwerben, ist diese Aussage so, als würde ihnen jemand sagen: »Wenn Ihr kein Wasser trinkt, werdet Ihr verdursten, aber wir lassen Euch kein Wasser trinken, und niemand hat das Recht, Euch welches zu geben.«

Diese Situation ist, wie viele andere Ungerechtigkeiten, die den iranischen Bürgern, insbesondere den Frauen, auferlegt werden, absichtlich erzeugt. Anstatt das Problem zu lösen, werden Frauen gezwungen, entweder auf ihre grundlegenden Rechte zu verzichten oder als »Gesetzesbrecherinnen« gebrandmarkt zu werden. Das Gesetz, das doch eigentlich Gerechtigkeit garantieren sollte, ist effektiv zu einem Instrument geworden, um die Hälfte der Bevölkerung des Landes zu kontrollieren und zu unterdrücken.

Ein krasses und besonders tragisches Beispiel für eine solche Behandlung war der Fall von Jina Mahsa Amini, die vor drei Jahren wegen eines zu lose sitzenden Hidschabs von der Sittenpolizei umgebracht wurde und der darauf folgende Aufstand unter dem Slogan »Frau, Leben, Freiheit«.

Mahsas Tod war kein Zufall, sondern das Ergebnis eines Systems, das Unterdrückung und Zwang statt einer Reform des Gesetzes und der Achtung individueller Freiheiten gewählt hat. Die weit verbreiteten Proteste von 2022 haben deutlich gezeigt, dass Regime, die gegen den Willen der Mehrheit diktatorische Gesetze erlassen und durchsetzen, unweigerlich in Krisen münden. Nun wiederholt sich dieselbe Logik und dasselbe Verhalten der Regierung in Bezug auf Frauen, die Motorrad fahren. Wird Frauen ihr grundlegendes Recht auf Freizügigkeit und die Wahl ihres Verkehrsmittels vorenthalten, kann das nur zu Misstrauen, Wut und Widerstand führen.

Jugend kümmert sich nicht

Selbst, wenn sich eine Frau beim Fahren vollständig an die islamischen Kleidungsvorschriften und an die Verkehrsregeln hält, kann sie plötzlich von sechs bewaffneten Männern umzingelt werden, welche die gesamte Szene filmen und das Motorrad ohne Vorlage eines Beweises beschlagnahmen. Noch auffälliger wird die Situation, wenn man bedenkt, dass viele Männer ohne Führerschein Motorrad fahren und niemals einer solchen Behandlung ausgesetzt sind. Das Gesetz ist nicht nur grundsätzlich diskriminierend, sondern wird auch völlig willkürlich angewendet.

Dieses Verbot ist nicht nur symbolisch, denn für viele Frauen, insbesondere in benachteiligten Gebieten, ist ein Motorrad eine wirtschaftliche Lebensader. Es ist ein Mittel, mit dem sie zu minimalen Kosten ihre Lebenshaltungskosten decken oder ihre Kinder zur Schule bringen können. Frauen dieses Mittel zu entziehen, bedeutet, ihnen wirtschaftliche Unabhängigkeit zu verweigern, insbesondere in einer Zeit, in der Inflation und Arbeitslosigkeit das Leben für alle schwierig gemacht haben und sich viele nicht einmal ein Auto leisten können, sodass ein Motorrad ihre einzige Option ist.

Darüber hinaus zeigen Statistiken aus anderen Ländern, dass Frauen im Allgemeinen vorsichtiger fahren als Männer. Daher könnte ihre Präsenz auf den Straßen die Fahrkultur sogar verbessern. Im Iran wird Frauen jedoch nicht nur dieses Recht verweigert, sie sind im Fall eines Unfalls auch nicht versichert und werden vor Gericht als Gesetzesbrecherinnen angesehen. Mit anderen Worten: Selbst, wenn sie Opfer sind, wird ihnen die Schuld zugeschoben.

Ein weiterer kritischer Punkt ist, dass diese Generation mit dem Internet und den sozialen Medien aufgewachsen ist und sich ihrer Rechte und globalen Standards voll bewusst ist. Iranische Videoclips von jungen Frauen, die Motorrad fahren und dabei sogar Stunts ausführen, zeigen, dass diese Generation sich nicht mehr an die veralteten Tabus hält, die von Geistlichen für frühere Generationen aufgestellt wurden.

So, wie Regierungsslogans in Schulen mit Schweigen oder sogar mit Gegenreaktionen und offizielle Hymnen in Stadien mit Pfiffen und Spott quittiert werden, sagt diese Generation auf der Straße »Nein« zu den aufgezwungenen Gesetzen des klerikalen Regimes. Sie unterwirft sich weder der Hidschab-Pflicht, noch akzeptiert sie das Verbot des Motorradführerscheins oder die der Gesellschaft aufgezwungenen Werte im Allgemeinen.

Sollten die Behörden glauben, diese Generation mit Drohungen und Gewalt kontrollieren zu können, irren sie sich gewaltig. Die Kluft zwischen der Bevölkerung und dem Regime mit seinem Gesetz vertieft sich von Tag zu Tag und jedes neue Verbot schürt die Wut der Öffentlichkeit nur noch mehr. Die Erfahrung von Mahsa Amini war eine deutliche Warnung: Diskriminierende Gesetze schaffen keine Ordnung, sie säen die Saat für Rebellion und Krise.

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