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»Was wir im Iran erleben, ist eine historische Zäsur«

Andreas Fanizadeh im Mena-Interview: »Was wir im Iran erleben, ist eine historische Zäsur«
Andreas Fanizadeh im Mena-Interview: »Was wir im Iran erleben, ist eine historische Zäsur« (© privat)

Im Gespräch mit Elisa Mercier bewertet Andreas Fanizadeh, kulturpolitischer Chefkorrespondent der deutschen Tageszeitung taz, die Lage im Iran als qualitativ neue Krise des Regimes. Er erläutert, warum Reza Pahlavi als Moderator eines Übergangs zu einer anderen politischen Ordnung hilfreich sein könnte, und erklärt, warum sich die europäische Linke nur verhalten zu den Entwicklungen im Iran äußert.

Elisa Mercier (EM): Welche gesellschaftlichen Gruppen tragen die aktuellen Proteste im Iran – und worin unterscheiden sie sich von früheren Bewegungen?

Andreas Fanizadeh (AF): Aus meiner Perspektive – und aus Gesprächen mit sehr unterschiedlichen Menschen – lässt sich sagen: Diese Proteste werden von nahezu allen säkularen, gesellschaftlichen Gruppen getragen. Junge und Alte, Frauen und Männer, Menschen aus verschiedenen sozialen Schichten.

Viele derjenigen, die heute auf die Straße gehen, waren bereits bei der Bewegung »Frau, Leben, Freiheit« aktiv. Ein zentraler Unterschied zu den früheren Protesten ist, dass die jüngere und auch die vom Alter her mittlere Generationen seit 2009 keine Reformperspektive mehr im Land erkennen können. Sie kennen nur die Islamische Republik kennen und die haben sie satt. Sie stehen aber auch außerhalb der Links-Rechts-Auseinandersetzungen, die die Kräfte der Opposition vor 1979 prägte und auch noch lange danach.

Die heute aktiven Generationen haben keine Erinnerung an eine Zeit vor 1979 und kennen das derzeitige Regime als ihre einzige politische Realität. Die Berufung auf die frühere Monarchie ist für die meisten wohl eher ein vages Freiheits-Symbol. Es steht für alles, was es vor der Machtübernahme der Islamisten einmal an Hoffnung, Gemeinschaftsgefühl, Solidarität und Utopie auf eine bessere Gesellschaft gab. Für die Einheit der säkularen Opposition.

EM: Handelt es sich im Iran um eine weitere Repressionsphase oder um eine qualitativ neue Krise des Regimes?

AF: Was wir derzeit im Iran beobachten, ist eine historische Zäsur. Selbst in den repressivsten Phasen seit 1979 wurde nicht in dieser Systematik auf Zivilisten geschossen. Wir sprechen hier von Verbrechen gegen die Menschlichkeit, landesweit, in allen Regionen und Städten. Der Präsident Irans, Masoud Peseschkian, hatte zunächst erklärt, es werde nicht geschossen – tatsächlich wird nun mit scharfer Munition gegen die Protestierenden vorgegangen. Revolutionsgarde, Basidsch-Milizen und Polizei veranstalten regelrechte Jagden auf Menschen. Ausmaß und Systematik sind neu – selbst für eine Gesellschaft, die jahrzehntelange Repression kennt.

Unreformierbar

EM: Zeigt das womöglich die Angst des Regimes?

AF: Zumindest ist das Regime offenbar zu der Einschätzung gelangt, dass ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr integrierbar ist. Der Eindruck vieler Iraner ist: Man will einschüchtern und eliminieren. Die Abschaltung des Internets soll verhindern, dass Bilder nach außen dringen. Seriöse Schätzungen sprechen von 36.000 Toten, zehntausenden Inhaftierten und über hunderttausend Verletzten, darunter sehr viele Schwerverletzte. In Gefängnissen wird systematisch gefoltert; Frauen und Männer werden vergewaltigt, um sie zu brechen und zu erniedrigen. Die Todesstrafe droht. Diese massive Gewalt teilt die Geschichte des Iran in ein Vorher und Nachher. Viele sagen, das sei größer als Tiananmen, als die chinesische Freiheitsbewegung niedergemäht wurde.

Im Iran läuft aber vieles anders als in China, denn dem Regime fehlt jede Restrationalität. Die Islamische Revolutionsgarde und die Mullahs haben die Wirtschaft des Landes derart ruiniert, dass kaum vorstellbar ist, wie sie wieder auf Kurs kommen könnten. Um Stabilität herzustellen, müssten sie die grundlegenden Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen – dazu sind sie jedoch weder fähig noch willens. Korruption und ihre kriegsbesessene Ideologie des Exports einer islamistisch-schiitischen Revolution machen eine Rückkehr zu normaler Stabilität unmöglich.

EM: Wie schätzen Sie die Wirkung der Repression auf die Protestbewegung ein?

AF: Ich bin davon überzeugt, dass ein Staat allein durch militärische Repression nicht dauerhaft regieren kann. Jede Herrschaft braucht Bindungskräfte – politische, ideologische und wirtschaftliche. Das iranische Regime besitzt diese nur noch für ihre unmittelbaren Nutznießer. Die bei den Massakern enthemmt ausgeübte terroristische Gewalt ist ein Zeichen von Schwäche. Vor allem die städtische Bevölkerung ist vollständig vom Regime entfremdet.

Auch die US-kritischen Europäer sollten verstehen: den Menschen in Iran hilft in dieser Situation nur, dass von außen gezielt Druck auf das Regime ausgeübt wird: gegen die Täter, nicht gegen die Bevölkerung. Die Niederlage von Mullahs, Armee und Revolutionsgarde im Zwölftagekrieg im Sommer hat gezeigt, wie begrenzt die militärische Schlagkraft des Regimes tatsächlich ist.

EM: Ist der Schah-Sohn Reza Pahlavi eine realistische Übergangsfigur oder eher ein Symbol?

AF: Was mir Iraner immer wieder sagen: Über die Zukunft entscheidet die iranische Nation, vor allem die iranische Bevölkerung im Land. Niemand sollte ihr vorgreifen. Meine persönliche Einschätzung aus der Distanz ist dennoch: Eine integrative, symbolische Übergangsfigur könnte entscheidend sein. Reza Pahlavi könnte offenbar diese Rolle ausfüllen – nicht als Herrscher, sondern als Moderator eines Übergangs.

Wenn dieses Regime gestürzt werden soll, müssen sich alle säkular-demokratischen Kräfte zusammenschließen. Sektiererische Kämpfe kann sich die säkulare Opposition nicht leisten. Im Inneren können sich derzeit keine größeren demokratischen Parteistrukturen entwickeln, denn dafür ist die Repression zu brutal. Der Schah-Sohn kann helfen, eine zerrissene Gesellschaft wieder als Nation zu denken. Ob es nach dem Ende der islamistischen Terrorherrschaft eine konstitutionelle Monarchie, oder eine andere Form einer demokratischen Republik wird, das müssen die Beteiligten im Land entscheiden. Die Reihenfolge ist aber klar: Ohne Entwaffnung des Regimes, kann es keine Neuordnung geben.

Internationale Reaktion

EM: Wie bewerten Sie die Reaktionen der internationalen Gemeinschaft und von Menschenrechtsorganisationen?

AF: Die Reaktionen sind widersprüchlich. Die USA sind offenbar gewillt, anders als viele europäische Staaten, das Regime dieses Mal nicht ungestraft davonkommen zu lassen. Es geht um die Sanktionierung ungeheuerlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit eines Regimes, das die gesamte Region seit 1979 destabilisiert. Mit seinen Drohnen und Raketenprogrammen bedroht es auch die Europäer, siehe die Militärhilfe gegen die von Russland attackierte Ukraine.

Die Vorstellung so mancher Europäer, mit dem iranischen Regime tragfähige Deals schließen zu können, zum Beispiel beim Atomkonflikt, hat sich als Illusion erwiesen. Dass die Islamische Revolutionsgarde in Europa erst jetzt als Terrororganisation eingestuft werden, spricht für sich. Ihre korrupten Elitefamilien haben Milliarden ins Ausland transferiert, gewaschen und hier investiert.

EM: Welche Folgen hätte ein mögliches militärisches Eingreifen der USA?

AF: Ich höre von vielen Iranern vor allem eines: Hoffnung, dass dem Gewaltapparat die Mittel entzogen und Täter zur Verantwortung gezogen werden. Entgegen vielen medialen Darstellungen begrüßen viele Iraner militärische Schläge gegen das Regime. Eine anti-amerikanische oder anti-israelische Haltung im Iran vertritt die ideologisch verhetzte Minderheit der Bevölkerung, der militärisch-ökonomische Kern des Regimes.

Ein Ende des Regimes würde eine Chance für die gesamte Region bedeuten: Terroristisch-islamistische Organisationen wie Hisbollah, Hamas oder Huthi würden ihre wichtigsten Mäzene verlieren. Ein Iran ohne Herrschaft von Mullahs und Revolutionsgarde könnte hingegen friedlich, wohlhabend und sehr lebenswert sein.

EM: Warum fallen die internationalen Reaktionen auf die Protestbewegung und die Gewalt des Regimes so zurückhaltend aus?

AF: Die Zurückhaltung vieler internationaler Akteure, insbesondere in Europa, ist geostrategisch aber auch stark ideologisch geprägt. Vor allem Teile der europäischen und deutschen Linken betrachten den Iran seit Jahrzehnten durch verkürzte antiimperialistische Deutungsmuster. Die Zeit vor 1979 wird häufig ausschließlich als von den USA gesteuerte Herrschaft beschrieben; die Repression des Schahs dient oft als Rechtfertigung für eine vergleichsweise nachsichtige Bewertung des islamistischen Regimes danach. Dabei gerät aus dem Blick, dass gerade linke Kräfte im Iran nach 1979 brutal verfolgt, gefoltert und ermordet wurden.

Zwar gab es später Distanzierungen, doch das Wissen darum ist heute weitgehend verdrängt. Es wird unterschätzt, dass der Islamismus eine autoritäre, gewalttätige Ideologie ist. Hinzu kommt ein ausgeprägter Eurozentrismus: Gesellschaften im Nahen Osten werden häufig nicht als politisch handelnde Subjekte wahrgenommen, sondern exotisiert oder paternalistisch betrachtet. Der Iran erscheint so nicht als strategisch handelnder, machtvoller Staat, sondern als passives Opfer globaler Verhältnisse. Diese Verzerrungen, kombiniert mit geopolitischer Bequemlichkeit, erklären einen großen Teil der internationalen Zurückhaltung.

EM: Können die Proteste nachhaltige Veränderungen bewirken?

AF: Ja. Was jetzt geschehen ist, lässt sich nicht rückgängig machen. Der Geist ist aus der Flasche. Die religiöse Autorität der Mullahs ist nicht erst seit den jetzigen Massakern moralisch völlig zerstört. Fast jede Familie hat Opfer zu beklagen. Ein Nordkorea-Szenario halte ich für ausgeschlossen. Die Zeit der inneren Emigration ist vorbei. Doch ohne internationale Unterstützung wird es für die Opposition schwer. Niemand weiß, was in den nächsten Tagen und Wochen geschieht. Vielleicht kommt ein militärischer Schlag, vielleicht nicht. Umso wichtiger ist es, dass Menschen außerhalb des Iran Solidarität zeigen, die Internetblockade durchbrechen, Informationen teilen und das stille Töten sichtbar machen.

Veranstaltungshinweis:

Iran – was hat das mit uns zu tun? taz-Gespräch mit Andreas Fanizadeh (taz-Kulturredaktion), Mahtab Qolizadeh (Journalistin), Amir Gudarzi (Schriftsteller und Dramatiker), Daniela Sepehri (Autorin), Ali Sadrzadeh (Publizist)

Wann: Sonntag, 08.02.2026, 17:00 Uhr (Einlass ab 16:30 Uhr)

Wo: Deutsches Theater Berlin, Rangfoyer, Schumannstraße 13A

Eintritt frei, Reservierung empfohlen. Die Veranstaltung findet auf Deutsch statt. Informationen finden Sie hier oder hier.

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