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Was Roger Waters, Sucharit Bhakdi und Claudia Roth gemeinsam haben

Demonstration gegen das Konzert von Roger Waters vor der Münchner Olympiahalle am 21. Mai 2023
Demonstration gegen das Konzert von Roger Waters vor der Münchner Olympiahalle am 21. Mai 2023 (© Imago Images / Stefan M. Prager)

Ein persönlicher Kommentar von Sacha Stawski anlässlich der aktuellen Debatte über Roger Waters, den Bhakdi-Freispruch und den Auftritt von Claudia Roth bei der Jewrovision.

Sacha Stawski

In den vergangenen Tagen und Wochen waren wir in so etwas wie einem »Ausnahmezustand«, nicht zuletzt bedingt durch den widerlichen Antisemitismus, mit dem wir tagtäglich durch die Roger-Waters-Konzerte in Deutschland konfrontiert werden, sondern auch aufgrund einiger weiterer sehr bewegender Themen in Bezug auf den Antisemitismus in diesem Land. 

Aktueller Höhepunkt der antisemitischen Auslassungen des »reichweitenstärksten« Hassers und Verschwörungstheoretikers Roger Waters war bei seinen Konzerten in Berlin (wo jetzt auch die Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung ermittelt), bei denen er im SS-Look wieder einmal sein alt-bekanntes Schwein aufsteigen ließ – auch wenn er den allzu offensichtlichen Davidstern mit dem verklausuliert auftretenden Emblem einer israelischen Rüstungsfirma ersetzte –, und mit einer Maschinengewehr-Attrappe in Richtung Publikum schoss. 

Musik ist Nebensache

Die Anne-Frank-Sprüche und -Vergleiche auf den völlig überdimensionierten Leinwänden als auch alle seine anderen politischen Einlagen rundeten Waters’ nahezu ausverkauften Hetzveranstaltungen ›perfekt‹ ab. Getoppt wurde dies alles nur noch durch seinen Besuch am Grab von Sophie Scholl in München, wo er sich posierend filmen lies. Im Begleittext zu dem makabren, von Waters veröffentlichten Video folgten sodann die gewohnt widerlichen Vergleiche, in denen er Israel dem NS-Regime gleichstellt, wie er es prinzipiell fortwährend tut, und sich dabei als heldenhaften Widerstandskämpfer inszeniert.

Erfreulicherweise sind sich Journalisten und Beobachter weitestgehend einig, dass es diesem Mann in seinen Shows nur noch minimal um Musik geht und stattdessen seine politischen Botschaften – sein Hass – im Vordergrund stehen. Journalisten sprechen zurecht von einem kaum noch zu ertragenden politischen Overload. 

Niemand kann mehr behaupten, es gehe hier noch um die Musik von Pink Floyd, weswegen die Besucher zu den Konzerten strömen. Waters selbst stellt zu Beginn eines jeden Konzerts klar, dass alle, die allein wegen der Musik gekommen wären, seine politischen Botschaften aber nicht unterstützen würden, sich »verpissen« sollen. Genauso verlaufen dann auch seine Auftritte. Und trotzdem sind es in jeder Stadt mehrere tausend Menschen, die sich Show für Show dieses politische Spektakel zu Gemüte führen und Waters dabei bejubeln. Das ist ein Fakt, den wir nicht ausblenden können und dürfen. Und es ist genau dies, was uns zu denken gibt. 

Tatsächlich hat Roger Waters auch weiterhin eine sehr große Gemeinde von blinden und treuen Unterstützern, die sich vehement für ihn einsetzen. Egal, welche Bilder, Texte und Videos – gerade auch in seinen eigenen Worten von Waters selbst – tagtäglich zutage kommen, wittern er und seine Adepten eine üble Hetzjagd gegen ihn, anstatt die Volksverhetzung erkennen zu wollen, die eigentlich mittlerweile für jeden noch so offensichtlich sein sollte.

Alles nur Israelkritik?

Im Gegensatz zu TikTok und YouTube (wo »Apartheidstaat«-Sprüche zur Tagesordnung gehören) oder Twittermussten wir auf LinkedIn und Facebook bislang eher wenige negative Erfahrungen mit antisemitischen Kommentaren machen, da es sich auf diesen Social-Media-Plattformen eigentlich zumeist um ein professionelleres Publikum handelt. Zumindest dachten wir das, doch wie haben wir uns geirrt! 

In der Debatte um Roger Waters mussten wir erfahren, dass es wirklich noch eine große Anzahl von Menschen gibt, für die blanker Antisemitismus entweder zur »Meinungsfreiheit« gehört, die Juden tolerieren sollte, oder die Existenz von manchen Formen von Judenhass, speziell die des israelbezogenen Antisemitismus, völlig abstreitet. Nach diesen Personen sei das, was Waters macht, weder volksverhetzend noch antisemitisch. Seine durch nichts zu rechtfertigenden NS-Vergleiche werden als »legitime Kritik« am Staat Israel bezeichnet, und überhaupt ginge es ihm ja nicht um die Juden im Allgemeinen. Waters selber würde doch immer wieder betonen, kein Antisemit zu sein – als gebe es heute noch Antisemiten, die zugeben, solche zu sein. Selbst bei den antisemitischen Al-Quds-Märschen in Berlin und anderswo, bei denen unter anderem »Tod den Juden« skandiert wurde, wurde immer wieder behauptet, gegen Antisemitismus zu sein.

Gegen das Kleinreden

Genauso wäre es dem kürzlich von einem deutschen Gericht vom Vorwurf des Antisemitismus freigesprochenen Corona-Leugners Sucharit Bhakdi doch nur um die Kritik der Corona-Maßnahmen gegangen, sodass Beanstandungen an dem Freispruch völlig ungerechtfertigt wären. Dass Bhakdi aber nicht einfach die Corona-Maßnahmen des Staates Israel kritisiert hat, sondern über das »Volk der Juden« schwadronierte, das von den Nazis »das Böse« gelernt habe, sodass nun Israel »die lebendige Hölle« sei, wird einfach ausgeblendet.

Auch hier wird eine legitime Debatte über Impfungen und andere Corona-Maßnahmen mit blanker Hetze verwechselt. Durch den Freispruch legitimieren das Gericht und alle Verteidiger dieses Mannes den lupenreinen Antisemitismus eines Querdenkers, der durch seine vermeintliche »Kritik« an der israelischen Regierung in Wirklichkeit seine Verschwörungstheorien über Juden überall verbreitet und diese insgesamt für die von ihm verteufelten Aktivitäten des Staates Israel verantwortlich macht. Das ist nichts anderes als klassischer Antisemitismus.

Das wiederum bringt uns zu einem weiteren Hauptthema der letzten Woche: dem (zu Recht) ausgebuhten Auftritt von Kulturstaatsministerin Claudia Roth bei der Jewrovision. Hier gab es weder eine orchestrierte Verschwörung, wie einige mutmaßen, noch gibt es eine Grundlage, die schlechte Handhabung der in der Kulturszene auftretenden Antisemitismusskandale klein zu reden, wie dies nun einige BDS-Fürstreiter und andere Personen, die immer wieder durch ihre sogenannte »Israelkritik« in Erscheinung getreten sind, nahelegen. 

Viel mehr gibt es ein von Claudia Roth ignoriertes, reelles Antisemitismus-Problem in der Kulturszene, (wie jedem spätestens seit der documenta klar sein sollte); ein Problem, das die Mehrheit der Juden in diesem Land nicht bereit ist hinzunehmen, weshalb auch in dieser Intensität auf den Auftritt von Roth reagiert wurde. Statt das Thema frontal anzugehen, hat Claudia Roth jedoch auf voller Linie verharmlost, ist ausgewichen oder hat die Probleme durch – von ihrem Ministerium geförderte Dinge – gar verschlimmert (siehe auch den offenen Brief von Honestly Concerned an Roth). 

Konsequente Folgerung

Dies bringt uns zum letzten Punkt – zu dem, was Roger Waters, Sucharit Bhakdi und Claudia Roth gemeinsam haben: Jeder für sich fördert den Antisemitismus in diesem Land auf seine Art und Weise. Alle drei werden von viel zu vielen Fans und Adepten für ihre Standhaftigkeit zugunsten von (israelbezogenem) Antisemitismus, BDS und vor allem im Rahmen einer mutmaßlichen Verteidigung einer sogenannten Kunst- oder Meinungsfreiheit gefeiert. Durch sie und ihre Anhänger wird Antisemitismus im Rahmen von Kunst nicht nur akzeptiert und noch weiter salonfähig gemacht, sondern werden Juden allgemein zu akzeptierten Angriffszielen all derer, die ein Problem mit dem Staat Israel haben. 

Und dies ist genau das, wogegen wir uns wehren, warum wir gegen Roger Waters demonstrieren, warum wir jedes Antisemitismus verkennende Urteil lautstark kritisieren und wir einer Ministerin nicht gestatten werden, sich durch nett klingende Reden aus der Verantwortung zu ziehen. Das ist der Grund dafür, weswegen wir uns für die praktische Anwendung der IHRA-Antisemitismusdefinition einsetzen und warum wir mehr Taten statt Worte fordern. Das ist die wahre Bedeutung von dem so oft ins Leere propagierten »Nie wieder!«

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