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Was lernen iranische Schüler über den Putsch von 1953?

August 1953: Auf iranischen Straßen wird nach dem Sturz Mossadeghs die Rückkehr des Schah gefeiert. (imago images/United Archives International)
August 1953: Auf iranischen Straßen wird nach dem Sturz Mossadeghs die Rückkehr des Schah gefeiert. (imago images/United Archives International)

Die Machenschaften der CIA werden oft als Wurzel des iranischen Antiamerikanismus betrachtet. Doch die iranische Führung glaubt das offenkundig selbst nicht.

Kaum ein Gespräch über die schlechten iranisch-amerikanischen Beziehungen geht ohne den Verweis auf das Ereignis vonstatten, das die Neue Zürcher Zeitung einmal als „amerikanische Ursünde“ bezeichnete: den Sturz des iranischen Präsidenten Mohammad Mossadegh durch einen angeblich von der CIA zu verantwortenden Staatstreich.

„Mossadegh wurde am 19. August 1953 durch Nachrichtendienste der USA und Großbritanniens militärisch gestürzt“, fasst Wikipedia die Geschichte knapp zusammen. Der abgrundtiefe Hass des iranischen Regimes auf die USA wird gerne als Reaktion auf die amerikanischen Machinationen von 1953 verstanden. Denn damals, so meint etwa der Deutschlandfunk, wären die „Wurzeln der antiamerikanischen Stimmung“ im Iran gelegt worden. Die Machtübernahme der Mullahs 1979 wird von Michael Lüders als „späte Antwort“ und „extreme, zeitversetzte Gegenreaktion“ dargestellt: „Ohne Putsch 1953 keine Islamische Revolution 1979“.

Ein Putsch im Spiegel der Schulbücher

Auch wenn sich diese Version der Geschichte großer Beliebtheit erfreut, ist nur wenig davon zutreffend. Mehrere Autoren, darunter Ray Takeyh, haben bereits auf die Verzerrungen und Ungereimtheiten der Erzählung vom CIA-Putsch und dem angeblich daraus erwachsenen Antiamerikanismus hingewiesen. Jonathan Sameyach vom Washington Institute for Near East Policy nähert sich dem Thema jetzt aus einem interessanten Blickwinkel: Er hat untersucht, wie die Ereignisse von 1953 in aktuellen iranischen Schulbüchern für 14- bzw. 17-Jährige dargestellt werden. Das Ergebnis dürfte für einige Verwunderung sorgen, denn anders als stets behauptet, misst das iranische Regime selbst Mossadegh und dem angeblichen CIA-Putsch kaum Bedeutung bei.

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In den Geschichtelehrbüchern werden Mossadegh und der Putsch, der die Iraner Lüders & Konsorten zufolge so traumatisiert haben soll, dass sie bis heute nicht anders könnten, als Amerika zu hassen, eher beiläufig in nur wenigen Absätzen abgehandelt. „Tatsächlich wird seine Regierungstätigkeit oft kritisiert und seine Bedeutung heruntergespielt.“ Viel mehr Augenmerk wird dagegen auf Sayyed Abul-Qasim Kashani gelegt, einen schiitischen Kleriker, der für seine antikapitalistischen und antiwestlichen Positionen bekannt war, später als Mentor für den heutigen obersten geistlichen Führer der Theokratie, Ali Khamenei, fungierte – und selbst gelegentlich mit von der CIA zur Verfügung gestellten Mitteln gegen Mossadegh konspirierte.

Sofern in den Geschichtelehrbüchern von ausländischer Einflussnahme die Rede ist, konzentrieren sie sich nicht auf die USA, sondern vielmehr auf Großbritannien und die Sowjetunion. Offenbar will das Regime seine Schüler nicht lehren, „dass der Putsch eine ausschließlich amerikanische Verschwörung zur Einmischung in Irans innere Angelegenheiten war, sondern eher das Ergebnis einer Vielzahl von Faktoren, die zur Beseitigung eines säkularen Führers beitrug“ – von dessen Politik nicht zuletzt die Mullahs wenig hielten.

In Lehrbüchern für MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) werden der von Mossadegh vorangetriebenen Nationalisierung der Ölwirtschaft und dem Putsch mehr Platz eingeräumt, doch auch diese Kapitel dienen eher zur Hervorstreichung der Rolle des Klerikers Kashani, während Mossadegh insofern selbst eine Mitverantwortung für den Putsch zugeschrieben wird, als er sich nicht an die Ratschläge des weisen religiösen Führers Kashani gehalten habe, der sich ein Jahr vor dem Putsch mit dem Premier überwarf.

Bei der Erörterung des Putsches spielen wiederum die Sowjetunion und Großbritannien die Hauptrollen. Die USA hätten dagegen zuerst als Vermittler im Streit um die Öl-Nationalisierung dienen wollen und hätten erst von den Briten zu einem Kurswechsel gegenüber Mossadegh überredet werden müssen. Erwähnt wird darüber hinaus der negative Einfluss der kommunistischen Tudeh-Partei, der vorgeworfen wird, bloß sowjetische Interessen vertreten zu haben.

Nicht die Ursache

Sameyachs Schlussfolgerungen sind eindeutig – und widersprechen dem gängigen Narrativ: Das islamistische Regime ist in erster Linie darum bemüht, die Unfehlbarkeit der klerikalen Führer hervorzuheben, und damit auch der eigenen Herrschaft Legitimität zu verleihen. „Gleichzeitig scheint die Regierung weder großes Interesse daran zu haben, diesen Zeitraum der Geschichte sonderlich detailliert zu lehren, noch ihn als den Beginn der versuchten Einflussnahme der Amerikaner darzustellen. Es sollte nicht vergessen werden, dass es der Führer der Islamischen Revolution, Ruhollah Khomeini, war, der Mossadeghs Bedeutung für die iranischen Politik unterminierte und ihn in einer Rede 1981 als ‚Nicht-Moslem‘ bezeichnete.“

Die üblichen, gegen die USA gerichteten Vorwürfe bezüglich des Jahres 1953 mögen der iranischen Führung bei ihrer internationalen Propaganda gelegen kommen, da sie ihr ermöglichen, bei Menschen zu punkten, die anti-westliche Ressentiments hegen, grundsätzlich die Verantwortung für alles Schlechte auf der Welt dem Westen zuschreiben oder überzeugt sind, dass die USA selbst schuld sind, wenn sie gehasst werden. Doch wie Sameyach zeigt, glaubt die iranische Führung selbst nicht an den Unsinn, den Lüders und viele andere ständig wiederkäuen: „Wenn Teheran den Sturz Mossadeghs als einen entscheidenden Wendepunkt für die Beziehungen zu Washington sehen würde, würde sie genau das der dritten Generation der Islamischen Revolution beibringen.“

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