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Was hat „Black Lives Matter“ mit den Palästinensern zu tun?

Auch Black-Lives-Matter-Bewegung ist von Antisemitismus durchtränkt
Auch Black-Lives-Matter-Bewegung ist von Antisemitismus durchtränkt (Quelle: Fibonacci Blue / CC BY 2.0)

An einem Tag, an dem in den USA auf einer Black-Lives-Matter-Demonstration ein Mann erschossen wurde, richteten sich elf von zwölf Tweets des britischen BLM-Ablegers gegen Israel.

Wer am Sonntag einen Blick auf den britischen Twitter Account von Black Lives Matter (BLM) geworfen hat, konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass ganz offensichtlich Zionismus, die angekündigte Ausweitung israelischer Souveränität auf Teile der Westbank und Solidarität mit Palästina zu den wichtigsten Angelegenheiten dieser Bewegung gehören.

Elf von zwölf Tweets galten diesem Thema, und das ausgerechnet an einem Tag, an dem in den USA bei einer Black-Lives-Matter-Demonstration ein Mann erschossen wurde. Auf @BlackLivesMatterUK erklärt man sich derweil solidarisch mit den Boykottforderungen der BDS Bewegung und erklärt unter anderem:

„Während Israel mit der Annexion des Westjordanlandes voranschreitet und die britische Mainstream-Politik geknebelt und an ihrem Recht gehindert wird, den Zionismus und die kolonialen Bestrebungen der israelischen Siedler zu kritisieren, stehen wir laut und deutlich neben unseren palästinensischen Genossen. Freiheit für Palästina.“

Nun drängt sich, stellte man sich ein wenig naiv, eigentlich die Frage auf: Was genau hat die Black-Lives-Matter-Bewegung eigentlich mit den Palästinensern zu schaffen? Sind die etwa von schwarzer Hautfarbe? Geht es nicht eigentlich bei dieser Bewegung gar nicht um außenpolitische Fragen, sondern um die Gleichbehandlung von afroamerikanischen Bürgern der USA und gegen Rassismus auch in anderen westlichen Ländern, die offiziell erklären, alle ihre Bürger seien frei und gleich?

Selektive Wahrnehmung

Selbstverständlich hat jede und jeder, der sich für dieses wichtige und äußerst unterstützenswerte Anliegen einsetzt, jedes nur denkbare Recht auch gegen Unterdrückung und Rassismus in anderen Teilen der Welt zu protestieren. Aber wäre es bei dem Namen dann nicht naheliegender, sich weltweit für Menschen einzusetzen, die aufgrund ihrer schwarzen Hautfarbe unterdrückt werden? Gibt es deren nicht genug, etwa auch im Nahen Osten und Nordafrika?

Man denke nur an die systematische Diskriminierung von Schwarzen in Mauretanien, die dort nicht einmal als Bürger zweiter Klasse gelten, und über deren elendes Leben etwa der britische Guardian, sicher ein Blatt dem nur schwerlich Sympathie für Israels Siedlungspolitik vorgeworfen werden kann, regelmäßig berichtet. Wie wäre es mit einem Solidaritätsappell mir der dortigen BLM-Bewegung, die sich in den letzten Wochen formiert hat?

Wäre es nicht ebenfalls naheliegender, die Verbrechen an Flüchtlingen aus dem subsaharischen Afrika in Libyen zu thematisieren, die unfassbare Qualen durchleiden und als Sklaven verkauft werden, nur weil sie dunkle Hautfarbe haben?

Es liegt mir fern, einer Bewegung, die eigentlich auf Gleichbehandlung zielt, vorzuwerfen, sie kümmere sich nicht um das Leid anderer in fernen Ländern. Zu Recht aber muss man BLM-UK fragen, wieso sich bei ihnen, wenn ihnen Unterdrückte anderswo am Herzen liegen, nichts über versklavte Jesidinnen im Irak findet, und sie sich – wenn überhaupt – gerade noch dazu durchringen, immerhin auf das Schicksal der Uiguren in China zu verweisen?

Offenes Geheimnis

Keineswegs gilt diese Kritik für alle BLM Aktivisten, denn in den USA mehren sich längst die Stimmen, die fordern, dass rassistische Diskriminierung von Schwarzen auch in den Ländern der so genannten Dritten – und auch der arabischen – Welt thematisiert werden müsse. Manisch besessen scheinen dagegen ihre britischen Counterparts mit Palästina und den Palästinensern.

Nur erneut: Was eigentlich hat Palästina mit BLM zu tun? Sicher auch in den Palästinensergebieten leben einige so genannte Afro-Palästinenser, Nachfahren ehemaliger Sklaven, die auch heute noch mannigfaltigen Diskriminierungen durch andere Araber ausgesetzt sind. Ihnen geht es dabei wenig besser als anderen schwarzen Arabern in der Region.

Immerhin hat der Tod von George Floyd dazu geführt, dass offen wie selten zuvor in arabischen Medien über den in der Region grassierenden Rassismus geredet wird. Yasmine El-Geressi nennt ihn ein „offenes Geheimnis“ und schreibt:

„Rassismus gegen Schwarze ist in den arabischen Ländern tief verwurzelt und nimmt viele Formen an – vom schrecklichen Menschenhandel afrikanischer Migranten in Libyen über die Ausweitung die Förderung weißer Schönheitsstandards bis hin zum umgangssprachlichen Gebrauch des arabischen Wortes für ‚Sklave‘ und zur täglichen Mikroaggression.

All dies spielt sich vor dem Hintergrund unangebrachter und geschmackloser Botschaften in den Medien ab, die in der arabischen Welt Widerhall finden, wo das Wort‚Schwarzkopf‘ üblicherweise dazu benutzt wird, billige Lacher über erniedrigende Stereotype und Vorurteile zu generieren.

Viel zu oft wird dem Gespräch über Rassismus gegen Schwarze mit Verleugnung und Abwehrhaltung begegnet. Diese Kultur des Schweigens ist symptomatisch für ein mangelndes Bewusstsein für die aufgeladene und komplizierte Geschichte der Sklaverei, des Rassismus und der Folgen der rassistischen Bigotterie.“

In den letzten Wochen erschienen nicht nur unzählige ähnliche Artikel, die sich auch kritisch mit dem arabischen Sklavenhandel auseinandersetzten, und in verschieden Städten der Region fanden sogar mehrere Demonstrationen statt, die sich ausdrücklich gegen einheimischen Rassismus und nicht (nur) gegen den in den USA richteten.

Das offene Geheimnis sollten eigentlich auch BLM-Aktivisten kennen: Black Live zählt in der arabischen Welt nicht nur nicht viel, die meisten Araber fühlten sich zutiefst beleidigt, würde man sie – etwa als People of Colour – mit Menschen aus dem subsaharischen Afrika gleichstellen.

Wenig Spaß hätte, wer ähnliches auch mit bester antirassistischer Motivation versuchte. Ähnlich wie die Mehrheit der Türken und Perser empfinden sich Araber gerne als den Schwarzen überlegen, und viele blicken stolz auf ihre imperiale Vergangenheit zurück. Rassismus ist nämlich keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal westlicher Gesellschaften.

Israelis als Weiße, Palästinenser als Schwarze

Sicher, der Islam verspricht, dass alle Gläubigen gleich behandelt werden und Hautfarbe keine Rolle spiele, nur ruft BLM-UK auch nicht zur Solidarität mit palästinensischen Muslimen auf, sondern spricht von palästinensischen Genossen, mit denen kaum alleine die wenigen dunkelhäutigen Palästinenser gemeint sein dürfen.

Kurzum es geht nicht um Hautfarbe, sondern um ein ebenso einfaches wie falsches Bild: Israel wird als das weiße, koloniale Regime imaginiert, dass die als „Schwarz“ imaginierten Eingeborenen unterdrücke. Zionismus wird so zur Chiffre eines vermeintlich rassistischen Unterdrückungsregimes, dass nicht nur mit Apartheid gleichgesetzt wird, sondern nun auch mit „white supremacy“ und Kolonialismus.

Man kann sich die Zeit sparen, erneut zu erklären, warum es sich bei der jüdischen Besiedlung Palästinas nicht um Kolonialismus handelte, in Israel kein Apartheidregime herrscht und jeder Vergleich zwischen Schwarzen in den USA und Palästinensern nur einem Ziel dient: der Delegitimierung Israels. Das wäre ein ebenso hoffnungs- wie sinnloses Unterfangen, denn denen, die dies seit Jahrzehnten mit ermüdender Monotonie behaupten, geht es nicht um Argumente oder Aufklärung, sondern um ihren antizionistischen bzw. antisemitischen Kampf, den sie – wo immer man sie lässt – mit erstaunlicher Ausdauer führen.

Teil des historischen Scheiterns

Wo sie können, versuchen sie seit den 60er Jahren noch jede politische Bewegung, die sich irgendwie links verortet, zu hijacken. Nur zu gerne lassen – von Friedens- über Umwelt, Menschenrechtsbewegungen bis zu Black Lives Matter – sich diese Bewegungen vereinnahmen, und nur äußert selten hört man kritische Stimmen, die sich dagegen verwehren. Es gehört zur größten Tragödie, und ist wichtiger Teil auch ihres historischen Scheiterns, dass die so genannte Neue Linke, die sich nach 1968 bildete, seit ihren Gründungszeiten von diesem antizionistischen Antisemitismus durchtränkt ist.

Und auch die BLM-Bewegung reiht sich seit ihrer Gründung 2016 in diese unselige Tradition ein, sah sie sich doch damals genötigt, in ihrem ersten Manifest den angeblichen Genozid Israels anzuprangern. Umgehend kam berechtigte Kritik von jüdischen Organisationen, die sich seit je her den Kampf um Bürgerrechte in den USA verschrieben hatten. Seitens der Anti Defamation League (ADL) hieß es damals:

„Wir weisen die im Dokument geäußerte Kritik an den Vereinigten Staaten und Israel als ‚Komplizen beim Völkermord am palästinensischen Volk‘ kategorisch zurück. Die jüdische Gemeinde weiß nur allzu gut, was ein Völkermord ist.

Wie auch immer man zum Verhältnis zwischen Israel, seinen palästinensischen Bürgern und den Einwohnern des Westjordanlandes und des Gazastreifens stehen mag: Es ist abstoßend und völlig unzutreffend, Israels Politik als ‚Völkermord‘ zu bezeichnen. Und die Plattform ignoriert völlig die Aufwiegelung und Gewalt, die von einigen Palästinensern gegen Israelis verübt wird, einschließlich des Terrors innerhalb des Landes und der Raketenangriffe, die von Gaza aus gestartet werden.

Leider sind diese Phänomene nicht neu, sondern stellen Herausforderungen dar, mit denen der jüdische Staat seit seiner Gründung vor mehr als einem halben Jahrhundert konfrontiert ist.“

Eindeutige Motivation

Leider scheint diese Kritik nicht erhört worden sein: Wenn BLM-UK heute so klingt wie eine x-beliebige linke britische Palästinagruppe, dann bleibt einem – so richtig und sympathisch das ursprüngliche Anliegen auch war und immer noch ist – nichts anderes übrig, als sich von entsprechenden Demonstrationen fern zu halten.

Und wie so oft zuvor, wenn Bewegungen sich in antizionistische verwandeln, sind die Folgen absehbar: Weder ist damit dem Anliegen schwarzer US-Bürger oder denen anderer westlicher Staaten gedient, noch hilft es, das Leben irgendeines Palästinensers in Westbank, im Gazastreifen oder einem Flüchtlingslager in den arabischen Nachbarstaaten zu verbessern.

Die Motivation nämlich spricht einmal mehr deutlich aus jedem Tweet vom Sonntag: Es geht um die Zerstörung und den Hass auf einen jüdischen Staat, mit dessen Existenz die Aktivisten sich nicht abfinden können. Es ist dies die Agenda eines Teils der westlichen Linken, die leider in unzähligen Medien weiter über die Hegemonie verfügt.

Umso ermutigender, dass die, in deren Namen da gesprochen wird, offenbar immer weniger die Lust verspüren, als pure Objekte zur Verfügung zu stehen: Weder in den Schwarzensiedlungen amerikanischer Städte noch in der West Bank und dem Gazastreifen oder der restlichen arabischen Welt scheinen derartige Twitter-Gewitter mehr auf allzu große Resonanz zu stoßen.

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