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Was der IS-inspirierte Terror in Israel für das Land bedeutet

Der Ort des Attentats in Beer Sheva zwei Wochen später
Der Ort des Attentats in Beer Sheva zwei Wochen später (Quelle: Antje C. Naujoks)

Terroranschläge stellten Israels Gesellschaft schon immer auf harte Proben. Unzählige blutige Gräueltaten zeichnen Land wie Bürger. Dennoch erschütterten einige der kürzlich verübten Terrorakte das Land wie selten zuvor.

Der März 2022 ließ viele Israelis zwei Jahrzehnte zurückblicken, als dieser Monat des Jahres 2002 eine unvergleichliche Blutspur im ganzen Land hinterließ. Während dieses Monats, zwei Jahre nach Beginn des Zweiten Intifada genannten und bis 2005 anhaltenden palästinensischen Terrorkriegs, wurden in Israels Kernland 15 Selbstmordattentate verübt.

Insbesondere der 27. März grub sich in das kollektive Gedächtnis der israelischen Bevölkerung ein. Ein Selbstmordanschlag am ersten Abend des Pessach-Festes, an dem das jüdische Volk mit dem Lesen der Haggadah dem Auszug aus der ägyptischen Sklaverei gedenkt, forderte im Park Hotel der israelischen Stadt Netanja das Leben von 30 der 250 Festtagsgäste, 140 von ihnen wurden verletzt.

Im Verlauf dieses Monats 2002, der als »Schwarzer März« in Israels Geschichte einging, kamen 30 Soldaten und 100 israelische Zivilisten ums Leben, sodass damals lautstark Gegenmaßnahmen gefordert wurden. Auch der März 2022 brachte solche Rufe – und doch stellt sich die Situation vollkommen anders dar.

Erdbebenartige Erschütterungen

Der März 2022 scheint das Anrollen einer neuen Terrorwelle zu verheißen. Das legt die letzte Erfahrung mit nicht abreißen wollenden Terrorakten zwischen 2015 und 2017 nahe. Zudem weiß Israel, dass sich die Sicherheitslage im Verlauf des muslimischen Fastenmonats Ramadan, der in diesem Jahr am 2. April begann, mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter zuspitzen wird; erst recht, wenn dazu noch hohe jüdische Feiertage – Pessach und der israelische Unabhängigkeitstag – anstehen.

Doch schockierte nicht so sehr die Tatsache, dass drei israelische Städte zu Zielen wurden und elf Tote sowie unzählige Verletzte durch die kurz nacheinander verübten Anschläge zu beklagen waren – Be’er Sheva am 23., Hadera am 27. und Bnei Brak am 29. März. Vielmehr sorgten folgende Aspekte für wachsenden Schrecken:

  • Die Attentäter von Hadera und Bnei Brak benutzten Schusswaffen. Da im Land massenweise illegale Waffen kursieren, blickt man mit Sorge auf das enorme Potenzial von Schusswechseln mit fatalem Ausgang. Im Nachhinein war zu erfahren, dass sich die Polizei nicht zu einer groß angelegten Operation gegen illegale Waffen imstande sieht, was das allgemeine Sicherheitsgefühl nicht verbessert.
  • Die Anschläge in Be’er Sheva und in Hadera wurden von arabischen Israelis verübt, sodass die Angst der jüdischen Gesellschaft, die arabische Minderheit (rund 21%) agiere als »Fünfte Kolonne«, in jede Lebenssphäre eindringt. Dass die Attentate im Namen der mörderischen Ideologie des Islamischen Staates verübt wurden, steigerte das Entsetzen.
  • Dass keine konkreten Warnungen vorlagen, obwohl die drei Attentäter – Mohammed Abu al-Qian in Be’er Sheva und die Cousins Ayman und Ibrahim Ighbariah in Hadera – den Sicherheitsbehörden bekannt waren, bedeutet, dass die Geheimdienste dieses Mal ihrem vielgepriesenen Ruf nicht gerecht wurden.

Als bekannt wurde, dass alle drei Attentäter bereits Haftstrafen verbüßt hatten, nahm das Misstrauen gegenüber den staatlichen Schutzorganen noch mehr zu. Der Attentäter von Be’er Sheva saß wegen konspirativer IS-Aktivitäten in seinem Lebensumfeld im Gefängnis, während einer der beiden Cousins, die den Anschlag in Hadera verübten, zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, weil er sich von der Türkei aus den IS-Kämpfern in Syrien anzuschließen versuchte. Ihre Gefängnisstrafen fielen, trotz eindringlicher Warnungen der Sicherheitsdienste, nur geringfügig aus.

Vom zweiten Hadera-Attentäter ist bekannt, dass er in der Haft von Fatah-Häftlingen angegriffen wurde, weil sie einen sich zunehmend radikalisierenden IS-Anhänger nicht in ihrer Mitte haben wollten. Nach Verbüßen seiner Haft wurde er ein weiteres Mal festgesetzt, dieses Mal wegen illegalen Waffenbesitzes. Er kam nach drei Wochen frei, ohne dass je Anklage erhoben wurde.

Erste behördliche Konsequenzen

Schnell jagte eine Razzia von Polizei und Shabak, dem israelischen Inlandsgeheimdienst, die andere. Nach dem ersten IS-inspirierten Anschlag in Be’er Sheva wurde betont, es habe sich um einen Einzeltäter gehandelt. Trotzdem weckt der Name Abu al-Qian in Israel Erinnerungen: Es ist noch kein Jahr her, dass der Shabak den bekanntesten Geschäftsmann des beduinischen al-Qian-Stammes, den Selfmade-Millionär Yacoub Abu al-Qian, wegen konspirativer Aktivitäten festsetzte.

Doch auch Ottman Abu al-Qian, der im Oktober 2014 Schlagzeilen gemacht hatte, kehrte ins Gedächtnis der Israelis zurück. Der angehende Arzt, der in einem israelischen Krankenhaus gearbeitet hat, ging als erster gefallener israelischer Araber in den Reihen des IS in Syrien in die Annalen ein.

Israels Behörden hatten immer wieder betont, dass die IS-Ideologie »unter den Arabern Israels (…) noch nicht einmal auf der Höhe der Macht des IS Fuß fassen konnte«. Nach dem Verbot jeglicher Aktivitäten mit IS-Bezug im Staat Israel im Herbst 2014 waren die Behörden umfassend aktiv gewesen. Unter den Zehntausenden von Männern und Frauen aus aller Welt, die sich zum Kalifat aufmachten, zählte man bis 2016 gerade einmal 60 israelisch-arabische Bürger. Bis 2017 wurden im Land rund 100 arabische Bürger wegen unterschiedlicher IS-Aktivitäten vor Gericht gestellt. Danach wurde es in Israel rund um dieses Thema ruhig.

Nach den kürzlich verübten Anschlägen wurden plötzlich nicht weniger als 300 Verdächtige unter Israels Arabern festgenommen und 52 vom Shabak sogar als »harter Kern« und somit als ein akutes Risiko darstellend eingestuft. Kein Wunder, dass es Kritik in Richtung der Regierung, aber auch massiv gegen die Sicherheitsdienste hagelt, und darüber hinaus noch in ganz andere, bislang unbekannte Richtungen. Erstmals nahm Israels Öffentlichkeit wahr, wie schlecht das Land bezüglich Rehabilitierungsprogrammen für israelisch-arabische IS-Häftlinge aufgestellt ist.

Auch wenn die Anschläge nicht auf Anordnung des IS verübt wurden und Israels Behörden schnell und flexibel umzudenken schienen, bereiten die neuesten Vorgänge in Zeiten, in denen der IS gerade im Sinai wieder massiv von sich reden macht, in Israel vielen Bürgern große Sorgen. Sie haben Angst dass die mörderische IS-Ideologie erneut an Aufschwung gewinnen und die gegenwärtige Situation noch größere Schockwellen bringen könnte, als einst Nashat Milchen, der 2016 als erster israelischer Araber im Namen des IS ein Schusswaffenattentat im Land verübte.

Nachdenklich stimmende Protestrufe

Dass dies ausgerechnet jetzt geschieht, nachdem eine arabische Fraktion erstmals an einer israelischen Regierungskoalition beteiligt ist, sehen einige als endgültige Bestätigung, dass die Ra’am-Partei, die auch noch der Islamischen Bewegung Israels entspringt, nichts anderes ist als ein Wolf im Schafspelz. Wer die Beteiligung einer arabischen Partei an einer israelischen Regierung hingegen als historische Chance mit enormem Potenzial ansieht, versucht sich an einer brandaktuellen Aussage des Parteivorsitzenden Mansour Abbas festzuhalten.

Ende März 2022 gehört er nicht nur zu den ungewöhnlich zahlreichen Stimmen aus arabischen Kreisen Israels, die die Anschläge verurteilten, sondern ging einen – für Israels arabische Gesellschaft ungewöhnlichen – Schritt weiter. Der inzwischen unter zusätzlichen Personenschutz gestellte Knessetabgeordnete Mansour führte zwar deutlich anklagend aus, dass die Situation »auf Jahrzehnte der Vernachlässigung« zurückzuführen ist, räumte im selben Atemzug jedoch ein, dass auch Israels Araber Schuld daran zu tragen haben: »Auch wir sind gescheitert und übernehmen Verantwortung.«

Dennoch hallen auch andere Stimmen durch das Land. Darunter die des Bürgermeisters von Umm al-Fahem, der den Familien der aus seiner Stadt stammenden Terroristen von Hadera sein Beileid bekundete, danach zurücktrat, nur um kurz daraufvom Rücktritt zurücktzutreten. Oder die der Nazarener Psychologin Rola Nasr Mazawi, die den beim Anschlag in Bnei Brak ums Leben gekommenen Polizisten Amir Khoury als »Verräter« brandmarkte, unter anderem, weil er als christlicher Araber den israelischen Staatsdienst als seinen Arbeitgeber gewählt hatte.

Diesen Kanon komplementiert weiterere Stimmen, die man in Be’er Sheva, Hadera und auch in Bnei Brak in Form von Rufen hörte, die den Arabern den Tod wünschen. In Be’er Sheva geschah das in Gegenwart unzähliger arabischer Bürger des Landes, die als Augenzeugen den TV-Sendern Rede und Antwort standen. In Hadera und Bnei Brak hörte man solche Rufeschon, als die Leichen des Polizisten Khoury sowie des drusischen Israeli Yazan Falah, der Mitglied einer Sondereinheit der Grenzpolizei war, noch nicht einmal geborgen waren.

In dieser seit Tagen nicht abklingen wollenden Kakophonie geht unter, dass unter den Bürgern des Staates, und zwar sowohl Juden wie auch Arabern, die Angst wächst, die Lage könnte noch in ganz anderer Form als in weiteren Terroranschlägen aus dem Ruder laufen.

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