In Berlin erinnerte die Ausstellung »Memories Left Behind« an die Tausenden von Iranern, die im Laufe der letzten Jahrzehnte vom iranischen Mullah-Regime unbarmherzig verfolgt wurden.
Negar Jokar
Die zutiefst bewegende und bedeutungsvolle Ausstellung »Memories Left Behind« fand am vergangenen Wochenende auf dem Gelände der Technischen Universität Berlin (TU Berlin) statt, eingebettet in die umfassenderen Veranstaltungen der Berliner Woche der Freiheit. Diese Ausstellung, die aus den Tiefen einer spontanen und leidenschaftlichen Bürgerbewegung entstanden ist, ist nicht nur ein historisches oder künstlerisches Ereignis, sie ist ein zentraler Treffpunkt für Gerechtigkeitssuche und ein entschlossener Kampf gegen das Vergessen.
Bei dem jährlichen Gedenken versammelte sich eine große Anzahl von Familien, die Opfer der über vier Jahrzehnte andauernden systematischen Verbrechen der Islamischen Republik Iran geworden sind. Ihr Ziel: Durch die Präsentation von persönlichen Gegenständen, Fotografien und Erinnerungsstücken ihrer getöteten und hingerichteten Angehörigen ein dunkles, aber von unerschütterlichem Widerstand geprägtes Kapitel der iranischen Geschichte vor den Augen der Welt zu entfalten.
Erinnerungsstücke
Tatsächlich ist diese Ausstellung ein lebendiges Archiv des Leidens und des Widerstands. Der Raum ist gefüllt mit Bildern, Kleidungsstücken, Testamenten, Briefen, die aus den dunklen Kerkern des Irans geschrieben wurden, und jedem noch so kleinen Objekt, das vom Leben eines Menschen zeugt. Bisher umfasst die erschütternde Sammlung die Hinterlassenschaften von mehr als einhundertfünfzig Menschen, die den unzähligen Gräueltaten der Islamischen Republik zum Opfer fielen. Jedes dieser Objekte ist nicht nur ein bloßes Andenken; es ist der Träger einer Geschichte von endlosem Schmerz, unnachgiebigem Widerstand und der großen Hoffnung auf Gerechtigkeit.
In dieser einzigartigen Ausstellung werden die Besucher durch kurze, aber inhaltsreiche Biografien der Ermordeten mit der tiefen menschlichen Gefühlswelt der trauernden Familien konfrontiert. Sie erfahren den heiligen Zorn, die erdrückende Trauer, die epische Geduld, die grenzenlose Sehnsucht und die unbeugsame Entschlossenheit dieser Familien – eine Metamorphose, die sie von bloßen Hinterbliebenen zu Gerechtigkeitssuchenden wandelt. Zugleich muss konstatiert werden, dass die volle Tragweite dieses Kummers, den die Gerechtigkeitssuchenden auf ihren Schultern tragen, für keinen Besucher vollständig fassbar ist. Jedes vergilbte Foto, jedes abgetragene Paar Schuhe, jedes Stück Stoff erzählt die unvollendete Geschichte eines Menschenlebens.
Die Erzählungen umfassen ein breites Spektrum an Opfern: Vom zweijährigen Kind, das durch einen direkten Schuss getötet wurde, über Bürger, die durch den Abschuss des ukrainischen Passagierflugzeugs PS752 ihr Leben verloren, bis hin zu jungen Menschen, denen im Morgengrauen die Schlinge um den Hals gelegt wurde: Sicherheitskräfte beobachteten mit Gelächter und Hohn das allmähliche Sterben und das letzte Zappeln der Füße der ums Überleben Kämpfenden. Das Ende dieser Erzählungen ist stets von einem leblosen Körper und einer quälenden Frage begleitet: Wurde der Leichnam der Familie übergeben oder heimlich an einem unbekannten Ort verscharrt, um jede Spur des Verbrechens zu verwischen?



Bewegung aus dem Herzen
Die Gerechtigkeitssuchenden haben sich in dieser Ausstellung versammelt, um mit lauter und durchdringender Stimme zu bekunden, dass ihre verlorenen Lieben nicht bloß eine Zahl in den offiziellen Statistiken sind. Es sind unzählige Seelen, die seit der Revolution von 1979 der staatlichen Gewalt zum Opfer gefallen sind. Ihr unerschütterlicher Wille zur Gerechtigkeit vermittelt eine zentrale Botschaft: Jetzt ist nicht die Zeit für bloße Trauer, sondern die Zeit für den Kampf um Gerechtigkeit.
Die Gerechtigkeitssuchenden erklären unmissverständlich, dass der Kampf für Gerechtigkeit und menschliche Würde keine geografischen Grenzen kennt. Es ist eine Bewegung, die im Herzen aller Menschen verwurzelt ist, die an Freiheit, Wahrheit und Menschlichkeit glauben.
Die Familien sind sich bewusst, dass ihre Ausstellung nur »einen Tropfen aus dem Ozean der organisierten Verbrechen« der Islamischen Republik über die letzten vier Jahrzehnte darstellt. Was für sie jedoch von existenzieller Bedeutung ist, ist die präzise Dokumentation und Archivierung dieser Verbrechen für eine hellere Zukunft und für den Tag, an dem die Islamische Republik vor einem Gericht zur Rechenschaft gezogen werden kann.
Von Stockholm nach Berlin
Die Initiative des Protests und der Dokumentation entstand erstmals im September 2023 in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Damals brachten einige der Gerechtigkeitssuchenden mit beispiellosem Mut und Beharrlichkeit die Kleidung, Testamente und Erinnerungsstücke ihrer Liebsten aus dem Iran und präsentierten sie zum ersten Mal in der Öffentlichkeit. Sie warteten nicht auf späte Aufrufe von Regierungen oder internationalen Institutionen, sondern ergriffen selbst wegweisend die Initiative für eine globale Protestaktion.
Seitdem hat die Ausstellung »Was blieb übrig« ihren Weg in die Welt gefunden und ist zu einer andauernden Reise durch verschiedene Städte und Länder geworden:
- Oslo: Zeitgleich mit der Nobel-Friedenswoche wurden die Erzählungen der Gerechtigkeitssuchenden neben den Stimmen globaler Friedenspreisträger gehört.
- Köln: Der fünfte Jahrestag des »blutigen November 2019« wurde zu einem zentralen Punkt des Gedenkens und der Wiedererzählung dieser schmerzhaften Tage.
- Wien: Der Fokus der Ausstellung lag auf Erinnerungsstücken, die aus der Dunkelheit und Isolation der Gefängnisse stammten und den Widerstand gegen die Unterdrückung bezeugten.
- Berlin: Die geschichtsträchtige Stadt wurde nun zum Schauplatz dieser Erzählungen, die als Echo der Freiheits- und Gerechtigkeitsbewegung mitten im Herzen Europas widerhallten.



Menschen, keine Zahlen
Die Ausstellung wurde durch die Initiative und kollektive Zusammenarbeit verschiedener Vereinigungen und Gruppen, darunter die »Vereinigung der Gerechtigkeitssuchenden des Iran«, die »Vereinigung der Familien des Ābān« und die »Ärzte für Menschenrechte« sowie durch die unermüdliche Anstrengung der betroffenen Familien selbst realisiert.
Soran Mansournia, der Bruder von Borhan Mansournia, der zu den Opfern des »blutigen November 2019« zählt und eine aktive Rolle bei der Organisation spielt, betont: »Diese Ausstellung ist ein Kampf gegen das Vergessen.« Und Mahsa Pirayi, die Tochter von Minou Majidi, die in der Jin, Jiyan, Azadi-Bewegung (Frau, Leben, Freiheit) getötet wurde, erklärt mit einer von Schmerz und Standhaftigkeit geprägten Stimme: »Indem wir diese Kleidungsstücke zeigen, wollen wir sagen, dass Leben keine Zahlen sind; wir müssen gegen die Reduzierung von Menschen zu Zahlen kämpfen.«
Diese bewundernswerte Kooperation, die das Spektrum der Gerechtigkeitssuchenden von den Familien der 1980er Jahre bis zu den Familien der Jina-Mahsa-Amini-Bewegung umfasst, hat die Ausstellung zu einer beispiellosen und kollektiven Bewegung auf dem Weg zur Gerechtigkeit für den Iran gemacht. In diesem Raum werden die Stimmen von Müttern, Schwestern und Brüdern der Getöteten und Hingerichteten von den vergangenen Jahrzehnten bis heute mit voller Kraft gehört.
Diese Familien haben eine gemeinsame Erkenntnis gewonnen: Ihr Leid ist auch das Leid Tausender anderer Familien; sie alle wurden Opfer der brutalen und systematischen Gewalt und Unterdrückung der Islamischen Republik. Diese gemeinsame Erkenntnis führte sie zu dem Entschluss, ihr persönliches Leid und ihren Kummer zu organisieren und zu dokumentieren. Dies geschieht nicht nur zur Linderung des eigenen Schmerzes, sondern für die zukünftigen Generationen und vor allem zur Schaffung des Fundaments für die Übergangsjustiz im zukünftigen Iran. Sie haben die Gerechtigkeitssuche von einer persönlichen und individuellen Erfahrung zu einer kollektiven und historischen Verantwortung erhoben.
»Was blieb übrig« ist in der Tat ein Zeugnis der Reife der iranischen Gerechtigkeitsbewegung; eine spontane, organisierte und effektive Initiative, die in Zukunft als Modell für die gesamte iranische Zivilgesellschaft dienen kann. Diese Ausstellung ist die Verlängerung der Stimmen der Opfer der Islamischen Republik und derer, die das Ideal der Freiheit und menschlichen Würde auf den Straßen Irans lautstark forderten – ein Schrei, der erst dann verstummen wird, wenn das Ziel, nämlich vollständige und dauerhafte Gerechtigkeit, erreicht ist. Diese verbliebenen Erinnerungsstücke sind für immer ein unerschütterliches Dokument gegen das Verbrechen und ein Beweis für den heldenhaften Widerstand einer Nation.






