Syrien-Krieg: Das Rätsel von Afrin

Syrische Milizionäre erreichen Afrin

„Am Montag gab es von der syrischen Regierung eine seltsame Verlautbarung. Die amtliche Nachrichtenagentur SANA berichtete, es sei eine Vereinbarung zwischen den YPG und Damaskus erzielt worden, der zufolge ‚Volksstreitkräfte’ nach Afrin entsandt würden, um an der Abwehr der türkischen ‚Aggression’ mitzuwirken. Türkische Regierungsvertreter begrüßten die Vereinbarung anfangs, allerdings mit einem gewichtigen Vorbehalt: Der Einzug des Regimes werde nur akzeptiert, wenn damit die Kontrolle der YPG über Afrin beendet würde. Doch verschärfte sich der Ton aus Ankara rasch. Dass es der Türkei recht wäre, wenn das syrische Regime die Kontrolle über Afrin übernähme, steht außer Frage. Regierungsvertreter haben dies in der Vergangenheit angedeutet und ein derartiges Szenario in Orten wie Manbij und Deir Ezzor begrüßt. Wie kam es also zu der Verschärfung von der vorsichtigen Zustimmung über die unzweideutige Ablehnung zu türkischen Luftschlägen gegen regierungstreue Milizen, die auf Afrin vorrücken? Quellen, die mit der Entwicklung vertraut sind, geben an, sie lasse sich am besten wie folgt verstehen.

Russland und die Türkei wollten beide, dass die YPG die Kontrolle über Afrin aufgibt. Auch das Regime wollte ursprünglich eine Übereinkunft mit der YPG erreichen, die sich an jenen ‚Versöhnungsvereinbarungen’ orientiert, die Damaskus im Laufe des Konflikts mit verschiedenen Städten abgeschlossen hat, die von Aufständischen kontrolliert wurden. Diese Vereinbarungen setzen in der Regel die Herausgabe schwerer Waffen voraus, doch stellen die Milizen, die sich ergeben, in ihrem Gebiet die Polizei und sichern mit den ihnen verbliebenen leichten Waffen den Zugang zu ihrem Gebiet. Die YPG hat beständig jede Form von Vereinbarung abgelehnt, die dem Regime eine ernstzunehmende Kontrolle über die Stadt Afrin zugestanden hätte. Die Vereinbarung zwischen der YPG und Damaskus hat daher kein bisschen dazu beigetragen, den von der Türkei angestrebten und erhofften Ausgang herbeizuführen. Sie läuft lediglich darauf hinaus, dass regierungstreue ‚Volksstreitkräfte’ sich der YPG bei der Sicherung der kurdischen Kontrollpunkte anschließen würden. Andererseits ist es der Türkei noch nicht gelungen, ihren Sicherheitskorridor nahe Afrin einzurichten. Folglich lehnte die Türkei die einseitige Vereinbarung selbstverständlich ab, da sie nichts zur Verwirklichung ihrer Ziele beiträgt. (…)

Rätselhaft ist dagegen, warum Damaskus sich auf eine derartige Vereinbarung eingelassen hat. Der von den Russen und der Türkei angestrebte Kompromiss wäre immerhin auch dem Regime zugutegekommen, denn es hätte ihm die Kontrolle über eine strategisch bedeutsame Stadt in der Nähe mehrerer Hochburgen der Aufständischen geboten. Unter der jetzigen Vereinbarung würden die regimetreuen Milizen als Hilfstruppen der YPG agieren, nicht umgekehrt. Damit haben die Kurden kaum ein Zugeständnis gemacht. Die Verhandlungen der Russen mit der YPG sahen dagegen vor, dass der Armee eine ernstzunehmende Präsenz in Afrin eingeräumt wird und es womöglich zur Schaffung gemeinsamer syrisch-türkischer Außenposten nahe der türkischen Grenze kommt. Eine mit den Verhandlungen vertraute syrische Quelle meinte, der Einzug der Milizen sei vielleicht nur als erster Schritt gemeint und dem Regime schwebe ein stufenweiser Ausbau seiner Präsenz in Afrin vor, der dann entsprechend den Vorstellungen des Regimes erfolgen würde und nicht im Rahmen eines von Russland vermittelten Abkommens, das es der Türkei ermöglichen würde, seine Gewinne des vergangenen Monats zu sichern. Trotz der russischen Genehmigung der türkischen Invasion im Norden des Landes betrachtet das Regime die Türkei als Eindringling und die Operation in Afrin hat die Unterstützer des Regimes weiter erbost.“ (Hassan Hassan: „Why Damascus and Kurdish militias have made a pact allowing regime-aligned forces to enter Afrin“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login