Was bedeutet Jamal Khashoggis Ermordung für Israel?

„Netanyahu hat wiederholt angedeutet, es gebe zwischen Israel und den Golfstaaten mit Blick auf die vom Iran ausgehende Gefahr gemeinsame Interessen. Wie schnell Selbstvertrauen sich in Instabilität verwandeln kann, hat der vor Kurzem erfolgte Mord an dem saudischen Journalisten und ehemaligen Insider Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul gezeigt. Der Skandal hat die USA und Europa erschüttert. In den USA fordern beide Parteien, man solle die Beziehungen zu Saudi-Arabien überdenken, und Deutschland, Großbritannien und Frankreich haben verlangt, dass Riad zur Rechenschaft gezogen werden müsse. Sollte Israel drauf gehofft haben, ein starkes Saudi-Arabien werde die Länder der Region in Zusammenarbeit mit der Trump-Administration anführen und sich dem Iran entgegenstellen, so haben die letzten zwei Wochen diese Hoffnung massiv infrage gestellt.

Saudi-Arabien hat von seinen traditionellen Verbündeten Unterstützung erfahren, selbst von der palästinensischen Führung in Ramallah, die sich im Laufe des letzten Jahres der Türkei angenähert hat. Doch solange Riad und seine Verbündeten wie die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain mit den Konsequenzen dieser Affäre beschäftigt sind, wird die Frage der Rolle des Iran im Irak, in Syrien, im Jemen und im Libanon in den Hintergrund gedrängt. (…) Der Iran scheint an Selbstbewusstsein gewonnen zu haben. Russland hat inzwischen das Raketensystem vom Typ S-300, einschließlich einer als S-300PM-2 bekannten weiterentwickelten Version, an Syrien geliefert. Seitdem haben die syrischen Medien keine israelischen Luftschläge gegen den Libanon mehr gemeldet. Jerusalem warnt unterdessen vor der Rolle der Hisbollah im Libanon. Wie es in Syrien und im Libanon weitergehen wird, ist jedoch alles andere als klar. (…)

Nachdem Unternehmen und Diplomaten, einschließlich des US-Finanzministers Steven Mnuchin, nun der saudischen Future Investment Initiative-Konferenz ferngeblieben sind, steht Riad allerdings unter Druck. Wenn Saudi-Arabien jetzt erstmal mit der Aufbesserung seines Ansehens befasst ist, wird es ihm eventuell nicht möglich sein, sich auf den Wiederaufbau im Irak und in Syrien zu konzentrieren, und der Einfluss des Iran in beiden Ländern könnte weiter zunehmen. Damit wird Israel gegenüber dem sich konsolidierenden Bündnis zwischen der Türkei und Katar an einer weiteren Flanke geschwächt.

Aus der Khashoggi-Affäre geht die Türkei in den Augen des Westens als verlässlicher Verbündeter hervor. Ihr selbst geht es dabei in erster Linie darum, die USA von ihrer Unterstützung der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) im Osten Syriens abzubringen. Zudem nähert die Türkei sich im Rahmen der anhaltenden gemeinsamen Diskussionen über die Zukunft Syriens zunehmends dem Iran und Russland an. Die Idlib betreffende Vereinbarung, die Ankara vermitteln half, wird eingehalten. Die Türkei und Katar wollen das Vermächtnis Khashoggis wahren. Er stand der Rolle Israels in der Region kritisch gegenüber. Er war ein leidenschaftlicher Unterstützer der Palästinenser und meinte, man könne mit der Muslimbruderschaft und traditionellen sunnitischen Politikformen mehr gegen den Iran ausrichten als mit einer Entente mit Israel.

Einflussreiche westliche Entscheidungsträger sehen das ‚rücksichtslose‘ Vorgehen Riads mit zunehmender Skepsis. Viele stellen auch Netanjahus Warnungen im Hinblick auf den Iran infrage. Aus alledem folgt, dass das Narrativ Jerusalems wackelt, dem zufolge Israel in der Region besser integriert sei und mit einer Vielzahl Staaten zusammenarbeite, um sich dem Iran in den Weg zu stellen. Der Nahe Osten nach dem Sieg über den Islamischen Staat und dem Ende des syrischen Bürgerkriegs birgt für Israel erhebliche Herausforderungen.“ (Seth J. Frantzman: „Is Israel’s position in region as secure as it looks?“)

Schreiben Sie einen Kommentar


Schreiben Sie einen Kommentar

Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar abzugeben.


Login