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Zwischen Krieg und wachsender Unsicherheit: Warum weiterhin Juden nach Israel auswandern

Trotz des Kriegs wandern viele Juden nach Israel aus
Trotz des Kriegs wandern viele Juden nach Israel aus (© Imago Images / Newscom World)

Wie es zu dem scheinbaren Paradoxon kommt, dass Juden Israel ausgerechnet während eines Kriegs als sicheren Ort ansehen, an dem sie ohne Angst leben können.

Als nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 der Krieg im Gazastreifen begann, gingen viele davon aus, dass die Einwanderung nach Israel praktisch zum Erliegen kommen würde und Israelis eher das Land verlassen würden. Raketenalarm, Reservisteneinberufungen, wirtschaftliche Unsicherheit und internationale Isolation schienen kaum Bedingungen zu sein, unter denen Menschen freiwillig ein neues Leben beginnen würden.

Tatsächlich sank die Zahl der Neueinwanderer zu Beginn deutlich. Mittlerweile zeigt sich jedoch, dass sich vor allem Juden aus Europa und Nordamerika für eine Alija interessieren. Nach Angaben der Jewish Agency wurden allein 2025 weltweit rund 30.000 neue Einwanderungsakten eröffnet. Besonders starkes Interesse kam aus Großbritannien, Frankreich und Australien. Die Zahlen liegen zwar unter früheren Spitzenwerten, doch sie widersprechen der Erwartung, dass Krieg automatisch jede Form von Einwanderung stoppt.

Antisemitismus als entscheidender Faktor

Viele jüdische Gemeinden im Westen berichten seit Beginn des Gaza-Krieges von einem spürbar aggressiveren Klima. In mehreren europäischen Städten stehen Synagogen unter verstärktem Polizeischutz, jüdische Schulen mussten Sicherheitsmaßnahmen erhöhen und in Universitäten kam es wiederholt zu antisemitischen Vorfällen.

In Großbritannien registrierte die Community Security Trust im vergangenen Jahr mehr als 3.700 antisemitische Vorfälle – der zweithöchste Wert seit Beginn der Dokumentation.

Auch in Frankreich wächst die Sorge. Bereits seit Jahren gilt das Land als eines der Zentren antisemitischer Gewalt in Europa. Seit dem Krieg berichten viele französische Juden erneut von Beleidigungen, Bedrohungen oder einem Gefühl sozialer Isolation. Familien wünschen ihre Kinder an einem Ort großzuziehen, an dem jüdisches Leben selbstverständlich ist und nicht ständig verteidigt werden muss.

Eine französische Bekannte, die mehrmals im Jahr nach Tel Aviv kommt, erzählt mir, dass sie ihre Eltern nach Israel übersiedelt habe. Sie sagt, sie seien alt und sie fühle sich nicht wohl dabei, sie in einer Betreuungseinrichtung in Paris zu lassen. Es sei besser, wenn sie hier sind und sie in einem israelischen Altenheim leben. Da müsse sie sich keine Sorgen machen, dass ihre Eltern zu Opfern antisemitischer Gewalt werden würden.

Geschichten wie diese sind leider keine Einzelfälle mehr. Jüdische Freunde aus Berlin erzählen mir, die Stadt sei nicht mehr die Gleiche. Sie fühlen sich vor Allem unter anderen Israelis wohl und entwickeln ein wachsendes Misstrauen. Oft haben sie das Gefühl, ihre jüdische Identität verbergen zu müssen, oder haben Angst davor, Hebräisch mit ihren Kindern am Spielplatz zu sprechen. Einige von ihnen sind auch in den vergangenen Jahren zurück nach Israel gezogen.

Besonders sichtbar wurde die Entwicklung an amerikanischen Universitäten. Protestcamps, aggressive antiisraelische Demonstrationen und Einschüchterungen jüdischer Studenten sorgten international für Schlagzeilen. Mehrere jüdische Studentenorganisationen berichteten, dass sich viele junge Juden auf dem Campus erstmals unsicher fühlten. Für manche Familien veränderte dies den Blick auf Israel grundlegend. Während Israel früher oft als emotionaler oder religiöser Bezugspunkt galt, wird das Land heute als einziger Zufluchtsort gesehen. So beschließen viele Eltern, ihre Kinder an israelischen Universitäten einzuschreiben, anstelle von amerikanischen.

Israel als letzter sicherer Ort?

Viele der Olim genannten Neueinwanderer wissen genau, dass sie in ein Land ziehen, das sich weiterhin im Krieg befindet. Dazu kommen hohe Lebenshaltungskosten, politische Spannungen und Sicherheitsrisiken. Oft beschreiben sie ihre Entscheidung, nach Israel zu ziehen, als Konsequenz eines schleichenden Verlustgefühls in Europa oder Nordamerika und nicht so sehr als optimistischen Neuanfang.

Historisch war die jüdische Einwanderung nach Israel fast immer eng mit Krisen verbunden: von den Pogromen Osteuropas bis zur Flucht vor dem Nationalsozialismus. Auch heute scheint sich dieses Muster in anderer Form fortzusetzen.

Der Krieg hat Israel nicht attraktiver gemacht. Doch für manche Juden im Westen hat sich gleichzeitig das Gefühl verstärkt, dass ihre gesellschaftliche Zugehörigkeit brüchiger geworden ist. Genau daraus entsteht die paradoxe Situation, dass Menschen ausgerechnet während eines Krieges in den jüdischen Staat ziehen. Organisationen wie die Jewish Agency oder Nefesh B’Nefesh berichten weiterhin von wachsendem Interesse an Beratungen und Informationsveranstaltungen zur Alija. Für viele Olim ist Israel heute weniger ein Ort der Ruhe als vielmehr ein Ort, an dem sie glauben, ihre Identität nicht rechtfertigen zu müssen und ohne Angst leben zu können.

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