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Warum Netflix eine Serienproduktion in der Türkei einstellt

Wegen staatlicher Einmischung beendet Netflix eine türkische Serienproduktion
Wegen staatlicher Einmischung beendet Netflix eine türkische Serienproduktion (© Imago Images / ZUMA Press)

Weil in einer geplanten Serie eine homosexuelle Figur vorkommen sollte, schaltete sich die türkische Regulierungsbehörde RTÜK ein und verlangte eine Änderung des Drehuchs.

Seit geraumer Zeit sind türkische Serien international – insbesondere in der MENA-Region – stark nachgefragt. Während „Die Braut von Istanbul“ (Istanbullu Gelin) in Israel großen Anklang findet, zieht es den Zuschauer in den arabischsprachigen Ländern bei Serien wie „Die Auferstehung des Ertuğrul“ (Dirilis Ertuğrul) vor den Bildschirm.

Der Absatz mit solchen Serien ist enorm, mehrere türkische Produktionsfirmen wie Ay Yapim haben sich bereits auf die Export-Sparte spezialisiert. Den Angaben des türkischen Ministeriums für Kultur und Tourismus zufolge ist die Türkei nach den USA die zweitgrößte Exporteurin von Serien.

Das US-amerikanische Medienunternehmen Netflix hat die Türkei längst als Produktionsstandort und Absatzmarkt entdeckt und einige Serien in Auftrag gegeben. Mit den erfolgreichen Programmen „The Protector“, inzwischen läuft die 4. Staffel an, und „Love 101“, die unter den Zuschauern international wie auch in der Türkei beliebt sind, konnte Netflix erste Kooperationserfahrungen mit türkischen Produktionsfirmen sammeln und ist deshalb an weiterer Zusammenarbeit stark interessiert.

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Nicht zuletzt, weil der türkische Absatzmarkt mit inzwischen über 1.5 Millionen Abonnenten für Netflix weiterhin Wachstum verspricht, sondern auch, weil der Produktionsstandort selbst mit Serien für den inländischen Markt jahrzehntelange Erfahrung bringt und im internationalen Vergleich kostengünstig produziert.

Nicht die erste Intervention

Nach dem Erfolg mit der Serie „Love 101“, die die tragische Lebensgeschichte einer Gruppe von siebzehnjährigen Außenseitern mit Rückblicken auf das Jahr 1998 erzählt, die ihre Lieblingslehrerin mit dem Basketball-Coach zu verkuppeln versuchen, und dabei gar nicht realisieren, dass sie gerade selbst die Liebe entdecken, setzte Netflix auf eine weitere Kooperation.

Unter dem Titel „If Only“ sollte die türkische Serie „Şimdiki Aklım Olsaydı“, deren internationale Veröffentlichung für 2021 vorgesehen war, vermarktet werden. Darin sollte die türkische Hauptdarstellerin Özge Özpirinçci eine unglücklich verheiratete Ehefrau spielen, die in der Zeit zurückreist, um einen Neuanfang zu machen. Homosexuelle Liebesszenen oder körperlicher Kontakt zwischen den Figuren seien laut Drehbuchautorin Ece Yörenç nicht vorgesehen.

Doch auf Druck der türkischen Regierung sagte Netflix überraschend das achtteilige Beziehungsdrama ab. Wie die türkische Produktionsfirma Ay Yapim inzwischen mitgeteilt hat, soll sie für die Produktion von der türkischen Regulierungsbehörde RTÜK (Oberster Rundfunk- und Fernsehrat) keine Filmlizenz erhalten haben. Ece Yörenç erklärte gegenüber der Filmwebsite „Altyazi Fasikül“:

„Wegen einer homosexuellen Figur wurde die Filmerlaubnis nicht erteilt. Das ist sehr beängstigend für die Zukunft.“

In einem Netflix-Statement zum Rückzug heißt es, dass Sondierungsgespräche mit der RTÜK scheiterten, weil diese forderte, das Drehbuch zu ändern, weswegen Netflix sich zu einer kompletten Absage entschieden hatte:

„Netflix fühlt sich weiterhin zutiefst seinen türkischen Mitgliedern und der kreativen Gemeinschaft der Türkei verpflichtet. Wir sind stolz auf die großen Talente, mit denen wir zusammenarbeiten. Im Moment haben wir verschiedene türkische Originale in Produktion – von denen noch mehr erscheinen werden. Wir freuen uns darauf, diese Geschichten mit den Abonnenten auf der ganzen Welt zu teilen.“

Bereits im April dieses Jahres witterten türkische Moralwächter einen vermeintlichen Skandal. Die Serie „Love 101“ startete am 24. April – ein Tag nach Beginn des Fastenmonats Ramadan. In sozialen Netzwerken wurde zum Boykott von Netflix ausgerufen, und das Gerücht verbreitet, in der neuen Netflix-Serie gebe es eine schwule Hauptfigur. Damals sagte Ebubekir Sahin, der Präsident der RTÜK gegenüber der türkisch-islamistischen Zeitung Yeni Akit.

„Wir tolerieren keine Sendungen, die den nationalen und spirituellen Werten unserer Gesellschaft widersprechen.“

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Türkische Zensurbehörde: RTÜK

Mahir Ünal, Sprecher der von Erdogans AK-Partei, bestätigte der Financial Times, dass die türkische Regierung mit manchen Netflix-Produktionen Schwierigkeiten habe.

„Müssen wir uns bei Netflix entschuldigen? Was wollen sie von uns? Müssen wir alles toll finden, was Netflix macht, es richtig finden und es heiligen? Gibt es kein Thema, bei dem wir das Recht haben, Vorbehalte zu erheben?“

Ilhan Tasci von der oppositionellen CHP, der im Vorstand der RTÜK sitzt, verurteilt die Einmischung in die künstlerische Freiheit. „Sie wollen, dass die ganze Türkei, ein Land mit 83 Millionen Einwohnern, so denkt wie sie“, sagte er der Financial Times.

Die RTÜK ist eine staatliche Behörde mit Sitz in Ankara. Sie wurde 1994 gegründet und ist der Oberste Rundfunk- und Fernsehrat. Während sie seit Anbeginn sie als Zensurbehörde fungierte, werden unter der Kontrolle der Regierungspartei AKP missliebige Programme, Sender oder Künstler zunehmend einer generellen strikten Kontrolle und Zensur unterworfen. Geldstrafen, Lizenzentziehungen und Schmähungen gehören zum Strafrepertoire der RTÜK.

Während sie in den 1990er Jahren noch als eine Regulierungsbehörde für den privaten Rundfunk in der Türkei tätig war, nimmt sie diese Rolle im digitalen Zeitalter stringenter denn je auch für soziale Netzwerke wahr.

Netflix ist der Behörde aktuell ein Dorn im Auge, zumal die Zugriffsmöglichkeiten noch beschränkt sind. Dies soll sich jedoch zukünftig ändern, zumal das junge Publikum lieber Netflix konsumiert als den Programmen des Staatsfernsehens zu lauschen. 

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