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Warum Erdoğans Schwiegersohn in Ungnade gefallen ist

Ein Bild aus besseren Tagen: erdogan und sein Schwiegersohn Albayrak
Ein Bild aus besseren Tagen: Erdogan und sein Schwiegersohn Berat Albayrak (© Imago Images / ITAR-TASS)

Tod oder Exil: Vor dieser Wahl standen osmanische Schwiegersöhne – auch Damat genannt – einst, denen zwar der Aufstieg in hohe Positionen gelang, deren Abgang im Konkurrenzkampf mit den Söhnen des Sultans um die Thronfolge jedoch meist fatal endete.

Die Geschichte des Osmanischen Reiches kennt so einige solcher Schwiegersöhne, zu einer ernsthaften Gefahr für die Fortexistenz des Reiches konnten sie jedoch niemals werden. Nichts wäre nämlich bedrohlicher gewesen als die aus einer Nebenlinie resultierende Gründung einer rivalisierenden Dynastie. Doch so weit kam es nicht. Es blieb dabei, dass das osmanische Herrschergeschlecht trotz vieler Zerwürfnisse, Rivalitäten und Intrigen über sechs Jahrhunderte das Imperium zusammenhalten konnte, bis es nach dem Ersten Weltkrieg endgültig unterging.

So treten in der osmanischen Geschichtsschreibung neben aufständischen Brüdern und rebellierenden Söhnen, die keine Skrupel vor dem Brudermord hatten, insbesondere die Schwiegersöhne hervor. Zur Berühmtheit brachten es Karamanoglu Alaaddin Bey und Damad Ferid Paşa.

Ersterer wagte einen Frontalangriff auf seinen Schwiegervater und Sultan Murad I. (1359-1389), wurde jedoch vom Bruder seiner Frau Beyazit auf dem Schlachtfeld getötet.

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Auch Damad Ferid Paşa, der Schwiegersohn von Sultan Abdulmecid I. (1839-1861), diente in Spitzenpositionen unter drei verschiedenen Sultanen, als das Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts um sein Überleben kämpfte. Ihn ereilte zwar nicht dasselbe Schicksal wie Alaaddin Bey; er wurde jedoch für die Akzeptanz der harten Bedingungen des Vertrags von Sèvres vom 10. August 1920 durch das Imperium verantwortlich gemacht und vom neuen türkischen Parlament zusammen mit dem Rest der osmanischen Dynastie ins Exil geschickt. Er starb kurz vor der Erklärung der Republik am 6. Oktober 1923 in Nizza.

Erdoğans Kronprinz

An diese Damat-Tradition schließt die Ehe zwischen Berat Albayrak und Esra Erdoğan an, der Tochter Recep Tayyips, die 2004 unter der Anwesenheit prominenter Gäste wie dem ehemaligen italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi geschlossen wurde. Albayrak, dessen Vater Sadik Albayrak ein bekannter islamistischer Autor ist, gehört zum ältesten exklusiven Zirkel um den türkischen Staatspräsidenten.

Die Eheschließung diente, wie in solchen Kreisen üblich, zur Etablierung eines Familienbündnisses, um sich der gegenseitigen Loyalität zu versichern. Es überrascht daher kaum, dass Berat Albayrak nach seinem Masterstudium an der New Yorker Pace University bereits mit 29 Jahren zum CEO der regierungsnahen Calik-Holding aufstieg.

Der Mischkonzern gehört dem Erdoğan-Vertrauten Ahmet Calik, der ebenfalls eng mit Albayrak Senior befreundet ist, und ist eines der größten Unternehmen in der Türkei. Unter Albayraks Führung rückte die Holding noch stärker in die Nähe der AKP-Regierung und gewann zahlreiche profitable Ausschreibungen im Energie- und Bausektor.

Als Berat Albayrak – von Erdoğan durchgehend protegiert – 2015 zunächst zum Energieminister und dann im Juli 2018 zum Finanzminister ernannt wurde, vervollständigte sich das Bild des neu-osmanischen Despotismus von Erdoğan endgültig. Insbesondere diese Besetzung des Postens des türkischen Finanzministers durch den Schwiegersohn Berat Albayrak gehörte zur medialen Inszenierung des türkischen Führers, der damit suggerieren wollte, an die osmanische Tradition angeschlossen zu haben.

Ein miserabler Finanzminister

Doch ausgerechnet im Sommer 2018 brach die bis heute andauernde türkische Wirtschaftskrise aus, und Albayrak stand seitdem vor einer gewaltigen Aufgabe. Als unerfahrener Aufsteiger hatte er sich als Krisenlöser der Nation zu beweisen. Im Herbst 2018 verkündete er darum ein völlig neues Wirtschaftsmodell, um die türkische Wirtschaft vor dem Kollaps zu retten. Hierzu sah er strenge Haushaltsdisziplin, Inflationsbekämpfung und die Wahrung der Unabhängigkeit der Zentralbank vor.

Allerdings verkündete er zum Missfallen der türkischen Wirtschaftsfunktionäre, die er penibel ausgesucht zu einem Meeting orderte, keine konkreten Maßnahmen.

Ein miserabler Auftritt auf dem Frühjahrsmeeting 2019 des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank verschreckte zudem internationale Investoren. Die Tageszeitung Welt zitierte einen Fondsmanager mit den Worten: „Ich habe noch nie einen Regierungsvertreter gesehen, der so schlecht vorbereitet war.“ Und so nahmen der rapide Währungseinbruch, der Vertrauensbruch der Märkte in die Türkei und insbesondere die Kapitalflucht ihren Lauf. Albayrak gelang es nicht, die Märkte zu beruhigen.

Stattdessen setzte er alles daran, um zu einem so genannten „Gate-Keeper“ („Türhüter“) zu werden. Wer Präsident Erdoğan in Wirtschafts- und Finanzfragen sprechen wollte, musste zuerst Albayrak kontaktieren. Hierfür nutzte er seine Position als zweitmächtigster Mann des Landes sowie das volle Vertrauen Erdoğans, der ihm das wichtigste Amt anvertraut hatte. Doch diese Position scheint er, wie in diesen Tagen publik wurde, eher dafür genutzt zu haben, eigene Kader an wichtige Schaltstellen zu setzen.

Der gefallene Kronprinz  

So kam es dazu, dass die überstürzten Anweisungen an die türkische Zentralbank, mithilfe von Devisenverkäufen von weit über 110 Milliarden Dollar die Inflation zu bekämpfen und die Lira-Abwertung aufzuhalten, viel eher dazu führten, dass es weder zu einem imposanten Wirtschaftswachstum noch zur Inflationssenkung kam, sondern zum Gegenteil.

Der Ausverkauf scheint Erdoğan nicht sonderlich aufgefallen zu sein; zumindest stützte er bis zuletzt unwidersprochen den Schwiegersohn; auch als 2016 publik wurde, dass die Firma Powertrans, die als einziges türkisches Unternehmen die Einfuhrlizenz für Erdöl besitzt, Erdöl des Islamischen Staates importierte. Den gehackten 57.000 E-Mails von Albayrak konnte entnommen werden, dass dieser als eine Art Schattenchef von Powertrans fungierte.

Auch scheint es kein Missfallen darüber gegeben zu haben, das durch diese E-Mails ebenso bekannt wurde, dass Albayrak 2012 Sexspielzeug bestellte oder dass er seine Eheprobleme mit Ehefrau Esra Albayrak über E-Mail-Verkehr diskutierte. Die einzige Reaktion auf die Offenlegung dessen, dass Erdoğan seine Familie als Vorbild für einen gelebten Islam inszeniert, die privaten Einblicke in das Eheleben der Tochter und des Schwiegersohns jedoch vom Gegenteil zeugten, war eine gerichtlich verhängte Nachrichtensperre über diese Umstände.

Rücktritt mit Folgen

Die schützende Hand Erdoğans hatte zudem innerhalb der AKP immer wieder für Missmut gesorgt. Sonderlich beliebt ist Albayrak in der Partei nicht, er gilt als eitel und inkompetent. Das lag mitunter daran, dass parteiinterne Kritiker Albayrak die Schuld für die Wiederholung der Kommunalwahlen in Istanbul gaben: er habe Erdoğan dazu überredet, die Wahlen zu wiederholen, die die AKP dann deutlich verlor.

Auch ist Albayraks Dauerclinch mit dem amtierenden türkischen Innenminister Süleyman Soylu berüchtigt; beide sprechen nicht miteinander, und es kam bei Gelegenheit sogar zu Rempeleien. Soylu gilt zudem als die rechte Hand Erdoğans, und ist für seine Kontakte zum sogenannten tiefen Staat bekannt. Er ist sogar als potenzieller Nachfolger Erdoğans im Gespräch.

Es wundert darum kaum, dass die den Albayrak-Flügel dominierende sogenannte Pelikan-Gruppe, die das verhindern will, Soylu häufig angreift und auch daran mitwirkte, ihn im April 2020 zum Rücktritt zu drängen, was wiederum Erdogan nicht akzeptierte.

Seit seinem ungewöhnlichen Rücktritt mittels einer Instagram-Nachricht ist Albayrak nun wie verschollen. Es gibt Gerüchte, dass er von Erdoğan unter Hausarrest gestellt wurde, da unüberlegte Impulshandlungen befürchtet werden, die das Regime in eine schwierige Situation bringen könnten. Darum sind sowohl der Account auf Twitter wie auch Instagram von Albayrak gelöscht.

Ob allerdings, wie die FAZ titelt, nun eine „dramatische Kehrtwende der Türkei“ zu erwarten ist, ist fraglich. Albayrak Senior hat derweil, um die Wogen zu glätten, in der islamistischen Tageszeitung Yeni Akit seine ungebrochene Loyalität und Treue zum Regime bekräftigt. „Ich habe meine Kinder als Soldaten eines göttlichen Zwecks und einer globalen Sache erzogen“, wird er dort zitiert. Tage zuvor gab es Gerüchte, Albayrak Senior sei aus Protest aus der AKP ausgetreten.

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