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Warum der schiitische Iran die sunnitischen Taliban lobt

Afghanische Truppen befinden sich an mehreren Fronten auf dem Rückzug vor den Taliban
Afghanische Truppen befinden sich an mehreren Fronten auf dem Rückzug vor den Taliban (© Imago Images / Xinhua)

Irans klerikales Regime scheint sich darauf vorzubereiten, die sunnitischen „Feinde Amerikas“ als neue Herren in der afghanischen Hauptstadt Kabul zu begrüßen.

Hamed Mohammadi, Worldcrunch

Die Lage in Afghanistan ist ohne Zweifel kritisch. Während die US-amerikanischen und verbündeten Truppen abziehen, nutzen die Taliban die Schwäche der Regierung in Kabul aus und erobern Bezirke und Städte, vor allem im Norden des Landes. In einigen Gegenden scheinen die Verhältnisse tagsüber normal zu sein, doch sobald die Dunkelheit einbricht, greifen bewaffnete Autokolonnen Dörfer, Patrouillen oder Armeeposten an und schießen auf jeden afghanischen Bürger, der versucht, Widerstand zu leisten.

Laut einem UN-Bericht vom Mai befinden sich 50 der 400 Regionen Afghanistans in der Hand der Taliban. Und deren Fortschreiten scheint unaufhaltsam zu sein: Im Juni fielen acht Bezirke in den Provinzen Takhar, Samangan und Balkh in weniger als zwei Tagen, und die Kämpfe erreichten die Außenbezirke von Städten wie Mazar-i Sharif.

Es gibt Berichte darüber, dass afghanische Truppen ihre Lastwagen einfach an die Taliban übergeben haben, nach manchen Angaben bis zu 700 Stück in den vergangenen Wochen, zusätzlich zu gepanzerten Fahrzeugen und Artillerieausrüstung. All dies wird den Taliban bei ihren Kriegsanstrengungen helfen. (…)

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US-Sicherheitsquellen sagen, die Taliban könnten die Hauptstadt Kabul innerhalb von sechs bis zwölf Monaten einnehmen, nachdem die westlichen Streitkräfte vollständig abgezogen sind. Dennoch sagte der Analyst der International Crisis Group, Andrew Watkins, kürzlich gegenüber dem Wall Street Journal, die Taliban seien nicht unbesiegbar und der Fall Kabuls sei keineswegs sicher.

Andere Fachleute haben darauf hingewiesen, dass die Taliban ländliches Gebiet von geringem strategischem Wert erobert haben, und führen ihre Erfolge auch auf die ungleiche Verteilung der afghanischen Truppen zurück, die meist für die Verteidigung der großen Städte und Autobahnen ausgebildet sind.

Und dann gibt es noch Anschuldigungen von afghanischen Politikern, dass ausländische Mächte den Aufständischen helfen würden: der Iran, die Türkei und Pakistan. Abdulsattar Husseini, ein Abgeordneter, hat die iranischen Revolutionsgarden und den pakistanischen Geheimdienst ISI beschuldigt, den Taliban zu helfen, und sagte, dass Waffen aus dem Iran eingeschmuggelt worden seien.

In den vergangenen 20 bis 30 Jahren ist Afghanistan, wie der Irak, Syrien und der Libanon, in die „Widerstands“-Karte des iranischen Regimes aufgenommen worden, die Regionen bezeichnet, in denen es seine ideologische Herrschaft auf Kosten des Westens ausweiten will.

So haben die Revolutionsgarden die Zeit bis zum westlichen Abzug abgewartet und sind sich der strategischen und sicherheitspolitischen Interessen des Westens in Afghanistan und seiner Rivalität mit China und Russland voll bewusst. Sie wollen das Land wie den Irak in eine weitere Zwickmühle für die USA verwandeln.

Tatsächlich könnte die Unterstützung der Taliban und al-Qaidas dem iranischen Regime dienlich dabei sein, seine eigenen Milizen in ein gesetzloses Land zu schicken, um seine geschwächte Position in Syrien und im Irak zu kompensieren. Diese werden benutzt, um Zugeständnisse von westlichen Mächten zu erpressen, ohne Rücksicht auf die Kosten für die leidgeprüften Afghanen.

Wie geneigt die Islamische Republik ist, die Taliban Kabul einnehmen zu sehen, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie bereits damit beschäftigt ist, die Terroristen zu schönzureden. Eine konservative Tageszeitung in Teheran schreibt: „Die Taliban von heute sind nicht die Taliban, die früher Köpfe abgeschnitten haben.“ Laut Dokumenten des US-Außenministeriums haben sich in den letzten Jahren viele Taliban- und Al-Qaida-Führer im Iran aufgehalten.

Städte wie Mashhad, Qom und Teheran sind wiederum Trainingsbasen für die schiitischen Fatemium-Milizionäre, die in Syrien unter der Quds-Armee kämpfen, der Kampftruppe der Revolutionsgarden im Nahen Osten. Dutzende dieser Milizionäre sind in den Iran zurückgekehrt, als der Krieg in Syrien zu Ende ging: bereit, stattdessen in Afghanistan zu kämpfen. Die Revolutionsgarden hätten allerdings auch keine Skrupel, sie einzusetzen, um Proteste im Iran niederzuschlagen.

Vor einigen Jahren prangerte Irans Oberster Führer Ali Khamenei die Taliban noch als eingeschworene Feinde der schiitischen Muslime an und bezeichnete sie als „hartherzig, kriminell und als Geschöpfe“ der Vereinigten Staaten. Doch nachdem die USA sie 2001 gestürzt hatten, gewährte er ihnen nicht nur Unterschlupf, sondern lenkt nun die iranische Außenpolitik hin zu einer engeren Verbindung mit ihnen. Und es ist die Aufgabe verschiedener Führungspersönlichkeiten in Teheran, mit der Rehabilitierung der Terroristen zu beginnen.

Der Abgeordnete Ahmad Naderi etwa hat die Taliban „eine der wesentlichen Bewegungen der Region“ genannt, mit denen „wir gemeinsame Feinde haben.“ Ali Shamkhani, ein ehemaliger Verteidigungsminister, jetzt ein hoher Sicherheitsbeamter, hat ihre Führer für deren Entschlossenheit im Kampf gegen die Amerikaner gelobt.

Der iranische Botschafter in Kabul, Bahador Aminian, bezeichnete den „Widerstand“ in Afghanistan als Teil eines „islamischen Erwachens“, das von den Ideen des verstorbenen iranischen Revolutionsführers Ruhollah Khomeini beeinflusst sei. Tatsache ist, dass das Regime und die Revolutionsgarden ihre Fühler – und ihr Geld – sowohl in Richtung afghanischer Regierung als auch in Richtung Taliban ausgestreckt haben.

(Aus dem Artikel Why Iran Is Actively Backing The Taliban For The First Time, der bei Worldcrunch erschienen ist. Übersetzung von Alexander Gruber.)

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