Warum der Islamische Staat in Syrien nicht besiegt ist

„Die gängige Meinung ist, dass – mit der kurz bevorstehenden Niederlage des IS und der neuen US-Strategie zumindest eine kleine Truppe zu dessen Bekämpfung im Land zu belassen – die Syrien-Politik der USA endlich auf dem richtigen Weg sei. Nachdem ich die Lafe in Syrien bereits seit dem Jahr 2012 analysiere, bin ich mir hierbei allerdings nicht so sicher.

Erstens sollte jede Erklärung über eine Niederlage des IS die Einschränkung enthalten, dass diese nur für die Seite der US-geführten Koalition gilt, nicht aber für die russisch dominierte. Die US-amerikanischen und russischen Militärs vereinbarten Mitte 2017, den Kampf gegen den IS in bestimmte Einflusssphären aufzuteilen: Die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte sollten sich auf das Gebiet, östlich des Euphrat beschränken, westlich des Flusses wurde der Kampf gegen den IS dem Iran, Russland und dem Assad-Regime anvertraut. Es überrascht nicht, dass ISIS dort immer noch Territorium besitzt.

Zweitens bleiben die ISIS-Schläferzellen stark. Die Bombenanschläge im Januar, bei denen vier amerikanische Soldaten in Manbij getötet wurden, waren nur die Spitze des Eisbergs. Seitdem haben ISIS-Schläferzellen mehrere SDF-Posten bombardiert und zahlreiche SDFFunktionäre ermordet. Darüber hinaus tauchten Elitekämpfer der Terrororganisation in der Wüste unter, nachdem die Koalition ihre Hauptstadt Raqqah erobert hatte. Im vergangenen Monat enthüllte die SDF auch, dass der ISIS-‚Kalif‘ Abu Bakr al-Baghdadi das Land verlassen hat und flüchtig ist. Die gegenwärtige Situation in Syrien ähnelt der des Irak im Jahr 2012: brodelnde konfessionelle Konflikte, weit verbreitete Misshandlungen durch Sicherheitskräfte und fortbestehende terroristische Schläferzellen. Dies waren die Bedingungen, unter denen Al-Qaida im Irak als ISIS wiedergeboren wurde, und dies sind Bedingungen, unter denen ISIS neu geboren werden könnte. Östlich des Euphrats könnten US-Truppen dies vielleicht verhindern, das Gebiet macht aber nur etwa 20 Prozent des Landes aus. Was jedoch ist mit den anderen 80 Prozent des syrischen Territoriums, die Assad überlassen wurden? (…)

Genau wie [zuvor] in Sweida [im Südwesten Syriens] hat Assad im letzten Jahr Hunderte von IS-Kämpfern nach Idlib gebracht, um ihnen dabei zu helfen, ein Netzwerk von Schläferzellen aufzubauen. Diese Kämpfer werden quer durch alle Parteien vor Ort abgelehnt – selbst die extremistische Gruppe Hayat Tahrir al-Sham führt häufig Anti-ISIS-Sicherheitsmaßnahmen durch. Wenn Assad und Russland Idlib im Rahmen eines Angriffs in Schutt und Asche legen, während die ganze Welt zusieht, könnten diese ISIS-Zellen neuen Aufwind bekommen. (…) Praktischerweise würde eine stärkere Präsenz von ISIS in Idlib Assad einen Vorwand für einen noch größeren Angriff auf die Bevölkerung liefern, womit sich der Kreis schließen würde. Wahrscheinlich würde es seinen Streitkräften gelingen, die Kontrolle über die Provinz zu erlangen – aber ISIS-ähnliche Gruppen würden neuen Rückhalt in der Bevölkerung, wenn nicht sogar eine neue territoriale Basis für den internationalen Terrorismus gewinnen.“ (Shlomo Bolts: „The Many Loopholes in ‚ISIS Is Defeated’“)

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