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Warum das iranische Regime Kinderehen fördert

Im Iran steigt die zahl der Kinderehen und der minderjährigen Mütter
Im Iran steigt die Zahl der Kinderehen und der minderjährigen Mütter (Quelle: Radio Libety's Radio Farda)

Im Iran sind Kinderehen nach wie vor keine Seltenheit. Vor allem in den ärmsten Provinzen des Landes werden sie nicht nur von der Gesellschaft, sondern auch vom Staat unterstützt.

Initiative »Free Iran Now« Kassel

Laut der von der iranischen National Registration Organization (NRO) veröffentlichten vorläufigen Geburtenstatistik des Jahres 2021 wurden zwischen dem 20. März und dem 7. Oktober 791 Kinder von Müttern im Alter von zehn bis 14 Jahren geboren. Im selben Zeitraum wurden 36.562 Kinder von Müttern im Alter von 15 bis 19 Jahren geboren.

Die Statistik schlüsselt dabei nicht nur nach Altersgruppen der Mütter und Geschlecht der geborenen Kinder auf, sondern unterteilt die Geburtenrate auch anhand der iranischen Provinzen. Die Provinz Sistan und Belutschistan führt die Statistik der Geburten durch Mütter im Alter von zehn bis 14 Jahren an. Sistan und Belutschistan ist die zweitgrößte der 31 iranischen Provinzen mit einer Fläche von 180.726 km² und liegt mit einer Bevölkerung von 2,5 Mio. Menschen auf Platz zehn der bevölkerungsreichsten Provinzen des Landes.

Sie liegt im Südosten und grenzt an Pakistan und Afghanistan. Für die Erklärung der Geburtenrate – besonders die der minderjährigen Mütter – reicht jedoch der Verweis auf die Größe nicht aus. Vielmehr müssen die sozialen Verhältnisse betrachtet werden.

Schmuggel und Drogenhandel

Sistan und Belutschistan ist mit einem HDI-Wert (Human Development Index) von 0,688 die am wenigsten entwickelte und ärmste der 31 iranischen Provinzen. Im Jahr 2016 lebte fast die Hälfte der Bevölkerung »unter der Armutsgrenze und konnte sich die für den Lebensunterhalt notwendigen 2.100 Kalorien nicht leisten«, so Ali Yar Mohammadi, ein Abgeordneter dieser Provinz. »Dörfer haben weder ausreichend Trinkwasser noch Brot. Nach allen Maßstäben leben sie unter erbärmlichen Bedingungen«, sagte er 2018.

Infolgedessen sind die meisten Einwohner im Schmuggelgeschäft tätig. Die abgelegene geografische und desaströse soziale Lage der Provinz entlang der afghanischen und pakistanischen Grenze hat sie zu einem Umschlagplatz für illegalen Handel von Gütern und Menschen werden lassen.

Der Iran hat Gräben und Zäune gebaut, um Grenzübertritte zu verhindern, aber die Anwohner auf beiden Seiten schaffen es nach wie vor, Waren wie Benzin und Drogen, aber auch Menschen ohne Papiere über die Grenze zu bringen. Schmuggler haben Treibstoff über die pakistanische Grenze transportiert, um ihn in den Nachbarländern weiterzuverkaufen, da die iranischen Treibstoffpreise im internationalen Vergleich auf einem Rekordtief liegen.

Am 22. Februar 2021 sollen iranische Grenzschutzbeamte mindestens zwei Schmuggler (einer von ihnen ein 14-jähriger Junge) an der Grenze erschossen haben. Am folgenden Tag stürmten Dutzende von Demonstranten das Büro eines Gouverneurs und zündeten ein Polizeiauto an, was darauf hindeutet, dass die Menschen durch die harte Wirtschaftslage in dieser Region keine Alternative zum Schmuggel und Menschenhandel sehen, um ihr Überleben zu sichern.

Das Regime scheint seinen Teil zum Drogenhandel beizutragen. Laut einem Bericht des US-Finanzministeriums aus dem Jahr 2012 haben die Islamischen Revolutionsgarden (IRGC) angeblich im Austausch für Hilfe bei Waffenlieferungen an die Taliban den Drogenhandel aus Afghanistan in den Iran erleichtert. Daher wird der Vorwurf des Schmuggels neben anderen als Grund für die Sanktionierung der IRGC angeführt.

Förderung der Kinderehe

Ein weiteres Ergebnis dieser harten wirtschaftlichen Situation ist die in der Statistik der NRO angeführte Kinderehe. Einige Eltern sehen sich gezwungen, ihre Töchter bereits im Alter von neun Jahren zu verheiraten (besser gesagt: zu verkaufen), andere tun dies aus ideologischer Überzeugung.

Das iranische Zivilgesetzbuch erfordert die Erlaubnis der Eltern und eine gerichtliche Genehmigung für Ehen von Mädchen unter 13 Jahren und Burschen unter 15 Jahren, jedoch werden einerseits nicht alle Ehen offiziell registriert und andererseits durch die Politik neue Anreize geschaffen, die das System der Kinderehe zumindest indirekt fördert.

Am 1. November 2021 hat der iranische Wächterrat das Gesetz zur »Verjüngung der Bevölkerung und Unterstützung der Familie« verabschiedet, das Schwangerschaftsabbrüche und die Verteilung von Verhütungsmitteln im öffentlichen Gesundheitssystem verbietet, es sei denn, eine Schwangerschaft gefährdet die Gesundheit einer Frau.

Die Erweiterung bestehender Beschränkungen beim Zugang zu Verhütung und Abtreibung verletzt die Rechte der Frauen auf sexuelle Unversehrtheit sowie reproduktive Selbstbestimmung und gefährdet die Gesundheit und das Leben von Frauen im Iran, insbesondere aufgrund zweier besonderer Faktoren: Wie oben erwähnt, werden Mädchen erstens bereits im Alter von zehn Jahren schwanger, und zweitens ist die Inzestheirat legal und im Iran sogar sehr verbreitet.

Im Gegensatz zu heute war früher ein genetisches Screening vor Erhalt einer Heiratsurkunde obligatorisch, um genetisch bedingte Krankheiten (wie Thalassämie) vorzubeugen, die durch Inzestheirat verursacht werden können. Leider hat der neue Gesetzesentwurf diese Verordnung dahingehend geändert, als das Screening nur noch freiwillig, also auf Wunsch, durchgeführt wird.

Das bedeutet unter anderem, dass diejenigen, die keine entsprechende Bildung haben, sich einen kostspieligen Test nicht leisten können oder aufgrund von sozialem Druck durch die Familie kein Screening durchführen können, einer höheren Gefahr ausgesetzt sind, kranke oder behinderte Kinder zur Welt zu bringen.

Kinderehen sind die Ursache für eine hohe Zahl irreparabler psychischer als auch körperlicher Schäden bei Mädchen und jungen Frauen, sorgen für eine hohe Müttersterblichkeit, Suizidversuche und Ehrenmorde, und machen die Mädchen im jungen Alter vom Willen der Familie abhängig, die ihnen auch den Zugang zu Bildung verweigern. Zusätzlich befeuern Kinderehen die aktuell per Gesetz definierte Ungleichwertigkeit von Frauen in der iranischen Gesellschaft und einen weiterlaufenden Armutskreislauf.

Die Frage, die hier gestellt werden muss, lautet: Wieso würde die Regierung von einer höheren Bevölkerungszahl profitieren und eine Politik der Kinderehe fördern, wenn sie gleichzeitig zu verantworten hat, dass die Mehrheit der Menschen im Iran derzeit unter erbärmlichen sozialen Bedingungen lebt und Mädchen und junge Frauen durch eine ausbleibende Sanktionierung der Kinderehe bleibende Schäden davontragen?

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