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Warten auf EGGED – Bus-Geschichten aus Israel

Stets nach vorne, nie zurück: EGGED-Bus in Israel
Stets nach vorne, nie zurück: EGGED-Bus in Israel (© Imago Images / Depositphotos)

Die ohne große Übertreibung als City Desert Rider – »Stadt-Wüsten-Reiter« – zu bezeichnenden Busfahrer in Israel stellen eine besondere Spezies dar.

Moshe Gruenbauer

Im »Orient« gibt es, grob betrachtet, nur zwei Arten von Fortbewegung, die mit dem öffentlichen Nahverkehr zu tun haben – und dem menschlichen Gleichgewichtssinn alles abverlangen: Die eine findet auf dem Rücken eines Kamels statt, genauer gesagt auf dem einhöckrigen Kamel, also dem Dromedar – ein archaischer Passgang, bei dem man abwechselnd Gott, den Rücken und das Sitzfleisch anruft.

Die andere geschieht im israelischen Linienbus, in generischer Verselbstständigung nur EGGED genannt, also eine Deonymisierung, bei der ein Markenname zum Gattungsbegriff für ein ganzes Produkt wird, hier stellvertretend für »Bus«, gesteuert von einem Fahrer, der mit derselben Entschlossenheit bremst, wie andere Leute einen Lottoschein abgeben. Beiden Bewegungsabläufen gemein ist, dass man gerüttelt wird, aber auf ganz eigene Art. Denn die eine eiert, die andere wirft. Einmal wie ein Wiegenlied von gestern, das andere Mal wie ein Stolpern ins Heute.

Das Gefährt und sein Fahrer

Wer sich durch eine Wüste bewegen will, braucht ein besonderes Gefährt. In der echten Wüste, wo sich Wind und Sand die Landschaft teilen, vertraut man seit Jahrtausenden auf das Kamel – jenes geduldige Tier mit riesigem Polstersattel, bei dem beide Beine einer Seite gleichzeitig nach vorne gesetzt werden, das seinen Reiter zwar durchschaukelt, aber trotzdem verlässlich ans Ziel bringt. Es trägt den Ehrentitel »Wüstenschiff«, und das zu Recht: Kein anderes Wesen meistert das Gelände so wogend souverän.

Und dann ist da Tel Aviv. Auch hier gibt es eine Wüste, nur besteht diese nicht aus Sand, sondern aus Beton, Bordsteinkanten und Ampelschaltungen. Eine asphaltierte Steppe, in der extreme Hitze, glühender Asphalt und – als einzige Zuflucht – die Schatten hoher Häuserwände das Klima bestimmen. Und auch hier gibt es ein Transportmittel, das dieser Wüste gewachsen ist: den israelischen Stadtbus – geschüttelt und nicht gerührt.

Oder, wie man ihn mit etwas Fantasie nennen könnte: den City Desert Rider, den »Stadt-Wüsten-Reiter«, was zugleich den Fahrer als auch sein Gefährt bezeichnet. Zwei in einem Bündnis aus Blech, Diesel und Nervenkraft. Er lenkt, bremst, schimpft – und manchmal fährt der Bus einfach seine eigenen Wege: Er bleibt stehen, wo keine Haltestelle ist, als wolle er »Endstation« sagen.

Hier gibt es keine Sättel, sondern Sitze. Fortschritt? Geschenkt. Bequem? Niemals. Statt der gemächlichen Kamel-Gangart, die eher einem schwingend-holprigen Rühren gleicht, setzt dieser moderne Verwandte des Wüstenschiffs auf ein anderes Bewegungsrepertoire: Abrupte Starts, hartes Bremsen, enge Kurven. Wer da keinen Halt hat, lernt schnell das Fliegen – im harmlosesten Fall bis zur nächsten Sitzreihe, ansonsten den Mittelgang entlang bis zum Busfahrer und sogar darüber hinaus, also in the worst case bis zur Frontscheibe.

Stehend zu reisen, gleicht einem Balanceakt auf dem »Schlingermast«; selbst Sitzende erleben, sollten sie nicht angeschnallt sein, was auch aufgrund fehlender Gurte der Fall sein kann, unfreiwillige Nasenkarambolagen mit den Vordersitzen, worüber sich vor allem Brillenträger immer wieder besonders freuen.

So verschieden Wüste und Stadt auch wirken, in beiden herrschen eigene Naturgesetze. Und beide fordern vom Reisenden Vertrauen: in das Tier, in die Maschine – und nicht zuletzt in den Menschen, der sie steuert. Ob Reiter oder Busfahrer, beide bewegen sich durch unwegsames Terrain; der eine schweigend auf unbequemem Sattel, der andere unbeirrt hinter abschirmendem Plexiglas.

Hiobs Tierwelt, der Nahost-Cowboy und sein Pferd

Was bei Hiob, dem ältesten Buch des Tanach, noch der Leviatan und seine Kumpane sind, sind im heutigen Israel die Busse des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs. Und wie damals gilt auch heute: Man sollte sich nicht mit ihnen anlegen, weder als Pkw mit dem Bus noch als Passagier mit dem Fahrer, denn sie kommen den furchterregenden Zähnen des Ungeheuers aus der Vorzeit gleich. »Wer tat die Pforte seines Angesichts auf? Der Kreis seiner Zähne ist ein Schrecken.« (Hiob 41:14)

Israelische Busfahrer sind eine ganz besondere Spezies – eine Mischung aus ungehobeltem Cowboy, schneidigem Rennfahrer, ausgeflipptem DJ und größenwahnsinnigem König der Straße. Ihr Wort hat Gewicht – und Macht. Western-Filme fürs Kino sind einst auch in Israel gedreht worden, wenn auch nur zwei: Deadlock (1970) und Billy Two Hats (1971). Doch der Nahost-Cowboy braucht kein Filmset, er lebt den Mythos. Natürlich trägt er keinen Hut. Und sein Pferd frisst kein Heu, es frisst Diesel.

Doch wie er da am Steuer sitzt, mit einer Hand lässig am Lenkrad, den Blick nach vorne, als gehöre ihm der Highway: Ja, das ist einer von ihnen, von Israels ersten, letzten und einzigen Cowboys. Nicht auf Mustangs, sondern auf MAN-Bussen. Und sie reiten nicht dem Sonnenuntergang entgegen, sondern dem nächsten Kreisverkehr. Mit quietschenden Bremsen und einem inneren Kompass, der nach Ego-Nord zeigt.

Zwar können sie manchmal auch wirklich nett, ausgeglichen, fröhlich und zuvorkommend sein. Aber das ist, so will es das Klischee, eher die Ausnahme. Und doch wäre es unfair, dieses Bild allzu sehr auszuwalzen. Denn es gibt sie: die aufmerksamen, geduldigen, freundlichen Busfahrer. Öfter als man denkt. Vielleicht stellen sie sogar die Mehrheit. Nur merkt man es ihnen nicht immer gleich an, und manchmal geht ihre Freundlichkeit im Lärm des Alltags einfach unter. Denn der Job ist hart, die Strecke lang, die Luft stickig – und nicht jeder Fahrgast ist ein Ausbund an Höflichkeit.

Was die genannten Typen trotz aller Unterschiede eint? Schnelle Antwort: Keine Zeit. Schon gar nicht für Auskünfte irgendwelcher Art. Sie sind zum Fahren da. Wie sie das tun, das bleibt ihnen selbst überlassen. Und jeder von ihnen hat seinen eigenen, unnachahmlichen Stil. Am meisten verhasst ist ihnen das Anhalten. Das scheint sie geradezu aus dem Konzept zu bringen.

Wie dieser Stil in der Praxis aussieht, lässt sich am besten erleben, wenn man mit einem dieser Fahrer fährt als einer von denen, die jeden Tag hinter ihm Platz nehmen – und doch in seiner Wahrnehmung nicht wirklich vorkommen. Er fährt, als führe er alleine. Nicht im metaphorischen Sinne, sondern ganz buchstäblich: Er blickt nicht in einen vollen Bus, sondern orientiert sich aus seiner ganz privaten Fahrerkabine ausschließlich nach vorne. Rückwärtig gewandte Blicke gelten allenfalls den äußeren Seitenspiegeln und den gegnerischen Bussen, die er als Rivalen versteht – und abhängt.

Ein Kabinett individueller Fremdwahrnehmung

Wer oder was sich innerhalb des Busses hinter dem Fahrer befindet, nämlich bei Vollbesetzung beinahe drei Dutzend Passagiere mit ihren Habseligkeiten, schaukelnd, rutschend und im Sommer fröstelnd unter der arktischen Klimaanlage, gehört für ihn offenbar nicht zur Realität. Dabei könnte er sie durchaus auf drei Innenrückspiegeln und dem Display für die Überwachungskameras sehen. Könnte – würde es ihn interessieren. Als wäre die Trennscheibe zum Bereich der Passagiere nicht aus Plexiglas, sondern aus selektiver Wahrnehmung gefertigt. Die technischen Möglichkeiten zur Wahrnehmung wären jedenfalls vorhanden.

Der größte dieser Spiegel ist direkt über ihm angebracht – ein langgezogenes Rechteck im Querformat, das wie ein privater Flatscreen wirkt, vor allem für die vorderen Sitzreihen. Wer dort sitzt, sieht den Fahrer quasi von schräg oben wie aus dem Himmel: Sein ganzes Haupt im Vollformat, mitunter ein Blick auf die häufig zu sehende Glatze, auch bei jungen Fahrern – ein Modetrend in Israel – und je nach Lichtverhältnissen sogar jede einzelne Regung des Gesichts im Detail und in Großaufnahme.

Vom Gähnen über das Bohren in der Nase bis hin zu augenreibende Müdigkeit, gelegentlichem Grimassenschneiden oder ausgeprägten motorischen Tics wie Augenzwinkern, Kopfrucken oder Zucken, selten ein Lächeln, denn Busfahren beansprucht volle Konzentration, obwohl der Job viel zu eintönig ist. Selbst aus der letzten Reihe lässt sich die aktuelle Tagesform des Fahrers halbwegs zuverlässig ablesen. Ein Service, den man nicht bestellt hat, aber trotzdem geliefert bekommt. Und manchmal trägt er, so unfreiwillig er auch ist, durchaus zur Unterhaltung bei.

Um seinerseits in diesen Spiegel und damit nach hinten zu blicken, müsste der Fahrer allerdings den Blick nach oben richten – eine Bewegung, die seinem Grundinstinkt zuwiderläuft: Immer geradeaus, niemals zurück. Das ist also nicht nur unpraktisch, sondern auch unvereinbar mit seinem natürlichen Drang zur Vorwärtsbewegung. Die überdimensionierte Frontscheibe liefert ihm ohnehin ein schöneres Weltbild. Was hinter ihm geschieht, muss er nicht wissen. Es könnte ja ablenken. Der Spiegel dient also weniger zur Kontrolle der Fahrgäste als zur unbeabsichtigten Selbstdarstellung: Ein öffentliches Porträt, live und in Farbe, das man nicht ausschalten kann. Manchmal dreht er das Ding deshalb leicht nach oben, damit man nur noch die Decke des Busses sieht. Ein stilles Statement: »Ich lasse mir beim Fahren nicht das Gesicht observieren.«

Zwei weitere Spiegel – ein kleinerer im Querformat über dem Mittelgang und ein runder in der Ecke – vervollständigen das Panorama. Letzterer ist gelegentlich verstellt, weil irgendjemand mit seinem Gepäck dagegen geknallt ist. Oder er fehlt gleich ganz, als sei das Chaos am Einstieg ohnehin schwerer zu überblicken als zu ignorieren.

Bei EGGED jedenfalls sitzt jeder Reisende mit all diesen Spiegeln so gut wie in der ersten Reihe und kommt sich vor wie in einem Spiegelkabinett, welches ja bekanntlich die unterschiedlichsten Bedeutungen haben kann, die im Bus allerdings irgendwie simultan zur Anwendung kommen: Einmal historisch wie in prunkvollen Schlössern nur zur Deko, aber auch als Jahrmarktsattraktion, wo durch vorgetäuschte Wege Verwirrung entsteht; ferner als Lachkabinett, in dem nicht nur verzerrende Spiegel uns zum Schmunzeln bringen; pädagogisch als Experimentierkasten sowohl für Kinder, aber auch für Erwachsene, und schließlich – am interessantesten – psychotherapeutisch, um die eigene Wahrnehmung von sich selbst zu untersuchen oder – typisch »israelisch« – den anderen heimlich beobachten zu können.

Der Bus wird zum Kabinett, präziser: zum Panoptikum der unfreiwilligen »Voyeure«. Das Kameradisplay des Fahrers ist zumindest auch für die vorne sitzenden Reisenden einsehbar. Es zeigt wahlweise den hinteren Ausgang mit der Treppe oder Ansichten des Innenraums. Doch wie gesagt – es müsste den Fahrer interessieren. Tut es aber nicht wirklich. Oder sagen wir, so gut wie nie. Es sei denn, einer der Passagiere macht den Fehler, sich durch schnelle Bewegung oder gar akustische Störung bemerkbar zu machen, dann wird man wahrgenommen. Kurz. Mit Argwohn. Und unter Umständen auch mit Konsequenzen. Dann aber sofort wieder vergessen.

Zuerst der Chef und dann lange nichts

Der israelische Busfahrer nimmt sein Gefährt nicht als öffentliches Verkehrsmittel wahr, sondern als persönlichen Geländewagen mit Langstreckenlizenz: Ein tonnenschweres Ungetüm, das sich durch nichts aufhalten lässt, nicht durch andere Fahrzeuge, nicht durch Einwände und schon gar nicht durch Fahrgäste. Spricht man ihn dennoch einmal an, etwa bei der nächsten Haltestelle, mit einem vorsichtigen »Slicha, efshar lishol …? (»Entschuldigung, darf ich etwas fragen …?«), bekommt man meist keinen Blickkontakt, sondern maximal ein missmutiges Schnauben, denn der Mann hat zu tun: Er muss fahren.

Und wenn er gerade angehalten hat, muss er gleich wieder abfahren, was wesentlich mehr Aufmerksamkeit als das reine Fahren beansprucht, denn es kostet den ablenkenden Blick in den Spiegel am linken Seitenfenster, also nach hinten. Der israelische Busfahrer ist allerdings auf »kadima« konditioniert, also auf »vorwärts«, nicht auf »ahora«, also auf »rückwärts«. Wo kämen wir da sonst hin in Eretz Israel? In seiner Welt bedeutet das: denken, steuern, beschleunigen – einfach ungestört. Schließlich wird in Israel jedem gesagt: »Es geht voran.«

Das Selbstverständnis des israelischen Busfahrers ist das des Kapitäns eines Ozeandampfers: Wer ihm auf der Straße nicht ausweicht, wird zur Seite geschoben – nicht aus Absicht, sondern aus Prinzip. Denn für Ausweichmanöver bräuchte es Spontanität, Kommunikation und Rücksicht. Dafür ist auch keine Zeit.

Die Passagiere? Laut offizieller Definition: seine Kundschaft. Inoffiziell: Unerwünschte Fliegen auf dem Pflaumenmus-Brot – dick geschnitten, mit viel Butter. Nicht dem des tapferen Schneiderleins, sondern dem des Fahrers – nur in seiner Vorstellung. Ein Brot, das er ganz für sich fährt. Die anderen? Stören beim Kauen. Fahrgäste sind lästig – aber eben nur mitzufahren, deshalb heißen sie auch so: lediglich Gäste. Das Wort könnte einen üblen Beigeschmack haben. Im Schwäbischen sagt man nämlich: »Gäste sind wie Fisch: Drei Tage, dann stinkt er. Und dabei heißt es in Joh 11,39 ganz klar: »Herr, er riecht schon, denn er ist vier Tage hier.»

Im Bus in Israel? Da gilt das schon vor dem Ablauf von drei Stunden. Sie mögen ihre Rav-Kav-Karte ordnungsgemäß an den Scanner halten, sich anständig hinsetzen, brav schweigen, ruckeln – oder gar stürzen in ihrer Haltlosigkeit –, schwankend im Mittelgang, wenn der Bus gut gefüllt ist. Doch eines bleibt klar: Hier fährt er. Und alle anderen sind nur dabei.

Keine Frage der Geringschätzung

Im Grunde genommen fährt dieser Bus-Boss eben nur für sich und im Rahmen eines imaginären Wettlaufs gegen die Zeit und gegen die neu aufgekommenen Mitbewerber aus der Branche, vor allem Metropolin und Dan. Vielleicht in einem MAN-Spezialmodell, gebaut für den persönlichen Nahverkehr, nur eben mit sechs Rädern, 33 Sitzen und täglich derselben Route durch die weite Peripherie von Tel Aviv. Die Kontrahenten holen auf. Nicht nur beim Timing, sondern auch beim Marktanteil.

Und wehe, man will plötzlich dazugehören. An der Haltestelle zeigt sich, wie fragil diese Mitfahrgelegenheit sein kann, gerade dann, wenn man den gewünschten Bus auf sich zufahren sieht in der guten Hoffnung, dass er auch anhält. »Steht nicht etwa auch geschrieben« im Brief des Paulus an die Römer: »Eine Hoffnung aber, die gesehen wird, ist keine Hoffnung; denn was einer sieht, was hofft er auch?« Bedauerlicherweise wird diese essenzielle Wahrheit ausgerechnet im »Heiligen Land« Lügen gestraft, weil in Israel noch immer gehofft werden muss, auch wenn wir den Bus schon direkt auf uns zufahren sehen – so, als habe er wirklich vor, anzuhalten.

Denn wenn dich ein Fahrer nicht mitnehmen will, dann ist er entweder gerade erst an dir vorbei gedüst, obwohl du ihm deutlich sichtbar den weit auf die Straße ausgestreckten Arm präsentiert hast, oder er hat dich soeben rausgeschmissen, weil ihm irgendetwas zuwiderlief. Auch das kann tatsächlich passieren, wenn es erforderlich scheint. Manchmal wirst du auch schlicht »übersehen«, denn wenn ein ganzes Rudel Busse an der Haltestelle vorbeirauscht, hat nicht der potenzielle Fahrgast, der gerne zusteigen will, Vorrang, sondern die oberste Priorität ist schlichtweg das Weiterkommen des Kollektivs, also der Insassen, die schon an Bord sind. Es geht zu wie auf der Iffezheimer Galopprennbahn bei Baden-Baden. So ein Bus, der sich gerade um seine Vorreiter-Stellung im Straßenrennen behaupten will, der hält nicht gerne an, schon gar nicht wegen dir.

Da gilt es dann manchmal auch mit einem gewagten, aber wohl überlegten Sprung auf die Straße den im Vorbeifahren befindlichen Bus deiner Wahl noch zum Halten zu zwingen. Ich habe das schon oft so gemacht, vor allem, wenn es der letzte Bus in der Nacht war, der da im fliegenden Schwarm der anderen Busse einfach an mir vorbeiziehen wollte. Dem Bus und seinem »Treiber« ist es egal, ob du die Nacht auf der Parkbank verbringst. Dir sollte das den Einsatz also wert sein, wenn du im eigenen Bett schlafen willst.

Es gibt auch den Fall, dass der Busfahrer aus nicht immer erklärbarem Grund entscheidet, dass sein Fahrzeug jetzt voll ist. Dann hält er auch nicht an, um dich mitzunehmen – und das nicht einmal aus böser Absicht. Es hat, dies sei zum Trost gesagt, immerhin nichts mit dir persönlich zu tun. Der Mensch neigt ohnehin dazu, selbst in der Gleichgültigkeit anderer eine persönliche Beleidigung zu wittern.

Der signifikante Unterschied

Was unterscheidet den israelischen Busfahrer eigentlich von allen anderen Busfahrern auf der Welt? Ist es seine stoische Ruhe im Dauerstau von Tel Aviv? Oder die Fähigkeit, gleichzeitig zu hupen, zu telefonieren, biblisch zu schelten und trotzdem zu überholen? Nein, diese Meisterschaft findet sich zwar nicht überall, aber doch an sehr vielen Orten aller sechs mit dem Bus befahrbaren Kontinente. Es gibt nur eine Antwort – und die hat mit Israels Wehrhaftigkeit zu tun.

Denn wer je mit einem EGGED-Bus unterwegs war und ihn verlässt, als wäre er gerade Achterbahn gefahren, der weiß: Das ist kein gewöhnlicher Fahrer. In seiner Art spürt man sofort, dass dieser ein ehemaliger Panzerkommandant sein muss. Brems-Aktionen wie im Manöver. Anfahren wie beim Sturm auf eine Stellung. Und Kurvenfahrten, als würde er dem Angriff der gefürchteten Lahat-Rakete entkommen wollen, einem Lenkflugkörper der Spike-Familie von Rafael in Haifa. Wer einmal einen Merkava IV-Panzer über unwegsames Gelände gesteuert hat, für den ist selbst ein tonnenschwerer MAN-Bus samt Inhalt nichts als ein launischer Kinderwagen.

Ein besonderes Vergnügen ist es, wenn ich bei nächtlichen Fahrten vom Büro nach Hause den vorletzten oder letzten 347er von Tel Aviv nach Ra’anana nehme – keinen von EGGED, sondern einen von Metropolin –, und ich es mir dann genehmige, den vordersten Platz gleich rechts neben dem Busfahrer zu besetzen. Diese Sitze sind normalerweise für ältere oder körperlich eingeschränkte Personen reserviert. In der Nacht jedoch, wenn der Bus mitunter fast leer aus der Stadt in die Vororte zischt, kümmert es niemanden, wenn auch jung und gesund aussehende Leute dort sitzen. Das Besondere ist dann zum einen die erstklassige Aussicht durch die riesige Panoramascheibe auf die leere Straße und zweitens der Blickkontakt zum Fahrer. Es ist ein ganz eigenes Erlebnis, ihn beim nächtlichen Rasen zu beobachten, wenn der Weg frei ist. Da kommt sie zum Vorschein, die reine Rennfahrer-Natur.

Und du merkst sofort: Ein israelischer Busfahrer ist mit seinem Monstrum von Fahrzeug auf zwei stattlichen Achsen tatsächlich der ungekrönte König der Straße. Ich spreche hier nicht von den bescheideneren Kurzstreckenbussen mit nahezu ebenerdigem Einstieg, sondern von den Riesen, die man über eine schmale, steile Treppe erklimmen muss, weil sich im unteren Bereich des Busses so wie bei einem Flugzeug der Stauraum für voluminöses Gepäck befindet.

»Rasen« ist eigentlich kein angemessener Ausdruck, es gleicht eher einem Rennen gegen einen imaginären Konkurrenten. Und wenn man dem Protagonisten dieser Fahrt nahe genug kommt, riecht man förmlich das Adrenalin, das ihn davon abhält, bei jeder – aus seiner Sicht offenbar überflüssigen – Haltestelle tatsächlich auch anzuhalten. Da ist es dann durchaus zweckdienlich, wenn sich ein entschlossener Kandidat, der bei der nächsten Station auszusteigen wünscht, sich demonstrativ neben den Fahrer postiert, um seinem Anliegen durch körperliche Präsenz Nachdruck zu verleihen. Es ist tatsächlich immer wieder notwendig. Ich habe es selbst erlebt. So weiß der Busfahrer, dass es ernst gemeint ist mit dem Aussteigen und nicht bloß irgendwer versehentlich oder zum Spaß den Halteknopf gedrückt hat.

Die Zauberformel

Und wenn der Fahrer einmal etwas tut, das er besser nicht tun sollte – vergisst, anzuhalten, obwohl du die Taste gedrückt hast; stoppt, aber den hinteren Ausgang verschlossen hält, während vorne der Neuzugang einströmt; an einer Großmutter vorbeirauscht; den Kinderwagen einklemmt; dich aussteigen lässt, aber die Klappe zum Stauraum mit deinem Gepäck nicht öffnet, oder losfährt, während du noch mit halbem Fuß auf der Treppe stehst –, dann passiert etwas. Eine kollektive verbale Reaktion. Schnell wie ein Stromschlag. Kurz, scharf, schallend: »Nahag!« Ein Ruf. Zwei Silben. Kein Kommentar. Gebellt wie ein Befehl. Geworfen wie ein Stein. Gelernt wie ein bedingter Reflex beim Pawlowschen Hund. Und das letzte Wort.

Der Fahrer muss nicht wissen, was er falsch gemacht hat, aber er weiß sofort, dass er gemeint ist. Jeder Busfahrer in Israel hört auf »Nahag«. So, als wäre das der Vorname – für sie alle. Eine Berufung. Ein Ehrentitel. Dabei bedeutet es nur schlicht »Fahrer«. Er lenkt. Er schaut: War etwas? Er stoppt. Er knurrt. Er öffnet. Er gehorcht. Und der Bus, als wäre er personifiziert, tut genau das, worum ihn das fahrende Volk aus einer Kehle schreiend nicht gebeten, sondern was die Menge der Rufenden eingefordert hat – zumindest bis zum nächsten Zwischenfall. Es ist das einzige Wort, das man einem israelischen Busfahrer während der Fahrt überhaupt zurufen darf.

Eines steht fest: Er trägt die Verantwortung für bis zu achtzehn Tonnen rollenden Schicksals. In vielen Bussen findet sich daher ganz vorne der klare Hinweis »Lo ledaber im ha’nahag bisman ha’nesi’a« (»Während der Fahrt bitte nicht mit dem Fahrer sprechen«). Ebenfalls untersagt ist es, im Bus oder zumindest in unmittelbarer Nähe des Fahrers zu telefonieren. Schon gar nicht laut. Was allerdings keineswegs bedeutet, dass es niemand tut. Trotz gut sichtbarer Hinweise, ob als Text oder Symbol, beginnen manche aus reiner Gewohnheit und ganz selbstverständlich ihre Gespräche. Oft auch auf Russisch, Französisch, Spanisch, Englisch – und natürlich Arabisch. Es muss nicht immer Hebräisch sein in diesem Land der aus allen Nationen gesammelten Juden.

Diese Art von kommunikativen Persönlichkeiten zeichnet sich stets durch Respektlosigkeit aus, als sei der Bus ihr Wohnzimmer. Es scheint Menschen zu geben, die in der Situation, in der sie telefonieren, nicht nur die Kontrolle über ihre Lautstärke verlieren – so laut, dass es der ganze Bus mitkriegt –, sondern auch über ihre Schamgrenzen. Als befänden sie sich nicht mehr im öffentlichen Raum, sondern auf einer einsamen Insel alleine mit ihrem vertrauten Gesprächspartner. Anders ist es kaum zu erklären, warum jemand vor aller Ohren im Detail über intimste und sensibelste Dinge spricht. Es ist einfach peinlich. Manchmal ist das Thema auch belanglos, immer aber unfreiwillig öffentlich. Und niemand im Bus hat darum gebeten, Zeuge dieses Seelen-Exhibitionismus zu werden.

Sollte es dem Fahrer zuwiderlaufen – und er allein entscheidet das –, dreht er sich um und knurrt die uneinsichtige Person an. Er kann auch schlagartig seine Stimme heben oder gleich »Tagid li! Ata lo ro’e ma katuv sham?!« (»Sag mal, siehst du nicht, was hier steht?!«) schreien. Spätestens dann sollte eigentlich Schluss sein. Aber die Gattung der digitalen Nahverkehrskommunikatoren ist widerstandsfähig. Einige fühlen sich ertappt, murmeln ein »Beseder, beseder«(»In Ordnung, in Ordnung«) und stecken das Handy ein. Andere lassen es, ganz orientalisch, auf eine Konfrontation ankommen. Sie ignorieren den Protest des Busfahrers solange, bis es knallt. Und das dauert nie lange.

In seinem eigenen Reich der König

Ich erinnere mich gut: In einem mir bekannten Fall durfte eine unbelehrbare Handy-Lady nach einer kurzen, aber heftigen Eskalation schon an der nächsten Haltestelle unverzüglich aussteigen. Mitten im Satz. Der Bus fuhr weiter. Die Verhältnisse waren wieder ein bisschen geordneter. Und der Fahrer? Der griff, nachdem sich die Tür wieder geschlossen hatte und er auf Spur war, ungeniert selbst zum Smartphone, drückte grinsend auf ein Profilbild, war offensichtlich mit einem Kollegen verbunden, und sagte stolz: »Nadav, Shalom, hier ist Rami. Wie läuft’s bei dir im Bus? Du glaubst nicht, was bei mir gerade passiert ist. Ich erzähl’s dir von Anfang an.« Die Passagiere warfen sich verblüffte Blicke zu, die Mundwinkel sanken gen Süden und die Schultern, erst noch hochgezogen, gleich hinterher, als wollten sie sagen: »Nu, was soll’s?«

Der Busfahrer darf während der Fahrt auf keinen Fall abgelenkt werden, schon gar nicht durch sein eigenes Telefonat, das er, nur mit der linken Hand am Lenkrad, seelenruhig führt, während der rechte Fuß unbekümmert das Gaspedal drückt. Das gibt es nur im »Holy Land«, weil andernorts es niemand kennt. »I wanna tell you with a smile: Travel oriental style!« Der israelische Busfahrer befindet sich in der Tat am Steuer seines Gefährts. So jedenfalls sehen ihn gutgläubig die Passagiere. Von sich aus betrachtet, ist er jedoch in Wirklichkeit ganz woanders.

Moshe Gruenbauer ist Kunsthistoriker, Fotograf und Journalist in Tel Aviv und Jerusalem.

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