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Heute vor 80 Jahren: Die Versenkung des Flüchtlingsschiffs Struma

Zum Zeitpunkt der Versenkung der Struma war Harold MacMichael der Hochkommissar im Mandatsgebiet Palästina, das von den Briten für jüdische Flüchtlinge aus Europa praktisch gesperrt war. (© imago images/Photo12)
Zum Zeitpunkt der Versenkung der Struma war Harold MacMichael der Hochkommissar im Mandatsgebiet Palästina, das von den Briten für jüdische Flüchtlinge aus Europa praktisch gesperrt war. (© imago images/Photo12)

Weil die Briten keine Juden in Palästina aufnehmen wollten, mussten an Bord der Struma fast 800 Flüchtlinge sterben.

Vor 80 Jahren, am 24. Februar 1942, versank das Flüchtlingsschiff Struma im Schwarzen Meer, nachdem es von einem Torpedo eines sowjetischen U-Boots getroffen worden war. An Bord waren 781 Juden aus Europa, darunter 103 Kinder, die vor dem Holocaust nach Palästina hatten fliehen wollen, zehn Besatzungsmitglieder und der Kapitän. Diese Zahlen sind nicht völlig verlässlich, es können einige mehr oder weniger gewesen sein.

Bis auf eine einzige Person ertranken oder erfroren alle sich an Bord befindlichen im kalten Wasser. Der einzige Überlebende der Schiffskatastrophe war der damals 19 Jahre alte David Stoliar. Das seeuntüchtige Schiff, dessen Motor funktionsuntüchtig geworden war, wurde versenkt, nachdem es zuvor von den türkischen Behörden vom Istanbuler Hafen in ein Gebiet außerhalb der türkischen Gewässer geschleppt und dort seinem Schicksal überlassen worden war.

Lange Geschichte

Die Struma war ein hölzernes Segel- und Dampfschiff, das 1867 in England als Luxusyacht mit dem Namen Xantha für eine englische Herzogin gebaut wurde. Im Lauf seiner 75-jährigen Geschichte hatte es zahlreiche Besitzer in verschiedenen Ländern, die ihm immer wieder neue Namen gaben – Struma war lediglich der letzte von vielen. Das Schiff wurde mehrmals umgebaut und dabei zweimal verlängert. Ursprünglich war es 35 Meter lang, zuletzt 45 Meter.

Auch die Nutzungsart änderte sich im Lauf der Zeit. Als das Schiff nicht mehr als Yacht genutzt wurde, wurde es zum Handelsschiff degradiert; in den 1930er Jahren war es in Griechenland und Bulgarien als Viehtransporter im Einsatz. Der letzte Reeder, der die Struma besaß, war ein Grieche namens Jean D. Pandelis. Im Dezember 1941 war die rumänische Stadt Constanța am Schwarzen Meer als Heimathafen der Strum« registriert und fuhr unter panamaischer Flagge.

Rumänien unter dem damaligen Diktator Ion Antonescu war mit Deutschland verbündet. In den von Antonescu kontrollierten Gebieten wurden auf dessen Befehl zwischen 280.000 und 380.000 Juden ermordet. Die Struma wurde, weil nicht mehr seetüchtig, von den rumänischen Behörden nicht beschlagnahmt. Diktator Antonescu genehmigte auch ihr Auslaufen aus dem Hafen von Constanța. Rumänien erteilte damals gegen Geld Ausreisevisa, auch für Juden. Das Reiseziel der Struma wurde nicht geheim gehalten: Es war eine offizielle »Reise nach Palästina«, von Constanța nach Haifa.

Ein Zwischenstopp in Istanbul war von Reeder Pandelis geplant, weil die Passagiere dort angeblich die Einreisevisa für Palästina erhalten würden. Pandelis wusste aber, dass solche Visa nicht erteilt wurden. Für die Fahrt wurde in rumänischen Zeitungen ab September 1941 Reklame gemacht. Anfangs kostete ein Ticket 30.000 rumänische Lei (das sind heute ca. 100 Euro), bis zum Tag der Abfahrt verzehnfachte sich der Preis.

Am 9. Oktober 1941 sandten britische Geheimagenten in Rumänien Informationen über die geplante Reise an den britischen Hochkommissar in Palästina, Sir Harold MacMichael: Ein Schiff namens Struma plane, mit Hunderten jüdischen Flüchtlingen von Constanța abzulegen und mit Ziel Palästina in See zu stechen.

Nicht seetüchtig

Vor der Ausreise beschlagnahmte der rumänische Zoll sämtliche Wertsachen der Passagiere. Nur ihre Eheringe durften sie behalten. Schon beim Auslaufen des Schiffes am 12. Dezember funktionierte der Motor nicht, eine Maschine der Mannheimer Werke Benz & Cie., die mutmaßlich von einem Schiff stammte, das einmal in der Donau gesunken war. David Stoliar, der einzige Überlebende, berichtete später:

»Nachts verließen wir Constanța. Wir wurden von einem Schlepper, einem rumänischen Schlepper, aus dem Hafen gezogen, und als sie uns aufs Meer brachten, kappten sie die Verbindung und fuhren zurück. Dann haben wir versucht, den Motor zum Laufen zu bringen, es fiel uns sehr, sehr schwer, den Motor zum Laufen zu bringen.«

Der Motor habe gestottert, sei dann aber wieder abgestorben. So sei es die ganze Nacht über gegangen. Schließlich habe der bulgarische Kapitän, Grigori T. Garabatenko, eingesehen, dass er SOS-Rufe absetzen musste. Dasselbe rumänische Schleppboot, das die Struma aufs Meer gezogen hatte, sei dann wiedergekommen, so Stoliar. Die Crew erklärte, dass der Motor repariert werden müsse – das würde aber Geld kosten.

»Also haben wir erklärt, dass wir überhaupt kein Geld mehr haben, weil der Zoll uns alles abgenommen hatte, was wir besessen hatten.«

Die Besatzung des Schleppers forderte deshalb alle Eheringe, welche die Passagiere noch in ihrem Besitz hatten. Stoliar weiter:

»Ich hatte keinen, aber viele, viele, viele Leute hatten einen. Also sammelten wir alle Eheringe bei den Leuten ein und gaben sie der Besatzung dieses Schleppers.«

Irgendwann sprang der Motor an und die Struma fuhr Richtung Türkei. Der Schlepper begleitete das Schiff bis kurz vor die türkischen Gewässer und drehte dann bei.

Die Bedingungen an Bord des überfüllten Schiffs waren von Anfang an menschenunwürdig. Die Kabinen waren winzig, es gab keinerlei sanitäre Einrichtungen und nur an einem Ort des Schiffs Trinkwasser. Den Passagieren wurde befohlen, sich so wenig wie möglich zu bewegen, weil das Schiff sonst Schlagseite bekäme und kentern könnte, erinnerte sich Stoliar. Man habe sich nicht waschen können, selbst das Trinken sei schwierig gewesen. Waren Passagiere an Deck, seien sie von der Besatzung geleitet worden, um eine Schlagseite zu vermeiden.

Am 14. Dezember erreichte die Struma türkische Gewässer. Kurz darauf, am 15. Dezember, sichtete die Besatzung eine im Wasser treibende Mine. Der Kapitän vollführte ein Ausweichmanöver. Dabei fiel der Motor wieder aus – und ließ sich nicht mehr starten.

Die Struma wurde in die Nähe des Hafens von Istanbul geschleppt, aber nicht in den Hafen selbst, was die türkische Küstenwache genau kontrollierte. Der Motor sollte so schnell wie möglich repariert werden, denn die türkischen Behörden wollten das Schiff und seine menschliche Fracht loswerden. Am 20. Dezember verhängten die türkischen Behörden eine Quarantäne über das Schiff. Die Maßnahme hatte keinen medizinischen Grund und ging auch nicht mit dem Hissen der entsprechenden Flagge einher. Es sollte einfach keiner der jüdischen Flüchtlinge türkischen Boden betreten oder unkontrolliert Kontakt mit der Bevölkerung aufnehmen. Die einzigen jüdischen Flüchtlinge, die der Türkei damals willkommen waren, waren Ärzte und Wissenschafter. (Das durften durchaus auch Literaturwissenschafter sein: So emigrierten die berühmten deutsch-jüdischen Romanisten Leo Spitzer und Erich Auerbach beide nach Istanbul – Spitzer 1933, Auerbach drei Jahre später – und übernahmen an der dortigen Universität Lehrstühle für Philologie.)

»Wir brauchen diese Leute nicht in Palästina«

Der Motor der Struma ließ sich, wie sich herausstellte, trotz aller Bemühungen türkischer Mechaniker nicht mehr reparieren. Die Regierung hatte den Transport von Flüchtlingen auf ihrem Territorium zwar verboten, war aber bereit, bei der Entsendung nach Palästina zu helfen, wenn die Briten zustimmen würden, sie aufzunehmen. Der britische Botschafter in Istanbul schickte dem Außenministerium einen Vorschlag, »den Flüchtlingen den weiteren Weg nach Palästina zu gestatten, wo sie trotz des illegalen Status menschliche Behandlung erhalten könnten«.

Der britische Außenminister Anthony Eden brachte seine »Enttäuschung« über die Position des Botschafters zum Ausdruck und stellte fest, dass »wir diese Leute in Palästina nicht brauchen«. Der Hochkommissar von Palästina, Sir Harold MacMichael, sagte, dass viele der Flüchtlinge auf der Struma nicht »Ausübende der notwendigen Berufe« seien und ein »kontraproduktives Element in der Bevölkerung« bilden würden. Es sei zudem notwendig, »das Eindringen von Nazi-Agenten unter dem Deckmantel von Flüchtlingen zu verhindern«. Auch und nicht zuletzt Kolonialminister Walter Edward Guinness (Baron Moyne) war entschlossen, auf keinen Fall ein Schiff oder dessen Passagiere nach Palästina zu lassen. Das Kolonialministerium wäre für das Erteilen der Visa verantwortlich gewesen.

Nach zehn Tagen vor dem Hafen Istanbuls waren alle Essensvorräte an Bord der Struma aufgebraucht. Die Istanbuler Polizei brachte ein Minimum an Lebensmitteln, hinzu kamen Spenden der jüdischen Gemeinde Istanbuls, organisiert von deren Leiter Simon Brod. Wegen der Quarantäne-Anordnung konnten die Spenden nur unter großem bürokratischem Aufwand an Bord gebracht werden: Dazu bedurfte es einer »Exportgenehmigung« der Regierung. Rumänische Ärzte unter den Flüchtlingen richteten an Bord eine provisorische Krankenstation ein. Wie katastrophal die Zustände auf dem völlig überfüllten Schiff waren, kann sich jeder ausmalen. Auf einer Postkarte vom 14. Februar 1942 schrieb ein Passagier:

»Meine Liebe,

zusammen mit vielen anderen Auswanderern bin ich nun seit gut zwei Monaten an Bord der Struma an der Istanbuler Küste, ohne Verbindung zur Außenwelt, unter schrecklichen Bedingungen und mit düsteren Aussichten. Meine Bitte: Tue alles, um uns zu retten (…) unsere Lage ist völlig verzweifelt, aber wir glauben, dass wir bald unser endgültiges Ziel erreichen werden.«

Zehn Wochen lang diskutierten die türkische und die britische Regierung, was mit dem Schiff und den fast 800 Menschen an Bord getan werden soll. Die Haltung der türkischen Regierung war, es nach Palästina weiterreisen zu lassen, wenn die Briten dem zustimmten. Anderenfalls werde sie es zurück aufs Schwarze Meer schleppen. Am 28. Dezember 1941 übermittelte der britische Botschafter in Ankara einen Brief an das türkische Außenministerium: »Unumstößliche britische Position bekräftigt. Keine illegale Einreise möglich.«

Kolonialminister Guinness hatte den britischen Botschafter instruiert: »Wir werden die jüdischen Flüchtlinge nicht nach Palästina lassen; lassen Sie die Türken ihre ursprüngliche Absicht umsetzen, das Schiff zurück aufs Schwarze Meer zu schleppen.« Es gebe »keinen guten Grund, warum die Türken die Maßnahme, die sie selbst vorgeschlagen haben, nicht ergreifen sollten«. Noch am 20. Februar 1942 bekräftigt die britische Regierung gegenüber der Türkei, dass die Passagiere der Struma nicht nach Palästina weiterreisen dürften.

Der letzte Tag

Am 23. Februar zogen türkische Schlepper das Schiff in internationale Gewässer. Zuvor hatte der Kapitän den Befehl bekommen, mit seinem Schiff die türkischen Gewässer zu verlassen – wozu er freilich wegen des kaputten Motors nicht in der Lage war. 80 türkische Polizisten gingen an Bord der Struma, um die verängstigten und aufgebrachten Passagiere unter Kontrolle zu halten. Unter dem Schutz der Polizei kappten türkische Handwerker die Ankerkette. Das dauerte etwa eine Stunde.

Fünf oder sechs Stunden lang wurde die Struma von Istanbul durch den Bosporus ins Schwarze Meer geschleppt. Die Flüchtlinge an Bord protestierten weiter, auch mit Transparenten, auf denen »SOS« und »Rettet uns« stand. Knapp 40 Kilometer von Istanbul entfernt wurde die Struma schließlich sich selbst überlassen, ohne Wasser, ohne Lebensmittel, ohne ein funktionierendes Funksystem und mit einem kaputten Motor.

Am 24. Februar um 4.15 Uhr ließ der Kapitän des sowjetischen U-Boots SC-213, der rumänischstämmige Oberleutnant Denezhko, einen Torpedo auf die Struma abfeuern. Stalin hatte den Befehl erteilt, alle feindlichen und neutralen Schiffe zu versenken. Um 4.16 Uhr traf der Torpedo das Schiff, das sofort explodierte und innerhalb von wenigen Sekunden sank. Ein Teil der Passagiere ertrank in den Kabinen; andere klammerten sich an im Meer herumschwimmenden Wrackteilen.

Keine Rettung

Um 4.17 Uhr meldeten Mitarbeiter der türkischen Küstenwache in den Orten Reba und Şile die Explosion, Rettungsmaßnahmen wurden aber keine eingeleitet. Viele Überlebende der Explosion – vielleicht Hunderte –, die an Wrackteile geklammert im kalten Wasser trieben, hätten gerettet werden können. David Stoliar und der Erste Offizier, Lazar Dikof, trieben auf einer Kabinentür auf dem Wasser. Es war noch hell und die türkische Küste in Sichtweite. In der Nacht zum 25. Februar starb Dikof. Stoliar erinnerte sich in einem Interview, das er 2001 der Nachrichtenagentur AP gab:

»Ich dachte, das ist das Ende. Bis zu diesem Punkt hatte ich Hoffnung gehabt. Als ich sah, dass er tot war, verlor ich meine Hoffnung.«

Am Morgen des 25. Februar, mehr als 26 Stunden nach der Explosion, kam ein Fischerboot mit sechs türkischen Fischern zu der Katastrophenstelle. Die Männer retteten David Stoliar. Er wurde an Land gebracht und 48 Stunden später in das Haydarpasa-Numune-Krankenhaus eingeliefert, wo er wegen Erfrierungen und Dehydration behandelt wurde. Ein Schweizer Reporter fragte ihn im Krankenhaus, wer er sei. Stoliar antwortete: »Mein Name ist David Stoliar. Ich war auf der ‚Struma’. Sie wurde in die Luft gejagt. Ich glaube, ich bin der einzige Überlebende.«

Stoliar, dessen Vater, ein Textilfabrikant, das Ticket für die Struma gekauft hatte, um ihn vor dem Holocaust zu retten, erfuhr nach dem Krieg, dass seine Mutter nach Auschwitz deportiert und ermordet worden war. Sein Vater überlebte den Holocaust und wurde nach dem Krieg in Israel wieder mit seinem Sohn vereint. David Stoliar hatte nach einer 70-tägigen Haft in einem türkischen Gefängnis letztlich doch noch legal nach Palästina weiterreisen dürfen.

1943 trat er der jüdischen Brigade der britischen Armee bei, kämpfte in Ägypten und Libyen. 1948 kämpfte er im israelischen Unabhängigkeitskrieg. 1971 ließ er sich im US-Bundesstaat Oregon nieder und starb am 1. Mai 2014 im Alter von 91 Jahren in Bend, Oregon.

Vor verschlossenen Türen

Warum mussten fast 800 Menschen an Bord der Struma sterben, wo sie doch von Istanbul nach Palästina hätten weiterreisen können? In jenes Land also, das der Rat des Völkerbunds (der vergleichbar war mit dem heutigen UN-Sicherheitsrat) am 22. Juli 1922 Großbritannien zur Verwaltung übergeben hatte, mit der Maßgabe, dort die »nationale jüdische Heimstätte« zu gründen, in »Anerkennung der historischen Verbindung des jüdischen Volkes zu Palästina und der Gründe, die dafür sprechen, dort die nationale Heimstätte [der Juden] wiederherzustellen«.

Die britische Regierung war wortbrüchig geworden. Unter dem Eindruck der von Großmufti Amin al-Husseini in Palästina provozierten antijüdischen Gewalt trachtete Großbritannien danach, die jüdische Einwanderung nach Palästina zu stoppen. David Ben-Gurion hatte im April 1939 in einem Brief an seine Frau Paula die britische Strategie beschrieben: »Selbst wenn Großbritannien uns in Palästina Ärger macht, ist es undenkbar, dass die Juden auf Hitlers Seite gehen. … Nicht so die Araber. Sie müssen gekauft werden, weil sie es sich leisten können, auf Hitlers Seite zu sein.« Der britische Premierminister Neville Chamberlain betonte in einer Kabinettssitzung am 20. April 1939, es sei von »großer Wichtigkeit, dass wir die muslimische Welt auf unserer Seite haben«. Er fügte hinzu: »Wenn wir eine Seite vor den Kopf stoßen müssen, dann lasst uns lieber die Juden vor den Kopf stoßen als die Araber.«

Der Untergang der Struma schockierte Juden in aller Welt. Im britischen Mandatsgebiet Palästina hängten Mitglieder jüdischer Untergrundorganisationen Plakate auf, auf denen der britische Hochkommissar Harold MacMichael als Mörder bezeichnet wurde. Lord Wedgwood, ein Abgeordneter des britischen House of Lords, sagte bei einer Parlamentsdebatte am 9. Juni 1942, Großbritannien habe seine Verpflichtungen nicht eingehalten. Er drängte darauf, das Mandat des Völkerbunds über Palästina an die USA zu übertragen. Berichten zufolge sagte er:

»Ich hoffe, dass ich es noch erleben werde, wie diejenigen, die die Struma-Fracht an die Nazis zurückschickten, Seite an Seite mit ihrem Prototyp und Führer, Adolf Hitler, aufgehängt werden wie Haman.« (Anmerkung: Haman ist im biblischen Buch Esther der höchste Beamte des persischen Königs Ahasveros und stiftet diesen dazu an, die Ermordung aller in Persien lebenden Juden anzuordnen. Das wird von Königin Esther – die selbst Jüdin ist –, verhindert; stattdessen wird Haman aufgehängt).

Der jüdisch-britische Schriftsteller Emanuel Litvinoff (1915–2011), der Pazifist gewesen war, sich aber 1940 freiwillig zur britischen Armee gemeldet hatte, um gegen die Nazis zu kämpfen, verfasste nach der Versenkung der Struma ein Gedicht, in dem es heißt: »Heute ist mein Khaki (die britische Armeeuniform; S. F.) zum Abzeichen der Schande geworden.«

David Stoliar gab in den Jahren vor seinem Tod noch etliche Interviews, u. a. 2013 für Spiegel online. Für die Opfer der Struma wurde in Bukarest mittlerweile ein Denkmal errichtet, initiiert von Max Ludovik, der seine beiden Söhne Eduard und Emanuel bei der Katastrophe verloren hatte. Auch in den israelischen Städten Holon und Ashdod stehen Denkmäler zum Gedenken an die Struma.

Briefe von der Struma

Im Nachhinein mag es verwundern, dass die Flüchtlinge, wie oben erwähnt, auf der Struma Postkarten schreiben konnten. David Stoliar erzählte erklärend dazu:

»An Bord kamen hundert leere Postkarten an, deren Verteilung zu regelrechten Schlägereien führte. Am Nachmittag waren die Leute etwas entspannter und froh, dass sie eine Art Kontakt zur Außenwelt herstellen konnten. Alle drängten sich mit ihren Familien zusammen, um zu besprechen, wie man den kleinen Platz auf den so schwer zu bekommenden Postkarten am besten ausfüllt. Es gab viel zu schreiben, genug, um ein Buch zu füllen, aber wir mussten alles auf einer winzigen Postkarte ausdrücken.

Meines Erachtens wurden in der Geschichte des Briefschreibens, falls es eine solche Chronik gibt, niemals Worte wie ‚schrecklich’ und ‚unerträglich’ mit der gleichen Intensität geschrieben wie damals, als sie verwendet wurden, um unsere Reise, die Schlafkojen, das Essen zu beschreiben und die sanitäre Situation auf dem Schiff. Die Leute schrieben auf Betten sitzend, in Ecken auf Deck, an den Holzwänden. Mit Bleistift, Füller oder einfach mit einem Stock, an dessen Rand sie so etwas wie eine Feder befestigt hatten …«

Auf einer Postkarte, die er am 18. Februar 1942 von der Struma aus verschickte, schrieb der unverheiratete Ökonom Ozias Blank (geboren 1913 in Barlad, Rumänien):

»Meine Lieben,

heute durfte ich Euch ein paar Zeilen schreiben. Ich fühle mich wohl und denke die ganze Zeit an Euch und warte ungeduldig auf den Tag, an dem wir wieder vereint sein können. Ich hoffe, dass dieser Tag nicht lange auf sich warten lässt. Bitte macht Euch keine Sorgen um mich, ich hoffe, dass wir in ein paar Tagen unsere Reise fortsetzen und unser Ziel erreichen können. Dann schreibe ich Euch noch einmal. Mir fehlt nichts, aber ich bin allein … Küsse, mit Liebe, Ozias.«

Literatur:

Douglas Frantz, Catherine Collin: Death on the Black Sea: The Untold Story of the ›Struma‹ and World War II’s Holocaust at Sea, New York 2009.

Hedi Enghelberg: The Last Witness. The Black Sea Sinking Of MV Struma, February 24, 1942 (The Holocaust Series Book 3), Miami 2013.

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