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Vor 40 Jahren: Militärputsch in der Türkei (Teil 2)

Statt den aufstrebenden Islamismus zu bekämpfen, banden ihn die Putschgeneräle in den türkischen Staat ein – und legten so den Grundstein für Erdoğans Triumph.
(Teil 1 finden Sie hier)

Bereits in den ersten Wochen nach dem Putsch vom 12. September 1980 kam es zu über 600.000 Festnahmen. Es traf vor allem die türkische Linke, die nahezu vollständig zerschlagen wurde und sich bis heute von den traumatischen Erfahrungen nicht erholen konnte.

Vielen blieb, wenn sie nicht mit Berufsverboten oder Inhaftierungen konfrontiert waren, nur die Flucht ins Exil übrig. Das bedeutete eine Reise ins Ungewisse, mit der Folge, dass über Jahre an eine Rückkehr aufgrund politischer Verfolgung nicht zu denken war. Nicht wenigen wurde die Staatsbürgerschaft entzogen; oder die Pässe wurden in den türkischen Auslandskonsulaten nicht verlängert; oder sie wurden aufgrund einer unterstellten und nur selten wirklich nachgewiesenen Mitgliedschaft in einer linksterroristischen Organisation zur Fahndung ausgeschrieben. So war erst recht an eine Einreise nicht zu denken, weil sie mit der Gefahr einer Inhaftierung verbunden war.

Wem die Flucht ins Ausland nicht gelang, der musste in den Foltergefängnissen um sein Überleben kämpfen. Die türkische Tageszeitung Cumhuriyet geht von mindestens 171 Personen aus, die unter der Folter starben. Über 160 ungeklärte Todesfälle in Polizeihaft und den Gefängnissen kommen hinzu, darüber hinaus zahlreiche Fälle von Todesfasten, das nach dem Putsch zu einer absurden Protestform ausgerechnet unter Linken wurde.

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Es ist nicht übertrieben, wenn gesagt wird, dass etwa die PKK erst Ende der 1970er Jahre entstand bzw. Geltung erlangte. Viele ihrer Gründungsmitglieder wurden nach dem Putsch im berüchtigten Foltergefängnis in Diyarbakır gefoltert und durch die Tortur dermaßen radikalisiert, dass nach der Entlassung nur die Flucht in die Berge – und damit in den bewaffneten Kampf – zum einzig denkbaren Ausweg wurde.

Geburt des islamischen Kemalismus

Auch wenn alle politischen Parteien und Vereinigungen verboten wurden, entgingen die türkischen Nationalisten, Faschisten und Islamisten den staatlichen Repressalien vergleichsweise glimpflich. Dabei bedienten sich die Putschisten einer Art Doppelstrategie.

So wurden einerseits die islamistische Millî Selamet Partisi (dt.: Nationale Heilspartei, MSP) und die national-faschistische Milliyetçi Hareket Partisi (dt.: Partei der Nationalistischen Bewegung, MHP) wie die anderen Parteien auch verboten. Necmettin Erbakan (MSP) wurde wie Bülent Ecevit (CHP) und Sülyeman Demiral (AP) unter Hausarrest gestellt, während der Führer der MHP Alparslan Türkes für einige Monate ins Gefängnis kam.

Andererseits übernahm die Militärjunta unter der Führung des Generalstabchefs Kenan Evren nicht nur die Staatsführung, sondern vollzog auch eine inhaltliche Annäherung an die Programmatik der Faschisten und Islamisten. So führten sie, um die gesellschaftlich bereits anlaufenden Re-Islamisierungstendenzen unter eigener Kontrolle zu halten, seit Gründung der Republik erstmals die islamische Unterweisung an den Schulen als Pflichtfach auf allen Klassenstufen ein und verankerten diese Pflicht sogar in der neuen Verfassung.

Ein Elternrecht, ihre Kinder von diesem Unterricht freizustellen, gab es nicht. Auch nicht-islamische Schüler, wie jüdische, christliche oder alevetische Kinder, mussten an diesem Islamunterricht teilnehmen und konnten sich davon nicht befreien lassen. Es gab auch keinen Ersatzunterricht für die jeweiligen nicht-islamischen Religionsgemeinschaften.

Schließlich änderte sich auch das staatsoffizielle Atatürk-Bild. Wurde bis 1980 noch ein streng säkulares Porträt von Atatürk gezeichnet und beharrlich an die laizistischen Errungenschaften der Zurückdrängung des Islams aus Staat und Öffentlichkeit erinnert, die mit den Revolutionsgesetzen vollzogen wurden, so dient das neue Bild bis heute zur autoritären Rechtfertigung des reislamisierenden Schwenks.

Beispielsweise wurde behauptet, dass Atatürk die religiösen Schulen nur deshalb geschlossen habe, um die Schüler an staatlichen Schulen religiös zu erziehen; oder es wurde betont, dass doch die Kemalisten der Gründerjahre selbst die Religionsbehörde DIYANET gegründet hätten; oder es wurde hervorgehoben, dass Atatürks Mutter und Ehefrau Latife schließlich Kopftücher getragen hätten und es unter den Anhängern Atatürks nicht verpönt gewesen sei, mit der Staatsführung an islamischen Festen und Gebeten teilzunehmen.

Die 1980er: Blütezeit des Islamismus

Solche vorgeschobenen Legitimierungen der Maßnahmen, die nach 1980 dazu dienten, die erstarkte islamistische Bewegung in den Staat zu integrieren, statt deren Aufstreben mit allen zu bekämpfen, führten Schritt für Schritt in jenen katastrophalen Zustand von heute. Wer sich darüber wundert, wie schnell der türkische Säkularismus unter der AKP-Herrschaft abgebaut wurde, muss sich die 1980er Jahre in Erinnerung rufen. Es war das Jahrzehnt, dass der Reislamisierung von heute die Fundamente legte.

So gab es in der Türkei bis 1980 lediglich in Ankara eine theologische Fakultät. Nach 1980 wurden acht und dann bis Anfang der 1990er Jahre 22 solcher Fakultäten errichtet, und die nicht allein in den islamistischen Hochburgen. Auch die Eröffnung von Korankursen, die in den 1970er Jahren auf der islamistischen Agenda stand, wurde vom Staat vorangetrieben. Zwischen 1980 und 1990 stieg die Zahl von Koranschulen, die nun staatlich statt privat finanziert wurden, um 52 Prozent. Jedes Jahr eröffneten 300 neue Kurse, währenddessen in den 1980er Jahren die Imam-Hatip-Schulen boomten.

Nachdem die Putschisten die Staatsführung mit den Parlamentswahlen vom November 1983 wieder in die zivilen Hände übergeben hatten, und im Nationalen Sicherheitsrat dennoch die Zügel in den Händen hielten, wurde ausgerechnet Turgut Özal zum ersten zivilen Ministerpräsidenten. Seine Mutterlandspartei (ANAP) gewann 45 Prozent der Stimmen.

Özal war Mitglied der halblegalen Bruderschaft Naqschbandīya, einem Sufi-Orden, aus dem bereits in den 1960er Jahren die Milli-Görüs-Bewegung hervorging. Er war schon unter der Militärregierung bis 1983 Wirtschaftsminister, und war also ein Mann erster Wahl, da er die gewünschte Liaison aus Technokrat und islamisch-konservativem Politiker verkörperte. Und so taten die Putschisten auch alles, um seine Wahl sicherzustellen, indem sie neben der Mutterlandspartei Özals nur noch zwei weitere, kaum populäre Parteien überhaupt zur Parlamentswahl zuließen.

Unter Özal nahm die Re-Islamisierung erst recht Fahrt auf. In Schulbüchern etwa, in denen für das Fach „Atatürkcülük“, das bis heute in der achten Klasse ein ordentliches Prüfungsfach ist, zu lesen war: „Der beste Türke ist der muslimische Türke. Der beste Muslim ist der türkische Muslim“. Entsprechend repräsentierte Özal bereits lange vor Erdoğan die islamisch-türkische Identität, auf der die Putschisten die neue Ordnung aufbauten.

Erdoğans Triumph

Erdoğan hatte also bereits Vorgänger, die ihm den Weg bereiteten. Mit Adnan Menderes in den 1950ern, mit Necmettin Erbakan ab den 1960ern und schließlich mit Turgut Özal in den 1980ern musste er lediglich seinen Vorbildern, die Schritt für Schritt eine Re-Islamisierung vorantrieben, folgen.

Dass sein Triumph so überragend ausfiel, ist nicht trotz, sondern mithilfe der Putschisten von 1980 möglich geworden. Sie ebneten ihm den Weg, eröffneten der islamistischen Bewegung nach 1980 den Weg in die Staatsapparate, und als schließlich sein Weg durch die Intervention des Militärs 1997, die zum Sturz Erbakans führte, freigeräumt wurde, konnte er sich als charismatischer Führer in Szene setzen.

Die Ära Erdoğan dürfte also erst dann zu Ende sein, wenn das türkische Militär sich seine historische Schuld vergegenwärtigt. Solange allerdings die türkisch-islamische Synthese als faktische Staatsideologie fungiert, dürften die Zeichen auch für eine Post-Erdogan-Ära nicht besonders rosig aussehen.

Zu Teil 1

Zusätzliche Quellen:

Ali Ekber Doğan (2020): 1980’Lerden 2000’Lere Türkiye’de İslamcılık Akımı Ve Siyaset. (dt: Die islamistische Bewegung und Politik in der Türkei von 1980 bis in die 2000er). https://noktahaberyorum.com/1980lerden-2000lere-turkiyede-islamcilik-akimi-ve-siyaset.html#.X1k4JPn7TZ1https://noktahaberyorum.com/1980lerden-2000lere-turkiyede-islamcilik-akimi-ve-siyaset.html#.X1k4JPn7TZ1

Halil Magnus Karaveli(2008): In the Shadow of Kenan Evren. https://www.turkeyanalyst.org/publications/turkey-analyst-articles/item/135-in-the-shadow-of-kenan-evren.html

ArifeKöse (2019): Türk-İslam Sentezi ve AKP. (dt.: Die Türkisch-Islamische Synthese und die AKP) https://yakindoguyazilari.com/arife-kose-yazi-turk-islam-sentezi-ve-akp/

Günter Seufert (1997): Politischer Islam in der Türkei. Stuttgart: Franz Steiner Verlag.

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