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Vom Marxismus zum Postkolonialismus

Manichäisches Weltbild voller Eindeutigkeiten: Israel ist der Bösewicht der postkolonialen Weltanschauung
Manichäisches Weltbild voller Eindeutigkeiten: Israel ist der Bösewicht der postkolonialen Weltanschauung (© Imago Images / aal.photo)

Das manichäische Weltbild des antiimperialistischen Marxismus samt seinen antisemitischen Implikationen reproduziert sich im postkolonialen Dualismus zwischen Westen und »globalem Süden«.

Waren in den Siebzigerjahren noch neomarxistische Denkansätze an den Universitäten und in den sozialen Bewegungen auf dem Vormarsch, um nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus dann an Bedeutung zu verlieren, gewannen in den letzten Jahren postkoloniale und poststrukturalistische Theorieansätze immer mehr an Einfluss. Das Bild, das Vertreter dieser Ansätze von Antisemitismus, Holocaust und Zionismus zeichnen, weist systematische Verzerrungen und Verdrehungen auf.

Die Juden sind für Karl Marx weniger ein Volk als eher eine Art Kaste mit einer speziellen Funktion in der kapitalistischen Gesellschaft. Im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung würden sie sich als Einheit auflösen, womit sich das Antisemitismusproblem von selbst lösen würde, so die Theorie.

Da die Juden zum Zeitpunkt der Entwicklung der Nationalitätentheorie unter Lenin und Stalin kein eigenes Territorium hatten, wurde der Zionismus als jüdische Nationalbewegung abgelehnt. Während nationales Gedankengut in industrialisierten Staaten als Ablenkung vom Klassenkampf abgelehnt, wird der Befreiungsnationalismus als Kampf gegen die herrschenden Nationen verstanden und gutgeheißen. Infolge wird der Nationalismus, oft aus kolonialem, schlechtem Gewissen bei europäischen Intellektuellen, in den von den Kolonialmächten geschaffenen Staaten der Dritten Welt oder des arabischen Raums akzeptiert und unterstützt. Womit wir letztlich vom Antiimperialismus beim Postkolonialismus wären, der durch ein ähnliches binäres Denken in Feindbildern gekennzeichnet ist, das mit antisemitischen Zügen einhergeht.

Im Anschluss an die Arbeiten von Theoretikern wie Edward Said machte dieser Begriff in den letzten Jahren Karriere im akademischen Betrieb. Auch der australische Historiker Dirk Moses, der die Singularität des Holocausts relativiert und ihn in eine Reihe von kolonialen Genoziden stellt, ist in diesem Umfeld angesiedelt und prägt es entscheidend mit.

So gibt Moses einerseits dem Zionismus eine Mitschuld am Holocaust, weil dessen Vertreter durch ihre Politik an der Vorstellung eines mächtigen »Weltjudentums« mitgesponnen hätten, gegen das die selbst kolonisatorischen Nationalsozialisten ihren – dem eigenen Verständnis nach antikolonialen – Abwehrkampf zu führen glaubten. Andererseits wird bei dem australischen Historiker der Hamas-Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 zu einer Verteidigungsaktion gegen den israelischen Kolonialismus, sodass also auch hier der Zionismus die eigentliche Verantwortung für den sich gegen Juden richtenden Terror trägt.

Manichäisches Weltbild

War es ursprünglich im Marxismus der Kampf zwischen Kapitalismus und Sozialismus, ist es heute ein Kampf zwischen Nord und Süd oder kolonial gegen postkolonial. So werden die im Zuge der Entkolonisierung neu entstandenen Staaten dem unterdrückerischen Westen oder den Weißen, zu denen die angeblich von Opfern zu Profiteuren und Tätern gewordenen Juden gezählt werden, in dualistischer Weise gegenübergestellt.

Die Auseinandersetzung zwischen Israel und dem um seine Vernichtung bemühten Islamismus wird zu einer Auseinandersetzung zwischen »weißen Kolonisten« und »indigenen« Palästinensern. Der Kampf zwischen Nord und Süd, zwischen (angeblichen) Kolonisatoren und Kolonisierten, ersetzt so den traditionellen Kampf der Arbeiterklasse gegen die Ausbeuter.

Rassismus wird abgelehnt, aber Hass auf »weiße Siedlerkolonisten«, zu denen die Juden gezählt werden, soll Ausdruck der Emanzipation der Indigenen sein. Theoretiker wie Dirk Moses leugnen die Spezifik des Antisemitismus, dessen historische Entwicklung und grundsätzlichen Unterschied zum Rassismus er ausblendet; denn während der Antisemitismus die Juden als eine verschwörerische Übermacht sieht, sieht der Rassismus im Anderen einen unter ihm stehenden Minderwertigen.

Wenn Europas Kolonialgeschichte als zentrale Ursünde gilt, von dem der Holocaust bloß eine – wenn auch extreme – von vielen Ausprägungen sein soll, dann wird die Spezifik der Shoah nivelliert und eingeebnet, deren Charakteristik nur darin bestehen soll, ein Völkermord von Europäern an Europäern gewesen zu sein. Wenn zugleich behauptet wird, die Juden seien danach ins Lager der Unterdrücker übergelaufen, also »weiß« geworden, dann wird dem Holocaust jede Aktualität in der Gegenwart abgesprochen – außer der, dass das europäische Israel ihn angeblich an den indigenen Palästinensern wiederhole.

Als einzige rassistische Manifestation soll jene zwischen dem unterdrückerischen Norden und dem bedrohten Süden von Belang sein, zu dem die Muslime im Allgemeinen und die Palästinenser im Besonderen gezählt werden. Genozide im Süden wie jener in Ruanda, an den Jesiden im Irak, im sudanesischen Darfur oder an den Uiguren in China werden ignoriert.

Der Postkolonialismus geht eine Interessengemeinschaft mit dem politischen Islam ein, wobei an den Islam hinsichtlich des Klerikalismus und der Menschenrechte andere Maßstäbe angelegt werden als etwa an die christliche Seite. Klerikal-faschistoider Islamismus wird quasi als zu akzeptierende kulturelle Eigenheit angesehen und die in Europa geltenden Menschenrechte hinsichtlich religiöser oder sexueller Minderheiten werden für den »globalen Süden« und seine zu achtenden Kulturen für irrelevant erachtet. So ist dann auch das absurde und paradoxe Verhalten islamistenfreundlicher Feministinnen oder der »Queers for Palestine« zu erklären.

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