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Vom Iran unterstützte Milizen verwandeln Irak in neuen Libanon

Iranisch kontrollierte Milizen der "Volksmobilisierung" (Hashd al-Shaabi) versuchen 2019 die US-Botschaft in Bagdad zu stürmen
Iranisch kontrollierte Milizen der "Volksmobilisierung" versuchen 2019 die US-Botschaft in Bagdad zu stürmen (© Imago Images / UPI Photo)

Ähnlich wie im Libanon versucht der Iran im Irak, seine Stellvertreterorgansiationen zu parastaatlischen Machtzentren auszubauen und so Schritt für Schritt die Macht in seinem Nachbarland zu übernehmen.

Der Irak erlebt einen offenen Konflikt zwischen dem Regime und den vom Iran unterstützten Milizen, die darauf abzielen, den Staatsapparat allmählich zu infiltrieren und durch Attentate und Angriffe auf militärische Einrichtungen und ausländische Truppen Chaos zu schaffen, was einem langfristigen sanften Putsch ähnelt.

Im Allgemeinen gibt es eine Partei, die aus dieser Situation als Sieger hervorgeht: der Iran, der die schiitischen Milizen im Irak mit Waffen und Geld versorgt und sie bei den laufenden Atomverhandlungen in Wien mit den Großmächten zwar unter Druck setzt, kurzfristige Einigungen mit der irakischen Regierung zu erreichen, während er langfristig aber plant, dass diese Milizen den Staat kontrollieren und den Irak in einen neuen Libanon verwandeln.

Irakische Tragödie

Den Irak in einen neuen Libanon zu verwandeln bedeutet, dort ein Machtzentrum zu etablieren, das loyal gegenüber dem Iran und in einer Weise bewaffnet ist, die die Bewaffnung der regulären Armee übersteigt. Dieses Machtzentrum soll – ähnlich wie die Hisbollah im Libanon – à la longue alle Bereiche des Staates kontrollieren: die Wirtschaft, die Politik und das Militär, und so dem Iran die vollständige Kontrolle über den Irak garantieren.

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Der irakische Autor Khairallah Khairallah beschrieb diesen Prozess als einen, in dem „sich die schiitischen Milizen in iranische Werkzeuge verwandeln, die dazu benutzt werden, Schritt für Schritt die Kontrolle über den Irak zu erlangen, trotz des Widerstands des irakischen Volkes, einschließlich der arabischen Schiiten, die mit einer Reihe von gezielten Attentaten konfrontiert sind.“

Zu diesen Attentaten gehörte etwa die Ermordung von Hisham al-Hashemi, einem Mitglied des engen Kreises um Premierminister Mustafa al-Kadhimi, im vergangenen Jahr.

Khairallah fuhr fort: „Das aktuelle Kapitel der irakischen Tragödie zeichnet sich dadurch aus, dass dieses Tragödie ein Stadium erreicht hat, in dem das Scheitern des neuen Systems, das die Amerikaner zwischen 2003 und 2004 zu etablieren versuchten, verkündet werden muss. Mit jedem Tag, der vergeht, wird klar, wie nahe dieses Scheitern ist, und wie groß die Schwierigkeiten sind, vor denen Premierminister Mustafa Al-Kazemi steht. Das Ausmaß dieser Schwierigkeiten ist so immens, dass Al-Kazemi nicht zurücktreten kann, wenn er in Zukunft im Irak bleiben will.“

Konfrontation mit dem irakischen Staat

Die „Irakische Hisbollah-Miliz“ (Qataib-Hizbollah) ist der dominanteste Arm des Iran, mit dem er die restlichen schiitischen Milizen und Fraktionen im Irak kontrolliert. Sie ist die wichtigste bewaffnete Formation unter den vielen Milizen der „Volksmobilisierungskräfte“ (Hashd al-Shaabi) und die mysteriöseste und geheimnisvollste dieser Milizen in Bezug auf ihre Organisationsstruktur.

Auf dem Höhepunkt ihrer Macht wurde die Qataib-Hizbollah Miliz vom ehemaligen Chef der „Volksmobilisierungskräfte“, Abu Mahdi Al-Muhandis, angeführt, der zusammen mit dem Kommandeur der iranischen Auslandseinehit der Revolutionsgarden (Quds Force), Qassem Soleimani, bei einem US-Angriff auf den internationalen Flughafen von Bagdad Anfang 2020 getötet wurde.

Trotz ihrer Stärke waren auch die großen pro-iranischen Milizen des Irak gezwungen, etwas leiser zu treten, nachdem die öffentliche Gegenreaktion im Oktober 2019 zu großen Massendemonstrationen gegen den iranischen Einfluss geführt hatte. Nach dem Tod von Qassem Soleimani waren die Milizen waren obendrein von Spaltungen betroffen und wurden vom Iran als schwieriger zu kontrollieren angesehen.


Trotzdem haben die Milizen in den letzten zwei Jahren versucht, die irakischen Behörden in direkten Konfrontationen zu zermürben, obwohl die sie aufgrund des Drucks der Bevölkerung einen taktischen Rückzug an den Tag legten. Zu den prominentesten dieser Konfrontationen gehörte der Versuch der irakischen Qataib-Hizbollah, in Reaktion auf die Verhaftung einiger ihrer Kämpfer eines der Hauptquartiere der Anti-Terrorismus-Einheit in der Grünen Zone Bagdads zu stürmen. Der Versuch scheiterte jedoch.

Die vom Iran unterstützten schiitischen Milizen griffen auch auf die Taktik politischer Morde zurück, um sich an den Aktivisten der gegen die Demonstrationen zu rächen, die Ende 2019 gegen den iranischen Einfluss ausgebrochen waren, und versuchten so, die Iraker einzuschüchtern.

Ein Mitglied der irakischen Menschenrechtskommission, Fadel Al-Gharawi, warnte vor einer gefährlichen Entwicklung, wenn die Serie von Angriffen und Attentaten, die auf die freie Meinungsäußerung abzielt, weitergeht. Er erklärte, dass es seit Beginn der Demonstrationen Ende 2019 in allen Gouvernements des Irak 89 Attentatsversuche und Morde gegeben habe, die auf Aktivisten, Medienschaffende und Blogger abzielten.

Kurzfristige und langfristige Ziele

Zwischenzeitlich hat der Iran eine neue Taktik für seine Milizen im Irak entwickelt, indem er kleinere und besser ausgebildete bewaffnete Gruppen gegründet hat. Laut Reuters sind die kleinen bewaffneten Gruppen weniger anfällig für Infiltration und könnten sich als effektiver dabei erweisen, die neuesten Techniken einzusetzen, die der Iran entwickelt hat, wie z. B. bewaffnete Drohnen.

Diese Gruppen stellen eine große Bedrohung für die amerikanischen Interessen im Irak dar. So starteten sie in der ersten Hälfte dieses Jahres Dutzende von Angriffen, die auf amerikanische Kräfte oder Standorte abzielten, was kürzlich auch eine Antwort der Biden-Administration veranlasste, die ihrerseits Standort der Milizen an der Grenze zwischen dem Irak und Syrien bombardieren ließ.

Ein irakischer Sicherheitsbeamter sagte gegenüber Reuters: „Die neuen Fraktionen sind direkt mit dem Korps der iranischen Revolutionsgarden verbunden und erhalten ihre Befehle von dort und nicht von irgendeiner irakischen Seite.“

Vom Iran unterstützte Milizen führen seit Monaten einen regelrechten (Klein-)Krieg mit den USA im Irak, der von Raketenangriffen bis hin zu mit Sprengfallen versehenen Drohnen reichen – eine Demonstration der Stärke und ein klarer Versuch, die Unterstützung der Bevölkerung durch Propaganda gegen die „US-Besatzung“ zu gewinnen.

Der ägyptische Politikwissenschaftler Amr Ebrahim sagte gegenüber Mena-Watch, dass der Iran versucht, die Milizen zu benutzen, um seine strategischen Ziele zu erreichen, von denen das kurzfristige darin besteht, Druck auf die internationalen Mächte bei den laufenden Atomverhandlungen in Wien auszuüben. Das langfristige Ziel bestehe darin, in einem stetigen und schrittweisen Prozess die Milizen zum Zentrum der Macht im irakischen System zu machen und so die Kontrolle über die Macht im Irak zu übernehmen.

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