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Vom Antizionismus zum Antisemitismus

Antisemitisches Plakat auf einer Demonstration in New York
Antisemitisches Plakat auf einer Demonstration in New York (© Imago Images / ZUMA Press Wire)

Bis vor kurzem sagte man verschämt »Zionisten« und »Israel« statt »Juden«, wenn man seinem antisemitischen Ressentiment Ausdruck verleihen wollte. Das scheint sich zu ändern.

Lange wurden Ressentiments gegen Juden hinter Antizionismus verborgen, so gut es ging. Man hatte »nichts gegen Juden«, sondern »nur gegen Israel«. Seit dem 7. Oktober wird diese Maske mehr und mehr fallengelassen. Immer offener darf gezeigt werden, dass Juden nicht willkommen sind. Jüdische Musiker in Frankreich können nicht mehr auftreten. In Großbritannien werden jüdische Komiker von einem Festival ausgeladen. Ein Kino in Frankfurt will nicht mehr bei den Jüdischen Filmtagen mitmachen, weil es doch möglich sein müsse, »neutral zu sein«. Es werden Anschläge auf Synagogen und einen jüdischen Rettungsdienst in London verübt. Und manche Künstler haben keine Hemmungen, wieder Karikaturen im »Stürmer«-Stil zu zeichnen, in denen Juden als Vampire oder Menschenfresser dargestellt werden.

In der Pariser Metro-Station Buttes-Chaumont – gelegen im 19. Arrondissement – waren am 3. Mai auf großformatigen Wandbildern Darstellungen von Monstern zu sehen, die an der Stelle der Nase Davidsterne hatten. Der Vorfall erregte großes Medieninteresse, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Wie der öffentlich-rechtliche Sender BFM berichtet, handelte es sich um eine nicht genehmigte Ausstellung eines Street-Art-Künstlers, der sich »GoGrazy99« nennt. Mit Kleister hatte er die bezahlten Werbeplakate an den Wänden mit seinen eigenen Bildern überklebt, wie er in einem Video zeigt, das er selbst veröffentlicht hat.

Die Pariser Verkehrsbetriebe (RATP) teilten mit, die Plakate seien umgehend entfernt worden, und bekräftigten, dass sie das unerlaubte Anbringen von Plakaten in ihrem gesamten Netz verurteilten. »Nach jeder Meldung werden Teams mobilisiert, um die Plakate so schnell wie möglich zu entfernen. Die RATP beabsichtigt, Strafanzeige zu erstatten.«

Das im Zuge des 7. Oktober 2023 gegründete Kollektiv gegen Antisemitismus Nous vivrons (»Wir werden leben«) teilte das Video und kommentierte es mit den Worten: »Jeden Tag etwas Neues. Wir hatten bereits ›Zionisten raus aus unseren Universitäten‹, ›Zionisten raus aus unseren Kämpfen‹ (neben so vielen anderen Parolen). Jetzt haben wir: ›Zionisten raus aus unserer Metro.‹«

»GoGrazy99« bestreitet eine antisemitische Absicht und erklärte gegenüber der Tageszeitung Le Parisien, bei dem, was die meisten Betrachter für einen Davidstern halten, handele es sich um Zeichen, die er aus indischem oder japanischem Kontext übernommen habe. Manchmal male er eben Sterne mit fünf, manchmal mit sechs Zacken: »Die fünf Zacken stehen für Dämonen und okkulte Magie. Manchmal stelle ich es auch mit einem sechszackigen Stern dar, was eher auf antike Symbole verweist – hinduistische oder japanische. Zu keinem Zeitpunkt hat die Figur irgendeine Verbindung zum Judentum oder zu Hass auf irgendeine Religion oder ein Volk«, versicherte der Künstler.

Völlig naiv kann er jedoch nicht sein, denn BFM berichtet, dass ihm schon in der Vergangenheit Antisemitismus vorgeworfen wurde, nachdem er im März in der Metro das Bild eines Monsters mit Davidstern plakatiert hatte.

Antisemitismus an der Zapfsäule

In der malerischen ostfranzösischen Universitätsstadt Besançon hat ein Unbekannter unterdessen ein antisemitisches Bild an die Zapfsäulen mindestens einer Tankstelle geklebt. Es zeigt eine dämonisch grinsende, sich die Hände reibende männliche Figur, bucklig, mit riesiger Hakennase und schwarzem Vollbart, vor einer Israel-Flagge. Dazu heißt es in großen Lettern – offenbar mit Bezug auf den Benzinpreis: »Ist das teuer? Danke, Israel.«

Ein Autofahrer fotografierte den Sticker, postete das Bild in den sozialen Medien und kommentierte: »Heute Morgen hielt ich an der Avia-Tankstelle in der Rue de Vesoul an, um zu tanken. Man stelle sich meine Überraschung vor, als ich einen Aufkleber mit widerlichen Untertönen bemerkte, der direkt auf den Zapfsäulen angebracht war. Ich habe diesen Horror fotografiert, um in meinem Umfeld und meinen Netzwerken breitflächiger davor zu warnen – damit wir alle wachsam bleiben und diese abscheuliche Propaganda entfernen können.«

Kongresskandidatin warnt vor »Fake-Juden«

Wie ernst die Lage weltweit ist, zeigt sich daran, dass selbst die linke New-York-Times-Kolumnistin und »Israelkritikerin« Michelle Goldberg diese Woche warnte, dass bei den Wahlen zum US-Kongress im November eine Antisemitin auf dem Ticket der Demokraten ins Repräsentantenhaus einziehen könnte. Sie meint natürlich nicht Ilhan Omar oder jemand anderen aus dem »Squad« – die sind ihre Verbündeten. Die Rede ist von der Sexualtherapeutin und Wohnraumaktivistin Maureen Galindo, die bei den Vorwahlen der Demokraten im März in ihrem Wahlbezirk in San Antonio, Texas, überraschend Erste wurde und am 26. Mai in die Stichwahl geht.

Goldberg weist auf ein Facebook-Video hin, in dem Maureen Galindo fantasierte, Evangelikale und Juden würden zusammenarbeiten, um »so schnell wie möglich« die »Entrückung« herbeizuführen. Mit »Entrückung« ist die auf eine Stelle beim Apostel Paulus gründende Idee gemeint, dass gläubige Christen plötzlich von der Erde genommen und zu Gott gebracht würden, bevor oder während einer Zeit großer Katastrophen und göttlicher Gerichte. Popularisiert wurde diese Vorstellung durch die Verfilmung des christlichen Endzeit-Thrillers »Left Behind«.

Galindo sagt: »All die Juden, denen Hollywood gehört, nutzen Bücher und Filme, um Realitäten zu erschaffen.« In einem aktuellen Post schreibt Galindo: »Milliardenschwere Zionisten steuern die Netzwerke des Menschen-, Drogen- und Waffenhandels. San Antonio und Südtexas sind ein riesiger Hotspot für den illegalen Handel.«

Immer wieder behauptet Galindo, heutige Juden seien in Wahrheit gar keine Nachfahren der Juden der Bibel. Als Antwort auf zwei Fragen, die Goldberg ihr per E-Mail sandte, habe sie, so Goldberg, auf Offenbarung 3,9 verwiesen: »Siehe, ich werde einige schicken aus der Versammlung des Satans, die sagen, sie seien Juden, und sind’s nicht, sondern lügen.« Wenn sie den Einzug in den Kongress schaffe, habe Galindo gegenüber Goldberg erklärt, werde sie ein »Gesetz einbringen«, das festschreibe, »dass jegliche Unterstützung des Zionismus antisemitisch ist, da es buchstäblich die Zionisten sind, die die Semiten des Nahen Ostens töten.«

Auch der Journalist John Levine bekam Post von Galindo, wie er auf X mitteilt. Sie habe ihm geschrieben: »Ich halte Zionisten-Milliardäre und ihre Marionettenjournalisten für Fake-Juden, die Antisemitismus schüren, um den echten Juden zu schaden und sich an ihnen zu bereichern. Wir müssen den Zionismus beenden, um die Juden und Semiten zu schützen.«

Die Verleumdung, dass viele heutige Juden »keine echten Juden« seien, stammt von Louis Farrakhan, dem Führer der schwarzen nationalistischen Sekte Nation of Islam. Farrakhan hat nie versucht, sich als Antizionist zu verkleiden, sondern hat Hitler gelobt und offen gegen Juden agitiert: »Die mächtigen Juden sind meine Feinde«. Das hat seiner Popularität nicht geschadet, sondern ließ ihn höchstens altmodisch wirken – als jemand, der den neuen Diskurs nicht mitbekommen hat und darum »Juden« sagt statt »Zionisten« und »Israel«. Heute scheint es, dass der antisemitische Diskurs in Teilen zu dieser elementaren Form zurückkehrt.

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