Im Gespräch mit Elisa Mercier berichtet Evelyn Deller, Aktivistin und stellvertretende Vorsitzende des Jüdischen Studierendenverbands Nordrhein-Westfalen, von ihren Erfahrungen mit Antisemitismus im Alltag. Sie erklärt, wie Menschen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft gemeinsam aktiv sein können und kritisiert, dass Solidarität nichtjüdischer Menschen manchmal eher performativ als hilfreich ist.
Elisa Mercier (EM): Welche Erfahrungen mit Antisemitismus machen Sie persönlich in Ihrem Alltag und wie gehen Sie damit um?
Evelyn Deller (ED): Mir begegnet Antisemitismus in meinem Alltag sehr häufig, etwa in Form von Stickern und Graffiti im Stadtbild, an Rucksäcken oder Laptops in der Uni oder auf Toilettenwänden. Besonders in Münster fallen mir Demonstrationen auf, die Propaganda verbreiten, Terror relativieren und offen antisemitische Inhalte zeigen. Es ist erschreckend, dass diese gewaltvolle Sprache noch immer geduldet wird und sich fast niemand daran stört – außer denen, die damit gemeint sind.
Seit dem 7. Oktober 2023 erlebe ich diese Art von Antisemitismus besonders intensiv. Er zeigt sich auch an Initiativen sowie Sportvereinen, dass das Thema Palästina und Antizionismus die Leben von Menschen komplett einnehmen. Sie spielen nicht nur Fußball, sondern verkörpern den Nahostkonflikt auch mit ihrem Trikot. Sie gehen nicht einfach in eine Bar, sie protestieren gegen Coca-Cola und machen Werbung für Palestine Cola. An solchen Aktionen komme ich nicht vorbei, ohne sie mitzubekommen. Manchmal hatte ich Angst, im falschen Restaurant zu sitzen, denn theoretisch könnte jederzeit jemand reinkommen und eine Anti-Cola-BDS-Aktion starten.
Antisemitismus zeigt sich auch darin, dass jüdisches Leben nur unter Polizeischutz stattfinden kann. Viele Aktivitäten meide ich inzwischen aus Angst, betroffen zu sein: Ich gehe seltener zur Uni und meide teilweise den Kunst- und Kulturbetrieb – eine Form des Vermeidungsprinzips, die das Leben leider stark einschränkt.
EM: Welche Unterstützung erhalten Sie von Menschen jüdischer und nichtjüdischer Herkunft?
ED: In jüdischen Strukturen gibt es viele Unterstützungsmöglichkeiten, etwa durch die Beratungsstelle Ofek. Auch habe ich mich schon an Antisemitismusbeauftragte gewandt, wenn ich problematische Veranstaltungen erlebt habe. Viel Halt geben mir zudem Menschen, die links oder antifaschistisch engagiert sind und aktiv Aufklärung gegen Antisemitismus betreiben. Sie organisieren Lesekreise, beobachten Demonstrationen und begleiten Personen, deren Wege etwa an propalästinensischen Kundgebungen oder Demos vorbeiführen. Den größten Halt erfahre ich in der jüdischen Community, weil dort meine Erfahrungen verstanden werden und man meine Situation nachvollziehen kann.
Allies haben die Wahl
EM: In einem Ihrer Artikel, der kürzlich im EDA-Magazin erschien, sprechen Sie über nichtjüdische Unterstützer, sogenannte »Allies«. Was verstehen Sie unter diesem Begriff?
ED: »Allies« meint Verbündete oder Unterstützer, die sich für Juden und gegen Antisemitismus einsetzen. Der Begriff erinnert an die Alliierten des Zweiten Weltkriegs, die gemeinsam gegen den Nationalsozialismus kämpften – damals waren es zeitlich begrenzte Bündnisse. Miteinander verfeindete Kräfte arbeiteten für dasselbe Ziel, standen sich aber danach im Kalten Krieg wieder gegenüber.
Heutige Allies handeln nicht immer uneigennützig. Manche setzen sich vor allem aus eigenen Interessen ein, um sich zu profilieren, und stellen sich teilweise sogar als Betroffene dar, obwohl sie es nicht sind. Dieses Verhalten kann Juden die Sichtbarkeit nehmen und die Unterstützung verzerren. Für mich ist das besonders problematisch, weil die eigentlichen Betroffenen, die bedroht und diskriminiert werden, die Juden sind und nicht diejenigen, die sich eine Rolle als Verbündete an- und ausziehen.
Auch Gojim können von Antisemitismus betroffen sein, etwa, wenn sie als jüdisch gelesen, als Zionisten gebrandmarkt werden oder wenn sie sich für jüdische und/oder zionistische Zwecke einsetzen. Aber sie machen sich nur angreifbar aufgrund ihrer Identifikation mit etwas, das sie selbst nicht sind, also jüdisch, von Antisemitismus bedroht, auf Zionismus angewiesen zum Überleben. Ich kann diese Identifikation nicht ablegen, denn ich bin Jüdin. Ich muss damit leben und klarkommen, was diese Identität alles für Folgen mit sich bringt, während sich andere diese Identifikation bewusst aussuchen können.
EM: In dem Artikel kritisieren Sie, dass Allies fast einen Alleinvertretungsanspruch im Kampf gegen Antisemitismus oder in der Israelsolidarität haben. Können Sie das näher beschreiben?
ED: Problematisch finde ich, wenn Allies nur dann Solidarität zeigen, wenn man die »perfekte Vorlage« liefert, also Ansichten vertritt, die sie abhaken können, und sich sofort abwenden, sobald man eine andere Meinung äußert. Echte Allies sollten die Komplexität von Themen und die Heterogenität der jüdischen Gemeinschaft anerkennen. Es verletzt, wenn Solidarität entzogen wird, sobald man abweichende Meinungen hat oder komplexe Perspektiven einnimmt.
Häufig wird in der öffentlichen Darstellung nur eine einzelne jüdische Stimme benötigt, zum Beispiel jene wie Margot Friedländer, mit der man sich schmücken kann. Friedländer als tote Jüdin kann sich nicht dagegen wehren, dass sie von allen instrumentalisiert wurde. Als Holocaustüberlebende hat sie eine Sonderstellung und wurde immer nur vor diesem Hintergrund gesehen.
Viele Leute, die sich kurz nach ihrem Tod auf Friedländer bezogen haben und betonten, »wie wichtig Schutz jüdischen Lebens ist«, haben vor ihrem Tod häufig nichts gegen Antisemitismus gemacht, und das über alle politischen Spektren hinweg. Diese Erfahrungen verdeutlichen, dass Engagement nur dann aufrichtig ist, wenn es nicht auf Eigeninteresse, Selbstdarstellung oder eine vereinfachte Darstellung jüdischer Perspektiven reduziert wird.
EM: Was sollten Menschen beachten, die gute Absichten haben, aber unsicher sind, wie sie »richtig« unterstützen können?
ED: Diese Menschen sollten vor allem eines beachten: Niemandes Identität berechtigt automatisch dazu, zu allem eine »richtige« Meinung zu haben. Es ist wichtig, sensibel zu sein und zu erkennen, wie viel Projektion oft herrscht, wenn über Juden gesprochen wird. Juden, die anders denken als bestimmte kritische Gruppen, sind nicht »selbsthassend« oder »Kapos«. Solche Begriffe sind verletzend, diskriminierend und im Falle von »Kapos« auch geschichtsrevisionistisch.
Antizionistische Juden beispielsweise haben ihre eigenen Gründe für ihre Haltung: Für sie kann Kritik am Zionismus ein Weg sein, als Juden friedlich in Nahost zu leben. Am Ende sind doch wir alle an Frieden interessiert, ziehen unsere Argumente aber aus häufig sehr unterschiedlichen Quellen. Solange jedoch auf beiden Seiten der Wille zur Dialogbereitschaft da ist und kein Hass, sollte man sich wohlwollend begegnen.
Es ist entscheidend, den Kontakt und das Gespräch miteinander nicht zu verlieren, sich nicht spalten zu lassen und unterschiedliche Perspektiven als valide anzuerkennen. Israel hat für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen, und das sollte respektiert werden. Allies sollten ihr Engagement wertschätzen, gleichzeitig aber darauf achten, wem Gehör geschenkt wird. Jüdischen Stimmen wird oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, obwohl sie wichtige Erfahrungen und Perspektiven einbringen können. Viele Diskussionen oder Podien finden ohne jüdische Beteiligung statt oder es sprechen immer dieselben Personen, nämlich jene, deren Meinungen wohlbekannt und anschlussfähig sind.
Ich selbst finde viele jüdische Stimmen nicht nur problematisch, sondern gefährlich. Gleichzeitig sind diese Stimmen nur deshalb gefährlich geworden, weil sie jeweils aus gojischen Gruppen instrumentalisiert werden. Echte Verbündete hören jüdische Stimmen nicht selektiv und nutzen diese nicht für ihre eigene Agenda, sondern unterstützen uns in unserer Vielseitigkeit: durch Zuhören, durch kein vorschnelles Urteilen und durch das Sicherstellen, dass alle Stimmen gehört und respektiert werden.






