Der Jahresbericht 2026 von Reporter ohne Grenzen zeichnet ein fragwürdiges Bild der Lage der Pressefreiheit in Deutschland. Konkrete Morddrohungen gegen Journalisten erscheinen darin nahezu gleichrangig mit öffentlicher Kritik an als einseitig empfundener Berichterstattung.
Judith Theulé
Einen Tag vor der Veröffentlichung des Jahresberichts 2026 von Reporter ohne Grenzen (RSG) wurde ein Mitarbeiter des Jüdisches Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) Ziel eines Einschüchterungsversuchs. An der Klingelanlage seines Wohnhauses fand er ein rotes Dreieck. Sein Name war mit roter Farbe beschmiert worden. Es sei ein alarmierendes Signal, so die JFDA-Pressemitteilung, wenn ein Mitarbeiter in seinem privaten Wohnumfeld markiert werde. Das rote Dreieck gilt als Symbol, das von der Terrororganisation Hamas zur Kennzeichnung von Angriffszielen verwendet wird.
Menschen, die Antisemitismus dokumentieren und öffentlich machen, dürften nicht selbst zur Zielscheibe werden, betonte JFDA-Sprecher Levi Salomon. Es handle sich auch um einen Angriff auf die demokratische Öffentlichkeit und auf die Arbeit der Zivilgesellschaft. Der Mitarbeiter erstattete Strafanzeige.
Vor diesem Hintergrund wirkte ein Beitrag des Deutschlandfunks zur Pressefreiheit am darauffolgenden Tag bemerkenswert einseitig. Thema war der neue RSF-Report zur Lage der Pressefreiheit in Deutschland. RSF-Pressereferentin Katharina Weiß berichtete von Druck und aufgeheizten Debatten in Redaktionen, insbesondere im Kontext der Nahostberichterstattung. Viele Journalistinnen und Journalisten hätten Angst, »von der Öffentlichkeit falsch verstanden und diffamiert zu werden«.
Ein O-Ton der Kriegsreporterin und RSF-Unterstützerin Sophia Maier machte deutlich, in welche Richtung der Beitrag argumentieren wollte. Der Moderator stellte Maier als eine der wenigen vor, die öffentlich über solche Anfeindungen spreche und darüber, was diese mit ihr machten: »Wenn ich beispielsweise auf das Leid der Zivilbevölkerung aufmerksam machen wollte oder die unverhältnismäßige Kriegsführung der israelischen Armee kritisiert habe – bei diesen Themen habe ich sehr oft lange nachgedacht: Kann ich das jetzt wirklich sagen, kann ich mich so äußern?«
Der Moderator stellte diesen Druck in einen direkten Zusammenhang mit Deutschlands Abrutschen im internationalen Ranking der Pressefreiheit. Der Eindruck, der ein solcher Beitrag hinterlässt: Medienschaffende könnten in Deutschland nicht frei gegen Israel berichten und daher sei die Pressefreiheit bedroht.
Seltsame Einseitigkeit
Dass andere Journalisten nicht darum besorgt sind, »öffentlich an den Pranger gestellt zu werden«, wie es in einem anderen Beitrag des Deutschlandfunks am selben Tag hieß, sondern in Deutschland tatsächlich um Leib und Leben fürchten müssen – davon hört man an diesem Tag nichts. Warum die weitaus heftigeren Bedrohungen aus islamistischen und linksextremen Milieus gegen die Presse nicht beim Namen genannt und teilweise ausgeklammert werden, bleibt ein Rätsel. Bei der rechtsextremen Gefährdung wird hingegen Klartext geredet.
Dass Drohungen gegen andere Journalisten deutlich konkreter sind als ein diffuses unangenehmes Gefühl angesichts öffentlicher Kritik an der eigenen Arbeitsqualität, verschweigt der 34-seitige RSF-Report 2026 nicht vollständig. Allerdings sind es nur fünf Zeilen, die er den Morddrohungen gegen den taz-Redakteur Nicholas Potter widmet. Die Begriffe »Terror« oder »Islamismus« tauchen dabei nicht auf, obwohl die bedrohenden Plakate gegen Potter ebenfalls mit roten Dreiecken markiert waren. So verfestigt sich der Eindruck, dass Bedrohungen aus linksextremen oder islamistischen Milieus für die Pressefreiheit in Deutschland nur eine untergeordnete Rolle spielten.
Deutlich ausführlicher behandelt der Bericht dagegen »Einschüchterungsversuche durch israelische Offizielle« – eine Überschrift, die in roten Großbuchstaben hervorsticht. Als besonders problematisch für die Pressefreiheit beschreibt RSF Kommentare des israelischen Botschafters Ron Prosor und des zeitweiligen Armeesprechers Arye Shalicar in sozialen Medien. Beide hatten die aus ihrer Sicht unausgewogene Berichterstattung über Israel in deutschen Medien kritisiert, insbesondere jene der ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann. Der RSF-Report wettert in diesem Zusammenhang gegen eine »Hetzkampagne« sowie wiederholte öffentliche »Herabwürdigung von Medienschaffenden und Redaktionen in Deutschland«.
Ob der Vorwurf einer einseitigen, verzerrten und daher antisemitischen Berichterstattung inhaltlich begründet sein könnte, untersucht der RSF-Report jedoch nicht. Eine gründliche Auseinandersetzung mit der Arbeit von Sophie von der Tann haben andere übernommen, etwa Tom David Frey in seinem Video »Der Fall Sophie von der Tann: Antisemitismus-Skandal oder Hetzkampagne?« Sachlich belegt er seinen Standpunkt mit zahlreichen ARD-Quellen. Ähnlich hatte es Sarah Maria Sander sogar noch vor dem Skandal rund um die Preisverleihung an Von der Tann in dem Video »Sophie von der Tann – Bericht oder Beeinflussung?« getan.
Wer wirklich gefährdet ist
Andere Journalistinnen und Journalisten erleben allerdings weitaus konkretere und schwerwiegendere Angriffe als bloße Vorwürfe mangelnder Ausgewogenheit. Der langjährige JFDA-Sprecher Levi Salomon berichtet, es werde schwerer, Kolleginnen und Kollegen zu finden: »Viele haben bei uns angefangen, festgestellt, dass wir gute Arbeit leisten, und dennoch bald aufgehört, weil es ihnen unter anderem auf Nahost-Demonstrationen zu gefährlich wurde.« JFDA-Mitarbeitende wurden bei ihrer Arbeit auf Demonstrationen mehrfach bedroht, beleidigt, bespuckt, geschlagen, getreten und geschubst.
Nach Angaben eines früheren RSF-Reports richteten sich 2024 knapp ein Drittel aller physischen Übergriffe gegen die Presse bei Nahost-Protesten gegen einen Fotojournalisten des JFDA. Er arbeitet im Tandem mit dem BILD-Reporter Iman Sefati, der sogar vor seiner Haustür mit einem Messer bedroht wurde. Den Täter kannte er von einer Demonstration. Immerhin verschweigt RSF diese Fakten nicht, aber die Hinweise darauf sind knapp und gehen unter, weil sie an untergeordneter Stelle mitten im Report stehen.
Antisemitismus anzuprangern sowie islamistische Strömungen offenzulegen – das sind die Bereiche, in denen die Presse in Deutschland sehr konkreten Bedrohungen ausgesetzt ist. Deren Intensität ist nicht mit einem gewissen – im besten Falle lernwirksamen – Unbehagen mancher Redaktionen angesichts antisemitismuskritischer Vorwürfe zu vergleichen. Begründete Kritik stilisierte der RSF-Report 2025 sogar als »massive Belastung durch ständige Shitstorms« hoch. Wenn eine NGO wie RSF demokratisch legitime Vorwürfe bereits als Einschränkung der Pressefreiheit einstuft, dann wirkt ihr innerer Kompass deutlich verschoben.
Die angeblichen »Journalisten« im Gazastreifen
In einen antiisraelischen Chor reiht sich RSF außerdem ein, wenn es um die »Tötung von Medienschaffenden in Gaza« geht – ebenfalls unter einer roten Überschrift in Großbuchstaben. Für Berichterstattende sei Gaza »die tödlichste Region der Welt«. Seit Oktober 2023 seien dort fast 220 Menschen aus dem Medienbereich ums Leben gekommen. Einige seien von Israel sogar gezielt getötet worden, prangert der Report besonders scharf an.
Dem RSF-Team scheinen die Beiträge des Autors Salo Aizenberg auf X entgangen zu sein. Dort zeigt er, wie der Palästinensische Islamische Dschihad und die Hamas selbst angebliche »Journalisten« aus Gaza postum mit Fotos und Videos als gefallene Kombattanten und »Märtyrer« öffentlich ehren.
In einem Beitrag fragt Aizenberg etwa das Committee to Protect Journalists, das während des Gaza-Krieges Listen über von Israel getötete »Journalisten« geführt hat: »@pressfreedom Werden Sie Mohamed El Sayed Abu Skheil [aus Ihren Listen] entfernen?« In einem weiteren Post beschreibt er zehn zusätzliche Fälle, in denen die Hamas Pressewesten zur Tarnung ihrer Kämpfer genutzt habe.
Bereits im Dezember 2025 zeigte das Meir Amit Intelligence and Terrorism Information Center, dass rund 60 Prozent der getöteten angeblichen »Journalisten« in Wahrheit Terrororganisationen wie der Hamas oder dem Palästinensischen Islamischen Dschihad angehörten. Dieser Prozentsatz ist seitdem noch deutlich angestiegen, da die Terrororganisationen seither Dutzende weitere »Journalisten« als ihre Mitglieder geoutet haben.
Wird RSF in seinem nächsten Report auf die eigenen seltsamen Fehlgewichtungen eingehen und die wachsende Gefährdungslage für antisemitismuskritische Journalistinnen und Journalisten realistischer einschätzen? Wird sie ihrem Publikum irgendwann noch mitteilen, dass viele der in Gaza getöteten »Medienschaffenden« in Wahrheit Mitglieder von Terrororganisationen waren? Wird RSF auch die Hamas dafür an den Pranger stellen, dass sie mit voller Absicht das Leben von Kollegen in Gefahr bringt, indem sich Hamas-Terroristen als Journalisten tarnen?
All das wäre nicht nur zu wünschen, sondern zur Bewahrung der eigenen Glaubwürdigkeit auch dringend nötig. Wir warten gespannt.






