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Kulturindustrielle Verrohung: Antisemitismus in der Kunstszene

Stefan Hensel im Mena-Watch-Interview über den Antisemitismus in der Kulturszene
Stefan Hensel im Mena-Watch-Interview über den Antisemitismus in der Kulturszene (© Berthold Fabricius)

Im Gespräch mit Jenny Möhlmann analysiert Stefan Hensel, ehemaliger Antisemitismusbeauftragter der Stadt Hamburg, den deutschen Kulturbetrieb in Sachen Israelhass.

Als der syrisch-palästinensische Regisseur Abdallah Alkhatib bei der heurigen Berlinale seinen Silbernen Bären entgegennahm, nutzte er die Bühne für eine Abrechnung: Deutschland sei mitverantwortlich für einen »Völkermord«, so sein Vorwurf, woraufhin er allen drohte, die nicht auf seiner Seite stehen. Der Applaus im Saal war breit, die Festivalleitung war selbst Teil von Alkhatibs Auditorium – und schwieg zu seinen Parolen.

Die anschließenden Reaktionen außerhalb der Berlinale waren gespalten. Kulturstaatsminister Weimer sprach von »Israel-Hass« und will Berlinale-Intendantin Tricia Tuttle entlassen, Kunstschaffende gehen deshalb auf die Barrikaden, Tuttle bleibt vorerst. Was ebenfalls bleibt, ist eine Debatte, die weit über die Grenzen des Kulturbetriebs hinausweist: Über Erinnerungskultur, staatlich geförderte Plattformen und die Frage, wie offen das deutsche Feuilleton gegenüber antisemitischen Mustern wirklich ist.

Der ehemalige Antisemitismusbeauftragte der Stadt Hamburg, Stefan Hensel, beobachtet solche Dynamiken seit Jahren. Im Gespräch ordnet er ein, was der Vorfall über den Zustand des deutschen Kulturbetriebs verrät.

Jenny Möhlmann (JM): Die Rede des Regisseurs Abdallah Alkhatib operierte stark mit einer »Wir gegen die«-Logik. Inwiefern ist diese Struktur ein Warnsignal, das Sie aus anderen Kontexten der Antisemitismusprävention kennen?

Stefan Hensel (SH): Diese Logik ist ein klassisches Muster ideologischer Radikalisierung. Komplexe Konflikte werden auf moralische Lager reduziert. Israel erscheint als kollektiver Täter, Widerspruch gilt als moralisch fragwürdig. Genau diese Struktur kennen wir aus der Antisemitismusprävention. Seit dem 7. Oktober 2023 beobachten wir, wie sich solche binären Erzählungen auch im Kulturbetrieb normalisieren. Es geht nicht um legitime Kritik an israelischer Politik, sondern um Delegitimierung und moralische Totalzuschreibungen. Wenn das auf großen Bühnen Applaus erhält, ist das ein Warnsignal.

JM: Der Begriff »Völkermord« hat eine präzise rechtliche Definition. Wenn ein Preisträger diesen Begriff auf einer öffentlich geförderten Bühne verwendet, ohne dass ein Gericht ihn festgestellt hat: Sehen Sie darin eine Instrumentalisierung des Holocausts als Referenzrahmen und wie wirkt sich das auf die Erinnerungskultur aus?

SH: Der Begriff ist juristisch klar definiert. Wenn er auf staatlich geförderten Bühnen verwendet wird, ohne dass ein internationales Gericht diese Feststellung getroffen hat, wird ein politisches Urteil gesprochen. In Deutschland hat dieser Begriff eine besondere historische Dimension. Solche Zuschreibungen verschieben den Referenzrahmen und entwerten juristische Präzision. Kritik ist legitim. Begriffliche Entgrenzung ist es nicht.

Keine Einzelfälle

JM: Das Festival hat in den letzten Jahren seit dem 7. Oktober 2023 wiederholt ähnliche Bühnenmomente produziert. Kann man an diesem Punkt noch von Einzelfällen sprechen oder eher davon, dass die Berlinale strukturell so aufgestellt sein muss, dass sie diese Art von Auftritten systematisch begünstigt?

SH: Die Berlinale bekommt die größte Aufmerksamkeit. Aber sie ist kein Einzelfall, sondern Symptom. Was wir dort sehen, ist Ausdruck eines Zustands, der sich in der gesamten Bundesrepublik beobachten lässt. Bei kleinen wie bei großen Kulturveranstaltungen ist es vielerorts zur Normalität geworden, dass einseitige israelfeindliche Narrative unwidersprochen Raum erhalten.

JM: Zum Beispiel?

SH: Ein deutliches Beispiel war das Filmfest Hamburg. Bei der Vorstellung des Films Amrum, der keinen Bezug zum Nahen Osten hat, erhielt die antiisraelische Aktivistin Alena Jabarine die Bühne. Sie nutzte die Gelegenheit für politische Statements zur Lage im Gazastreifen und griff Israel scharf an. Die Intervention hatte mit dem Film nichts zu tun. Eine inhaltliche Einordnung durch die Festivalleitung blieb aus.

Auch im Zeise Kino in Hamburg zeigte sich die Problemlage konkret. Am 22. September 2025 wurde dort der Dokumentarfilm Die Möllner Briefe gezeigt. Zu Gast war İbrahim Arslan, Überlebender des rechtsextremen Brandanschlags von Mölln 1992, bei dem er drei Familienmitglieder verlor. Arslan trug ein T-Shirt mit der Darstellung des ehemaligen Mandatsgebiets Palästina in den Farben der palästinensischen Flagge; ein Motiv, das politisch häufig als Symbol für einen Raum ohne Israel verstanden wird.

JM: Wie waren die Reaktionen darauf?

SH: Der Geschäftsführer des Zeise Kinos, Matthias Elwardt, sprach Arslan vorab auf das Motiv an und erklärte während der Veranstaltung öffentlich, dass er diese Symbolik problematisch finde, weil sie das Existenzrecht Israels infrage stellen könne. Es kam zu einer emotionalen Debatte im Saal. Später veröffentlichte Elwardt eine Stellungnahme, in der er sich für seine Wortwahl entschuldigte, zugleich aber bekräftigte, dass Antisemitismus und Hass in seinem Haus keinen Platz hätten. Für diese Position erhielt er erhebliche Kritik. Diese Fälle zeigen, dass wir es nicht mit Ausnahmen, sondern mit einer wiederkehrenden Verschiebung zu tun haben.

Förderrichtlinien

JM: Kulturelle Förderung wird zunehmend zum Schauplatz des Auseinanderfallens der deutschen Staatsräson gegenüber Israel und des Kampfes gegen Antisemitismus. Wird der Kulturbetrieb gezielt als Terrain gewählt, weil dort andere Regeln gelten als im politischen Diskurs?

SH: Der Kulturbetrieb versteht sich als moralische Avantgarde. Genau deshalb ist er attraktiv für politische Inszenierungen. Die Berlinale als auch das Filmfest Hamburg sind mit öffentlichen Mitteln finanzierte Festivals. Es handelt sich nicht um private Veranstaltungen, sondern um große Kulturereignisse, die durch Steuergelder getragen werden. Politische Themen dürfen diskutiert werden. Nicht akzeptabel ist jedoch die Nutzung öffentlich finanzierter Bühnen für einseitige Propaganda oder Narrative, die antisemitische Muster bedienen.

Im selben Land wurde die Kampagne GG 5.3 Weltoffenheit von leitenden Figuren großer Kulturinstitutionen initiiert, um sich gegen verbindliche Antisemitismusauflagen an staatlich geförderten Häusern zu stellen. Das ist Teil desselben Problems.

JM: Förderauflagen für Kulturinstitutionen werden oft mit dem Argument der Kunstfreiheit abgelehnt. Gibt es aus Ihrer Sicht Präzedenzfälle oder rechtliche Konstrukte, die zeigen, dass beides vereinbar ist, ohne in Zensur zu gleiten?

SH: Öffentliche Förderung bedeutet Bindung an die verfassungsrechtlichen Grundlagen dieses Landes. Antisemitismusprävention ist Staatsziel. Daraus folgt Verantwortung.

JM: Wo wird dieses Staatsziel sichtbar?

SH: Wir haben auf Bundes- und Landesebene gute Strategien gegen Antisemitismus. Aber sie sind nur dann etwas wert, wenn sie sich auch konkret in Förderrichtlinien im Kulturbetrieb widerspiegeln. Strategiepapiere allein verändern nichts. Am Ende ist es eine Frage des gesellschaftlichen Willens und der politischen Entscheidungsträger. Wollen wir dulden, dass auf öffentlich finanzierten Bühnen Narrative verbreitet werden, die Israel delegitimieren oder antisemitische Muster bedienen, oder setzen wir klare Grenzen?

JM: Gibt es Vorbilder, an denen wir uns orientieren könnten?

SH: Ein Blick nach Tschechien zeigt, dass es auch anders geht. Dort wird auf Festivals kontrovers diskutiert. Es gibt keine Meinungsdiktatur, wie häufig behauptet wird. Aber der staatliche Rahmen ist klar und die politische wie gesellschaftliche Haltung gegenüber Israel und gegenüber Judenhass ist eindeutig. Diese Klarheit fehlt in Deutschland häufig.

JM: Was wäre für Sie das Zeichen, dass Deutschland aus diesem Vorfall tatsächlich etwas gelernt hat und nicht nur kurzfristig reagiert?

SH: Ein solches Zeichen wäre, wenn es nicht nur zu kurzfristigen Empörungswellen kommt, sondern zu strukturellen Konsequenzen. Das Bild von der Berlinale 2026, auf dem Filmschaffende auf dem roten Teppich eine palästinensische Flagge in die Kameras halten, ist real. Im Zentrum steht Abdallah Al Khatib. Es steht zugleich symbolisch für eine Verschiebung von Prioritäten. Während jüdisches Leben in Deutschland unter Druck steht, inszeniert sich ein Teil des Kulturbetriebs als moralischer Ankläger Israels. Lernen würde bedeuten, diese Entwicklung zu erkennen und politisch zu korrigieren.

Zur Person: Stefan Hensel war von 2021 bis 2025 Antisemitismusbeauftragter der Freien Hansestadt Hamburg und bislang der einzige Jude, der dieses Amt in Deutschland innehatte. Zuvor war er viele Jahre Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hamburg und ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde der Hansestadt. Hensel legte sein Amt freiwillig nieder. Ausschlaggebend dafür waren Bedrohungen, vor allem jedoch seine Einschätzung, dass er mit seinen inhaltlichen Positionen und Warnungen in Politik und Verwaltung nicht mehr ausreichend durchdrang. Trotz guter struktureller Grundlagen werde die Antisemitismusprävention politisch und gesellschaftlich nicht mit der notwendigen Konsequenz verfolgt.

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