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Endspurt im US-Wahlkampf: Trump und Biden ringen um Stimmen aus Israel

Der US-Wahlkampf findet auch in Israel statt – wie hier für Präsident Trump in Jerusalem. (© imago images/ZUMA Wire)
Der US-Wahlkampf findet auch in Israel statt – wie hier für Präsident Trump in Jerusalem. (© imago images/ZUMA Wire)

Wer wird die US-Präsidentschaftswahl gewinnen: Amtsinhaber Trump oder Herausforderer Biden? Die Entscheidung könnte auch an Stimmen aus Israel hängen.

Donald Trump, frisch genesen, fährt kreuz und quer durch Amerika, hält riesige Wahlveranstaltungen, klatscht, schwingt die Hüften, und stellt seinen Anhängern am 3. November, einen „wunderschönen, rotgefärbten“ Sieg der Republikaner im Kongress und natürlich auch im Weißen Haus in Aussicht. Dass er damit den meisten Prognosen widerspricht, scheint ihn nicht weiter zu beeindrucken.

Eindeutige Prognosen, unklarer Ausgang

Führende Umfragen, sowie sämtliche Wett- und Krypto-Plattformen, sagen dem kontroversen Präsidenten bei den Wahlen 2020 eine lawinenartige Niederlage voraus. Das statistische Modell des prestigereichen „The Economist“ gibt Trump lediglich eine einprozentige Chance, die Mehrheit der Wählerstimmen zu gewinnen, und nur eine 10-prozentige Chance, das Wahlmännerkollegium für sich zu entscheiden. Selbst der findige Professor Allan Lichtman, der „Nostradamus der amerikanischen Präsidentschaftswahlen“, der die Ergebnisse der letzten neun Abstimmungen – ja, auch der von 2016 – korrekt vorausgesagt hat, sieht Biden diesmal als den eindeutigen Gewinner.

Kann man den Wahlausgang also wirklich schon vorwegnehmen? Sefi Shaked glaubt das nicht. „Unser Kopf sagt, es wird Biden; unser Bauch tippt auf Trump“, schreibt der internationale Wahlkampfmanager in der Jerusalem Post. Gründe für seine Zweifel gäbe es zuhauf. Etwa das verrückte Jahr 2020, in dem wirklich alles möglich sei. Oder die Tatsache, dass viele Wähler sich schämten zuzugeben, dass sie Trump vorziehen und die Umfrageergebnisse damit verfälschen.

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Vor allem aber, meint Shaked, sei Trump, genau wie 2016, einfach der interessantere Kandidat. „Hunderte Millionen Menschen, jene, die ihn lieben und jene, die ihn hassen, beginnen ihren Tag damit, die Twitter-, Facebook- und Instagram-Posts von Trump zu checken, um zu sehen, was er vorhat – einfach, weil der Typ ein spannender Unruhestifter ist“, erklärt Shaked. Niemand würde hingegen Bidens Social-Media-Seiten gleich frühmorgens neugierig überprüfen. Laut Shaked sei es heute wichtiger, eine interessante Kampagne zu fahren, als sich für die „gute Sache“ einzusetzen.

Klassische Führungskraft versus Social-Media-Influencer

Geschickter sei es auch, eine Story zu erzählen, die viel Aufmerksamkeit erregt und einen besser aussehen lässt als seinen Gegner. Dieser Tipp scheint einem Trump-Lehrbuch entnommen, denn der amtierende Präsident weiß sogar seine jüngste Corona-Erkrankung zu nutzen, um sich entsprechend gegen Biden in Szene zu setzen. Man denke nur an den spritzigen Auftritt des aufgeputschten Präsidenten, der den 74-Jährigen im Vergleich zu seinem verhaltenen 77-Jährigen Kontrahenten geradezu jung, stark und vital erscheinen lässt.

Ob die Trump’sche-Strategie letztendlich aufgehen wird, bleibt allerdings fraglich. Es wird, so sinniert Shaked, darauf ankommen, ob die „Welt zu Führungskräften der alten Schule zurückkehrt“ oder ob fortan, „der ultra-provokative Social-Media-Influencer“ das Rennen machen wird.

Kopfschütteln in Israel

Auch in Israel wird heftig über den Wahlausgang diskutiert – und nicht selten über die Amerikaner der Kopf geschüttelt.

Wie sei es möglich, so der Tenor bei politischen Diskussionen im Freundeskreis, dass das große Amerika mit seiner Vielzahl brillanter, allseits-bewunderter Köpfe, ausgerechnet diese beiden Kandidaten in den Ring schickt? Auch über ihre amerikanischen Glaubensgenossen runzeln Israelis die Stirn. Knapp zwei Drittel von ihnen würden laut einer Umfrage von i24 Trump den Vorzug geben, ganz im Gegensatz zur großen Mehrheit der jüdischen Amerikaner.

Viele Israelis halten dem amtierenden US-Präsidenten zugute, dass er Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und die US-Botschaft dahin verlegt hat, dass er die israelische Hochherrschaft über die Golan-Höhen bestätigte, dass er aus dem für Israel nachträglichen Iran-Deal ausgestiegen ist, und dass er die Abraham-Abkommen und damit den Frieden im Nahen Osten wirkungsstark vorantreibt.

Kurz, sie meinen, wie ihr umstrittener Premier Netanjahu, Trump sei „der beste Freund, den Israel jemals im Weißen Haus hatte“. Die amerikanischen Juden bezweifeln das möglicherweise gar nicht; es ist ihnen bei der Wahl ihres Präsidenten einfach nur viel weniger wichtig. Laut einer Umfrage des überparteilichen jüdischen Wahlinstituts vom vergangen März steht Israel bei den amerikanischen Juden ganz unten auf einer Prioritäten-Liste, hinter dem Gesundheitswesen, Medicare, der sozialen Sicherheit, der Wirtschaft, dem Kampf gegen Antisemitismus, dem Waffengesetz, dem Abtreibungsrecht und dem Klimawandel.

Jede Stimme zählt

Um die Israelis geht es aber nicht wirklich, denn die meisten können ja in den USA nicht wählen. Allerdings leben in Israel letzten Schätzungen zufolge über 250.000 Tausend Menschen, die über eine doppelte Staatsbürgerschaft verfügen, und rund 30.000, die in den alles-entscheidenden Swing States wie Pennsylvania und Florida registriert sind. „Sie könnten die Wahl in ihrem Staat bestimmen“, versichert Marc Zell. Schließlich, so der Vorsitzende der internationalen Republikaner in Israel, habe ein solcher Wählerpool im Jahr 2000 George W. Bush den Sieg in Florida beschert — und damit die Präsidentschaft.

Zells demokratische Widersacherin, Heather Stone, sieht das ähnlich. „Ich denke, dass die Wähler in Israel einen großen Einfluss auf die Wahlen haben werden, insbesondere in mehreren Bundesstaaten und Distrikten“, bekräftigt die Vorsitzende der Demokraten im Ausland in Israel. Deshalb machen beide Großparteien jetzt auch in Israel Werbung. Demokraten verschicken Wahlpostkarten vor Ort und haben mit dem Kurierdienst DHL einen Rabatt für die Postzustellung von Stimmzetteln aus Übersee vereinbart. Republikaner bringen Pro-Trump-Plakate an israelischen Kleinbussen an und veranstalten mobile Konvois.

Der Tag danach

Das Wahlkampftheater steuert dieser Tage also in den USA, aber auch in Israel, seinem Höhepunkt zu. Aber wird der Wahltag das ersehnte Dénouement bringen? Nicht unbedingt. In Amerika fürchtet man, dass es zu diversen Komplikationen kommen könnte. Fraglich bleibt, ob die Wahlen allerorts glatt vonstatten gehen, ob die Kandidaten, besonders bei einem Kopf-an-Kopf-Rennen, das Ergebnis akzeptieren, ob Hacker davon absehen können, das Resultat zu torpedieren, und ob aufgebrachte Wähler vermeiden werden, Unruhe zu stiften, wenn ihr Kandidat unterliegt.

Wir bleiben dran und berichten weiter, wenn der Vorhang gefallen ist.

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