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US-Abzug stärkt schiitische Milizen im Irak

Militärübung schiitischer Hashd-al-Shaabi-Milizen im irakischen Basra
Militärübung schiitischer Hashd-al-Shaabi-Milizen im irakischen Basra (© Imago Images / Anadolu Agency)

Während im Irak der Abzug der US-Truppen anläuft, halten sich schiitische Milizen mit Angriffen auf amerikanische Stützpunkte zurück. Gleichzeitig wächst der Druck von außen.

Mitte September stuften die USA vier irakische Milizen als Terrororganisationen ein. Damit erhöhten sie den Druck auf schiitische Gruppen, die als Verbündete Teherans gelten und hinter den Angriffen auf amerikanische Basen und die US-Botschaft in Bagdad stehen. Eine der Milizen, Harakat Ansar Allah al-Awfiya, griff im Januar 2024 mit einer Drohne den US-Außenposten Tower 22 in Jordanien an, wobei drei Soldaten ums Leben kamen.

Die gelisteten Milizen sind nicht bloß politische Akteure, sondern bewaffnete Formationen mit eigener Schlagkraft. Im Irak treten sie seit Jahren als Teil der »Widerstandsfraktionen« auf, die US-Truppen und Koalitionsstützpunkte ins Visier nehmen. Mit iranischer Hilfestellung verfügen sie über Raketen und Drohnen und agieren unabhängig von staatlicher Kontrolle und bilden damit eine Parallelmacht, welche die Autorität der Regierung in Bagdad immer wieder untergräbt.

Die sogenannten Hashd al-Shaabi (deutsch: Volksmobilisierungskräfte) entstanden 2014. Damals folgten Zehntausende Männer aus dem mehrheitlich schiitischen Süden dem Aufruf von Großajatollah Ali al-Sistani, sich dem Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) anzuschließen. Nach dem Sieg über den IS und seinem Ende behielten sie ihre Waffen, operieren nun eigenständig und konkurrieren miteinander. Viele andere waren lange Teil jenes Netzwerks aus Verbündeten und Stellvertreterkräften, das Irans General Qasem Soleimani über Jahre als Stellvertretermilizen der Islamischen Republik aufbaute – neben der Hamas, der Hisbollah und den Huthi-Rebellen.

Milizen zwischen Autonomie und Staatsmacht

Die Rolle der Milizen hat sich gewandelt. Erfahrung mit der direkten Konfrontation mit den USA hatten sie bereits 2020: Der Tod ihres Anführers Abu Mahdi al-Muhandis bei demselben Drohnenangriff, der auch Soleimani in Bagdad getötet hatte, zwang die Führungsriege in den Untergrund. Seither agieren die Gruppen eigenständiger und weniger abhängig von iranischen Direktiven, analysierte die Washington Post.

Gleichzeitig sind die schiitischen Milizen zu zentralen Akteuren innerhalb der irakischen Regierung aufgestiegen – mit Milliarden-Einnahmen aus dem Staatshaushalt, weitreichenden Geschäftsnetzwerken und so viel Einfluss wie nie zuvor. Bei einem offenen Krieg gegen die USA hätten diese Gruppen viel zu verlieren.

Entsprechend zurückhaltend war die Reaktion, als die USA im Juni iranische Atomanlagen bombardierten. Am Tag darauf meldete das irakische Militär, ein Schwarm kleiner Drohnen habe sechs Armeestützpunkte ins Visier genommen, aber nur zwei getroffen: Am Stützpunkt Taji nördlich von Bagdad sowie an der Imam-Ali-Basis in der Provinz Dhi Qar wurden Radarsysteme beschädigt, Verletzte gab es nicht. US-Truppen waren an keinem der Orte anwesend. Die zurückhaltende Reaktion der Milizen zeige, dass sie nicht in einen Konflikt hineingezogen werden wollen, der wie im Fall der Hisbollah im Libanon zur Zerschlagung führen könnte.

Diese Zurückhaltung deckt sich mit Teherans Kalkül. Auch der Iran profitiert von der Ruhe im Nachbarland, die für seine nationale Sicherheit als auch für seine wirtschaftliche Lage entscheidend ist. Während westliche Regierungen versuchen, die Islamische Republik mit Sanktionen zu isolieren, ist der Irak zur ökonomischen Drehscheibe für Teheran geworden. Er fungiert nicht nur als wichtiger Handelspartner: Nach Recherchen des Thinktanks Chatham House nutzt Teheran irakische Wechselstuben für Geldtransfers und irakische Häfen, um sanktioniertes Öl umzuschlagen und neu zu deklarieren – ein wichtiger Zugang zur internationalen Wirtschaft.

Armut, Korruption, Gewalt

Während der Iran sein Nachbarland ökonomisch nutzt, bleibt die innere Ordnung im Irak brüchig. Trotz reicher Ölvorkommen gelingt es der Regierung in Bagdad nicht, die grundlegende Versorgung sicherzustellen. Laut UNO lebt mehr als ein Viertel der Bevölkerung in Armut, ein Drittel der Jugendlichen ist arbeitslos. Investitionen in Bildung, Infrastruktur oder Sozialprogramme bleiben aus, stattdessen fließen die Einnahmen in einen aufgeblähten Staatsapparat oder versickern durch Korruption innerhalb der politischen Eliten.

Die offizielle Armee ist personell geschwächt und strukturell fragmentiert. Internationale Hilfe verpufft zwischen ineffizienten Ministerien, lokale Verwaltungen agieren willkürlich. Im Norden bleibt das Verhältnis zur kurdischen Autonomieregierung angespannt, im Süden kontrollieren Milizen weite Gebiete. Der Premierminister versucht zu vermitteln, doch ihm fehlen Machtmittel und Rückhalt.

Und dann ist da immer noch der Islamische Staat. Auch wenn das Kalifat militärisch zerschlagen wurde, ist der IS nicht verschwunden. In ländlichen Regionen, vor allem in den Provinzen Diyala, Salah ad-Din und Kirkuk, verübt er weiterhin Anschläge. Die irakischen Sicherheitskräfte reagieren mit Razzien und Festnahmen, doch langfristige Stabilität schaffen sie nicht. Die Ursachen – Armut, Ausgrenzung, Misstrauen – bleiben ungelöst.

Schrittweiser Abzug

Der Rückzug der Amerikaner verstärkt diese strukturellen Defizite. Bereits 2024 beschloss Washington, die Präsenz seiner Truppen schrittweise zu reduzieren. Diesen Abzug forderte das irakische Parlament schon seit 2020, nachdem die USA unter Präsident Donald Trump in Bagdad den General der Iranischen Revolutionsgarde Qasem Soleimani und den irakischen schiitischen Milizenführer Abu Mahdi al-Muhandis töten ließen.

Geplant war, den Abzug in zwei Stufen zu vollziehen: Zunächst sollte die Mission »Operation Inherent Resolve« schrittweise reduziert und bis 2025 in eine Sicherheitskooperation überführt werden, ehe 2026 der Abzug der rund 2.500 stationierten Soldaten abgeschlossen sein würde. Ein kleines Kontingent sollte lediglich in der autonomen Region Irakisch-Kurdistan verbleiben, wo die Amerikaner nicht als Besatzer, sondern als Partner gelten.

Der Rückzug nach Kurdistan wahrt die Handlungsfähigkeit der USA: Von dort lassen sich Einsätze in Syrien und gegen den Iran koordinieren, zugleich können von Erbil aus Operationen gegen IS-Zellen im Norden des Iraks geführt werden. Doch für den Rest des Landes bedeutet der Abzug einen Machtverlust für den irakischen Staat: In Diyala, Salah ad-Din oder im Süden fehlt künftig die unmittelbare Unterstützung durch US-Truppen – also dort, wo sowohl der IS im Untergrund weiterhin agiert und schiitische Milizen dominieren.

Damit gewinnen die Milizen zusätzlichen Spielraum. Sie treten längst als Sicherheitsakteure auf, kontrollieren Checkpoints und binden lokale Verwaltungen in ihre Netzwerke ein. Ihre Nähe zu Teheran verschafft ihnen Ressourcen, während die irakische Regierung an Einfluss verliert. Der kleine US-Verbleib in Erbil ändert daran wenig – er markiert eher Präsenz als tatsächliche Kontrolle.

Ob die irakische Regierung diese Gemengelage im Griff behält, ist offen. Der US-Abzug schafft neue Spielräume für Milizen und Nachbarstaaten, während alte Konfliktlinien im Inneren bestehen bleiben. Entscheidend wird sein, ob es Bagdad gelingt, die fragile Balance zwischen innerer Stabilität und dem Ringen um Einfluss zwischen Washington und Teheran zu halten.

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