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Eine US-Abgeordnete verbreitet antisemitische Ritualmordlegende

Rashida Tlaib auf einer Wahlkampveranstaltung für Bernie Sanders
Rashida Tlaib auf einer Wahlkampveranstaltung für Bernie Sanders (© Imago Images / ZUMA Press)

Rashida Tlaib, die wegen ihres Antisemitismus umstrittene – aber auch von vielen verehrte – demokratische Abgeordnete des amerikanischen Repräsentantenhauses und Wahlkampfrednerin des sozialistischen Präsidentschaftsbewerbers Bernie Sanders, steht erneut wegen einer Äußerung über Juden in der Kritik.

Tlaib hatte am Samstag eine nicht überprüfte Story retweetet, in der behauptet wurde, „eine Herde gewalttätiger israelischer Siedler“ habe einen siebenjährigen arabisch-palästinensischen Jungen entführt, getötet und in einen Brunnen geworfen.

Hintergrund der Geschichte ist, dass ein Junge aus dem Jerusalemer Stadtteil Beit Hanina vermisst wurde, später, den Kopf im Schlamm, unter einer Holzplanke aufgefunden wurde und bald darauf starb. Offensichtlich handelte es sich um einen Unfall, selbst Publikationen der Palästinensischen Autonomiebehörde sprechen nicht von einem Fremdverschulden, geschweige denn von einem von Israelis verübten Mord. Die PLO-Funktionärin Hanan Ashrawi, von der Tlaib den Tweet übernommen hatte, distanzierte sich später halbherzig:

„Entschuldigung dafür, dass etwas retweetet wurde, das nicht völlig verifiziert ist. Es scheint, dass die Nachricht von der Entführung nicht sicher ist.“

Rashida Tlaib löschte ihren Retweet stillschweigend. Jonathan Greenblatt, der Vorsitzende der Bürgerrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL), forderte sie auf, sich zu entschuldigen, dass sie eine „Blutlüge“ gegen das jüdische Volk verbreitet habe.

Als Blutlüge, Blutgerücht oder Ritualmordlegende bezeichnet man den schon seit der Spätantike gegen die Juden erhobenen Vorwurf, sie würden Kinder ermorden, weil sie das Blut für rituelle Handlungen benötigten.

In der Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit waren Ritualmordlegenden ein häufiger Anlass für Pogrome gegen Juden. 1144 etwa wurde Juden im englischen Norwich der Vorwurf gemacht, sie hätten zum Pessachfest ein vermisstes christliches Kind, William von Norwich, entführt und zu Tode gemartert wie Christus am Kreuz. Das Gerücht zog eine Anklage gegen örtliche Juden nach sich, die abgewiesen wurde, woraufhin es ein Pogrom gab.

In den folgenden Jahrhunderten gab es zahlreiche ähnliche Fälle. Ein bekannter Fall der Neuzeit ist die „Damaskusaffäre“ von 1840: Als der Kapuzinermönch Pater Tomaso und sein muslimischer Diener vermisst wurden, wurden die örtlichen Juden bezichtigt, die beiden entführt und getötet zu haben. Juden wurden unter Folter zu Geständnissen gezwungenen oder gleich ermordet, wenn sie nicht gestanden. Es gab im ganzen Nahen Osten Pogrome und Angriffe auf Synagogen. Der US-Konsul in Ägypten legte im Auftrag des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Martin Van Buren, förmlichen Protest gegen die Pogrome ein – dies war wohl das erste Mal in der Geschichte, dass sich die USA mit einer Angelegenheit des Nahen Ostens beschäftigten.

„Blutgerücht im Jahr 2020“

Im Hinblick auf Rashida Tlaib schrieb Greenblatt auf Twitter: „Dies ist ein Beispiel dafür, wie das Blutgerücht im Jahr 2020 funktioniert.“ Eine Entschuldigung sei „überfällig“ fügte er hinzu. Tlaib hat sich nicht entschuldigt, sondern lediglich am Dienstag getwittert:

„In dieser Ära der inakkuraten und manipulativen Nachrichten werde auch ich danach streben, bei dem, was ich teile, den höchsten Maßstäben zu genügen. Wisset, dass ich immer nach der Wahrheit strebe, während wir die Unterdrückten aufrichten und für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit kämpfen.“

Dass infame Vorwürfe gegen Juden so schnell weiterverbreitet werden – insbesondere Geschichten, in denen Juden als sadistische und satanische Kreaturen erscheinen, die das Böse um seiner selbst willen tun –, liegt zum einen daran, dass der Antisemit den Juden ohnehin jede böse Tat zutraut, zum anderen daran, dass er geradezu süchtig nach Fiktionen ist, die sein Weltbild bestätigen.

Dass sich in Rashida Tlaibs Weltbild antisemitische Klischees leicht integrieren lassen und sogar ein Bestandteil davon sind, ist nicht neu. So twitterte sie im Januar 2019, die US-Kongressabgeordneten, die eine Anti-BDS-Resolution unterstützten, hätten „vergessen, welches Land sie vertreten“. Das zugrunde liegende antisemitisches Klischee: Über hundert Jahre lang wurde Juden vorgeworfen, sie hätten eine doppelte (bzw.) geteilte Loyalität, stünden nicht hundertprozentig hinter ihrem Land. Dass dieser Vorwurf gerade von Tlaib geäußert wurde, war bemerkenswert: Nach eigenem Bekunden fühlt sich die amerikanische Abgeordnete als Teil „unseres palästinensischen Volkes“.

Tlaibs Streifzüge ins Universum des Antisemitismus

Tlaib ist eine Freundin der verurteilten Doppelmörderin Rasmea Odeh und des Hisbollah-Unterstützers Abbas Hamideh, mit dem sie sich immer wieder fotografieren lässt. Hamideh hat laut Recherchen der NGO Clarion Project Verbindungen zu den Regimes in Teheran und Damaskus. Rashida Tlaib möchte den Staat Israel abschaffen und hat dies auf einer in ihrem Büro hängenden Landkarte bereits vorweggenommen. Anfang 2019 kam ans Licht, dass Tlaib im Jahr 2006 eine Kolumne für das antisemitische Propagandaorgan Final Call des Hitler-Verehrers und Gründers der rechtsextremen Nation of Islam, Louis Farrakhan, beisteuerte.

Mena-Watch bat den israelischen Antisemitismusforscher Manfred Gerstenfeld um eine Einschätzung des jüngsten Falls. Per E-Mail schreibt er:

„In unseren Zeiten, die schlecht als ‚postmodern’ beschrieben werden, ist der Antisemitismus wie etliche andere Phänomene auch in viele Elemente zersplittert. Zudem gibt es Aktivitäten und Äußerungen an den Randbereichen des Antisemitismus und darüber hinaus. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, wo eine Person im Universum des Antisemitismus steht, muss man alles damit zusammenhängende verfolgen, was sie tut und sagt.

Das Simon Wiesenthal Center hat nicht gezögert, die Positionen zweier amerikanisch-muslimischer Kongressabgeordneten in die jährlich veröffentlichte Liste der zehn weltweit schlimmsten antisemitischen und antiisraelischen Vorfälle von 2019 aufzunehmen. Eine von ihnen ist Rashida Tlaib, Amerikas erste Kongressfrau palästinensischer Abstammung. Die andere ist Ilhan Omar.“

Was die „nicht überprüfte und falsche Behauptung“ angehe, israelische Siedler hätten einen palästinensischen Jungen getötet, schreibt Gerstenfeld, diese stehe in einer Reihe „mit der falschen und antisemitischen Behauptung, die Juden benötigten das Blut von Christen, um Matzen für das Passahfest zu backen“. „Nicht antisemitisch, aber eine Verzerrung des Holocaust war Tlaibs Behauptung, dass sie ein ‚warmes Gefühl hat, was die Weise betrifft, wie Palästinenser ein Heimatland für Holocaustüberlebende bereitgestellt haben’“, so Gerstenfeld. Er erinnert daran, dass einer von Tlaibs wichtigsten Spendensammlern, Maher Abdel-Gader, ein Video verbreitet hat, in dem er die Juden als „satanisch“ bezeichnet.

Gerstenfelds Fazit: „Man kann nur bedauern, dass die israelische Regierung keine Anti-Propaganda-Agentur hat. Hätte sie eine, würde diese regelmäßig Tlaibs Streifzüge ins Universum des Antisemitismus publik machen.“

Nicht das erste Mal

Dass Rashida Tlaib das antisemitische Blutgerücht über die Juden verbreitet, weckt Erinnerungen an ihre geplante Reise in die Palästinensischen Autonomiegebiete im August vergangenen Jahres. Diese Reise sollte von der von Hanan Ashrawi gegründeten Organisation Miftah organisiert werden. Wie damals berichtet wurde, verbreitet Miftah ebenfalls die Ritualmordbeschuldigung: In einem (inzwischen gelöschten) Artikel wurden Juden bezichtigt, für das jüdische Pessach-Fest das Blut von Christen zu benutzen.

Als Blogger den Artikel verurteilten, behauptete Miftah, die Kritik an dem Text sei Teil einer „Schmutzkampagne“. Immer noch auf der Website von Miftah verfügbar ist ein Artikel aus dem Jahr 2007, in dem es heißt, ein israelischer Rabbiner habe ein Dekret veröffentlicht, in dem er dazu aufrufe, die „Ernte“ der Palästinenser zu „stehlen und zu verbrennen, ihr Vieh zu töten und ihre Brunnen zu vergiften“. In einem Text von Miftah aus dem Jahr 2010 wird behauptet, Israelis töteten „Kinder, um ihre Organe zu stehlen“.

Auch Tlaibs Mentor Bernie Sanders ist bekannt dafür, Lügen über angeblich von Israelis begangene Verbrechen zu verbreiten: Israel, sagte er im April 2016 der Website New York Daily News, habe 2014 in Gaza in „wahllosen Bombardements“ „über 10.000 Menschen getötet“ – beide Behauptungen entsprangen seiner Phantasie. Sanders hat beste Chancen, der Kandidat der Demokratischen Partei bei den Präsidentschaftswahlen im November zu werden. Auch bei Ilhan Omar und Rashida Tlaib glaubt wohl niemand ernsthaft, dass ihre antisemitischen Äußerungen ihrer politischen Karriere in irgendeiner Hinsicht schaden könnten.

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